Einschränkungen wegen des Coronavirus

Viel Verständnis: Das denken die Menschen im Landkreis über Maskenpflicht und Co.

+
Endlich wieder zum Friseur: Johannes Ellenberger hat sich einen der ersten Termine im Salon von Norbert Eckart in Bad Hersfeld gesichert. Wie Haare schneiden auch mit Maske funktioniert, demonstrieren er und Friseurin Bettina Daube. In allen Salons gelten die Hygiene- und Abstandsregeln und es wird nur nach Anmeldung geschnitten.

Wir haben uns im Landkreis umgehört, was die Menschen inzwischen über Corona, die Maskenpflicht und weitere Einschränkungen denken. Die meisten haben Verständnis.

Notwendiges Übel oder völlig überflüssig, Gefahr oder Panikmache? Wir haben uns am Montag im Landkreis umgehört, was die Menschen von Corona, der Maskenpflicht und weiteren Einschränkungen halten:

Im Cantus nach Bad Hersfeld sitzt am Montagmorgen um acht Uhr nur eine Handvoll Menschen, verstreut in allen Zugabteilen. Ein jüngerer Mann spielt mit seinem Handy, zwei junge Frauen haben Kopfhörer in den Ohren, weiter vorne packt ein Mann ein Buch aus. Der spielende Mann am Handy – er heißt Hamid Mirzai, kommt aus Rotenburg und ist 20 Jahre alt – sagt: „Ich habe jetzt eine Maske und wasche meine Hände öfter, aber sonst hat sich durch das Virus nichts für mich geändert.“ Er vermisst zwar seine Freunde, doch stattdessen verbringt er seit Beginn der Corona-Krise mehr Zeit mit seiner Familie. Er hofft sehr, dass das normale Leben bald weitergeht – er lacht und fügt hinzu: „Besonders vermisse ich einen guten Haarschnitt.“

Das normale Leben vor der Corona-Krise wünscht sich Hamid Mirzai (20) aus Rotenburg zurück.

Ein Zugabteil weiter sitzt der 19-jährige Benjamin Diehl aus Reichensachsen (Werra-Meißner-Keis). Er hat sich trotz der starken Einschränkungen mit den Corona-Regeln arrangiert und findet: „Diese Regeln waren und sind notwendig, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Deshalb dürfen jetzt nicht zu viele Lockerungen auf einmal folgen.“

Am Bahnhof inBebrasteigt die 52-jährige Silvia Laudemann aus Bebra mit ihrem Fahrrad hinzu. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit und gut gelaunt, denn: „Heute ist mein erster Arbeitstag nach zwei Wochen in häuslicher Quarantäne. Ich wurde auf Verdacht getestet, doch Gott sei Dank fiel der Test negativ aus. Ich freue mich, meine Kollegen wiederzusehen.“ Mit ihrer Familie hält sie Kontakt über Videoanrufe, da sie die Kontaktverbote ernst nimmt und einhält. Dem Sommer schaut sie etwas betrübt entgegen, da sie leidenschaftlich gerne schwimmt und vermutet, dieses Jahr auf Freibadbesuche verzichten zu müssen. Sie hofft im Hinblick auf die Zukunft, dass es endlich einen Impfstoff oder ein Medikament für das Virus geben wird.

In Bad Hersfeld am Bahnhof sitzt eine junge Frau auf der Bank und wartet auf den Cantus nach Bebra. Die 22-Jährige arbeitet in einem Augenoptikergeschäft und bemängelt, dass viele Leute die Regeln nicht umsetzen. „Einige halten nicht den Sicherheitsabstand ein und andere weigern sich, eine Maske im Geschäft aufzuziehen. Ich muss unsere Kunden ständig darauf hinweisen – dieser Egoismus nervt!“

„Die Corona-Regeln sind total übertrieben“ findet der 57-jährige Taxifahrer Roland Farl.

Auf der Zugfahrt zurück nach Bebra sitzt ein 20-Jähriger aus Offenbach im Cantus. Auch er trägt eine Maske. „Ich finde die Mundschutzpflicht zwar sinnvoll, doch nach zwei Stunden Zugfahrt merke ich jetzt extrem, wie anstrengend es auf Dauer ist, die Maske zu tragen.“ Die meisten Leute nehmen die Einschränkungen in Kauf und halten sie für sinnvoll.

Am Bahnhof in Bebra steht der 57-jährige Taxifahrer Roland Farl aus Weiterode und wartet auf seinen nächsten Fahrgast. Er hat eine andere Sicht. „Ich halte die ganzen Maßnahmen für enorm übertrieben. Ich bin seit 34 Jahren Taxifahrer, habe viele Grippewellen miterlebt, aber nie wurde so ein Aufstand veranstaltet.“ Etwas Gutes habe die Krise jedoch: „Die Straßen sind leer und ich kann so entspannt Auto fahren wie noch nie in meinem Leben.“

Deutlich leerer als sonst sind auch die Busse von Waldemar Klassen, der auf verschiedenen Linien im Kreis unterwegs ist und gerade in Neukirchen pausiert. Er ist seit 27 Jahren im Beruf, aber so etwas wie jetzt hat er natürlich auch noch nie erlebt. Der Bereich hinter ihm ist mit rot-weißen Flatterbändern abgesperrt, einsteigen dürfen die Fahrgäste aktuell nur mir Mundschutz und durch die hintere Tür. Ärger mit den Regeln habe es bisher nicht gegeben, alle würden auch ganz von allein darauf achten, sich nicht zu dicht zusammenzusetzen. „Die Schutzmaßnahmen müssen sein, denke ich“, sagt er verständnisvoll. Er selbst trägt keine Maske. „Das geht am Steuer ja schlecht.“

„Auf jeden Fall nachvollziehen“ kann die Maßnahmen auch die 38-jährige Jasmin Sydow ausWetzlos, die vor der Bankfiliale nun länger warten muss als üblich. „Die Einschränkungen sind minimal und sich daran zu halten, ist erste Bürgerpflicht.“ Die, die jetzt gegen die Regierung und die Beschränkungen wetterten, wären vermutlich die, die dann am lautesten schreien, wenn zum Beispiel die Krankenhäuser voll sind. Die Mutter kann der Krise sogar etwas Positives abgewinnen: „Man nimmt sich mehr Zeit fürs Familienleben, puzzelt, spielt und liest wieder.“

An die Kinder denkt auch Janine Döll, die an der Tankstelle in Oberhaun arbeitet. Ihre Kinder gehen normalerweise in die Kita und in die erste Klasse. „Das ist sehr, sehr schwierig und für Kinder ganz traurig. Sie können ihre Freunde nicht sehen und ihren Hobbys nicht nachgehen. Ich denke, die Kinder leiden am meisten unter der Situation.“ Ihrer älteren Tochter habe sie versucht, das Virus mithilfe einer kindgerechten App zu erklären. Die Maske zu tragen sei gerade an einem langen Arbeitstag anstrengend. Allerdings ergäben sich gerade in der Tankstelle nun auch durchaus lustige Szenen, etwa wenn jemand mit Motorradhelm hereinkommt und gleich vorsichtshalber darauf hinweist, dass es sich nicht um einen Überfall handelt. „Man muss das Ganze mit Humor nehmen“, sagt sie, als die nächste Kundin eintritt – ohne Mundschutz, dafür mit Hand vorm Gesicht.

Hinter Absperrbändern: Busfahrer Waldemar Klassen fährt deutlich weniger Gäste von A nach B als üblich. Ärger mit den Regeln habe es noch nicht gegeben.

Mit Homeoffice hat auch Uwe Niemand nichts zu tun, der beim Bauhof der Gemeinde Hauneck arbeitet und am Friedhof mit Streicharbeiten beschäftigt ist. Für ihn sei fast alles wie immer, erzählt der 50-jährige Familienvater. So langsam dürfe es aber auch mal wieder losgehen, meint er etwa mit Blick auf die Schule.

Alles wie immer – in der Rotenburger Innenstadt kann davon keine Rede sein. Auch als es am Nachmittag nicht mehr regnet, stehen fast nirgendwo Menschen zusammen und unterhalten sich. Unterwegs ist anscheinend nur, wer etwas zu erledigen hat. Viele tragen auch im Freien eine Maske, was ja keine Pflicht ist – größere Menschengruppen sind nicht unterwegs. Der Marktplatz ist verwaist. Nur zwei Männer stehen vor der geschlossenen Gerlach-Filiale. Dass man sich derzeit einschränken muss, finden sie absolut richtig, obwohl beide niemanden kennen, der selbst infiziert war. Das Thema nehme man eher über die Medien wahr.

Zwei Dinge schmecken den beiden aber gar nicht: Dass alle Bundesländer ihr eigenes Süppchen kochen und manches, wo mehrere Menschen auf dichtem Raum beieinander sind, erlaubt ist und manches nicht.

Bei der Fahrt durch den Ostteil des Landkreises wirken die meisten kleinen Dörfer am Vormittag wie ausgestorben. In den Kernorten von Philippsthal und Heringen sind einige zumeist ältere Frauen zu Fuß mit Einkaufstaschen unterwegs, die ihre Gesichtsmasken auch auf dem Weg vom oder zum Geschäft tragen.

Als Daniel Scheuch am frühen Nachmittag auf dem Spielplatz im Philippsthaler Schlosspark das Schild mit der Aufschrift „gesperrt“ abnimmt, sind Rutsche, Schaukel und Klettertürme noch verwaist. Im Ortsteil Gethsemane seien er und seine Kollegen hingegen schon sehnsüchtig erwartet worden, erzählt der Mitarbeiter des Gemeindebauhofs. Den Eltern und Kindern in der Marktgemeinde bescheinigt er in den vergangenen Wochen große Disziplin: „Die Leute haben sich an die Sperrungen gehalten.“ (ebe, nm, jce, czi)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.