Normalität kehrt langsam zurück

Inzidenz in Hersfeld-Rotenburg unter 100: Zwischen Jubel und Verunsicherung

Jubelnd in den Präsenzunterricht: Die Lehrerinnen Marilena Stenzel (links) und Vanessa Böhle sowie die Kinder der ersten Klasse der Grundschule in Ronshausen sind glücklich, wieder zusammen lernen zu können.
+
Jubelnd in den Präsenzunterricht: Die Lehrerinnen Marilena Stenzel (links) und Vanessa Böhle sowie die Kinder der ersten Klasse der Grundschule in Ronshausen sind glücklich, wieder zusammen lernen zu können.

Die sinkende Inzidenz bringt uns der Normalität näher.

Präsenzunterricht, Außengastronomie und keine Testpflicht mehr beim Einkaufen: Wir haben Eindrücke gesammelt, wie die Lockerungen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg ankommen.

Der Unterricht

In der Ronshäuser Grundschule ist am Freitagmorgen in der ersten Stunde erst einmal Gesprächsrunde angesagt: Die Kinder dürfen sich austauschen und die Corona-Schnelltests werden gemacht. „Das läuft sehr entspannt ab. Die Kinder wissen, wie das geht“, sagt Schulleiterin Ute Wagner-Scheel. Mit dem digitalen Unterricht sei man zwar gut klar gekommen, aber der soziale Kontakt habe einfach gefehlt. Dass sie den ganzen Tag einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, mache den Grundschülern nichts aus.

In der dritten Stunde geht es dann mit Mathematik für die erste Klasse der Grundschule richtig los. Gemeinsam rechnen die Kinder und Lehrerin Vanessa Böhle. „Die Stimmung ist richtig gut. Das Zusammenarbeiten klappt in der Schule einfach besser als zuhause“, sagt sie.

Mike Steinhauer ist erleichtert. Der Leiter der Grundschule in Schenklengsfeld freute sich gestern über ein volles Haus. 179 Mädchen und Jungen von der Vorklasse bis hin zu vierten Klasse bevölkerten die Klassenzimmer. „Wir sind alle froh, mal wieder Kinderlärm zu hören, und Leben im Haus zu haben.“ Wann er letztmals so ein volles Haus hatte, daran kann sich Steinhauer schon gar nicht mehr erinnern.

Spielen mit Maske und Abstand: Große Pause an der Grundschule in Schenklengsfeld.

In der heißen Corona-Phase habe es an der Grundschule Landeck nur eine Notbetreuung für bis zu 25 Kinder gegeben. Jetzt wird an seiner Schule langsam alles wieder hochgefahren. „Die einzelnen Klassen werden derzeit durch die Klassenlehrer unterrichtet. Nur in den Jahrgangsstufen drei und vier gibt es auch Fachunterricht. Ebenso für Migrationskinder Deutsch als Zweitsprache“, führt Steinhauer weiter aus.

An seiner Grundschule habe es bis zum heutigen Tag keinen einzigen Coronafall gegeben. Dass dies so bleiben möge, wünscht er sich auch für die Zukunft. „Ich hoffe, dass wir das mit dem Präsenzunterricht nun bis zu den Sommerferien hinbekommen.“ Obwohl das Coronavirus seit mehr als einem Jahr den Schulbetrieb stört und regelmäßig lahmlegt, erinnert sich Steinhauer an einen ganz virusunabhängigen Vorgang aus dem September des vergangenen Jahres, als es an seiner Schule zu einem Wespenalarm gekommen war. Dabei wurden zehn Grundschüler verletzt, als sie auf einem liegenden Baumstamm spielten und ein Nest mit Erdwespen in Aufruhr versetzten.

Das Übernachten

Heidrun Viering vom Stadthotel in Bad Hersfeld blickt gen Himmel und seufzt ein lautes „Gott sei Dank“. Damit meint sie die Möglichkeit, endlich wieder Gäste aufnehmen und beherbergen zu dürfen – wenn auch mit Einschränkungen. Denn die Gäste müssen einen maximal 48 Stunden alten PCR-Test oder einen nur 24 Stunden alten Schnelltest vorweisen. Nur Genesene und vollständig geimpfte Gäste bleiben von der Testpflicht verschont. Bis zu 60 Prozent der Betten dürfen belegt werden.

Warten auf die Gäste: Im Bad Hersfelder Stadthotel bereiten Cindy Pothen und Abdul Ghaffar vom Service die Hotelzimmer vor.

„Kontrolliert wird das alles per Luca-App“, erklärt Viering. Seit November durfte sie im Stadthotel keine touristischen Gäste mehr aufnehmen. Dennoch kam ihr Hotelbetrieb bis dato ohne finanzielle Verluste aus. „Wir haben kostendeckend arbeiten können, da wir die Bundeswehr von Januar bis zum Monatsende im Haus haben. Die haben die Menschen in den Altenheimen getestet“, erklärt Viering.

Das Einkaufen

Erleichterung auch in den Geschäften, die bisher nur Einkaufen nach Termin und mit Test anbieten durften: Seit Freitag ist bei „Click & Meet“ die Vorlage eines Negativergebnisses nicht mehr verpflichtend, sondern wird nur noch empfohlen. „Die Testpflicht war ein riesiger Stolperstein“, sagt Berthold Ebert vom Schuhhaus Ebert im Bebraer Einkaufszentrum. „Die Kunden sind ohnehin schon sehr verunsichert – an der einen Ladentür ist ein Test gefragt, an der nächsten wieder nicht.“ Mit den wenigen, die sich durch die vielen Regeln nicht abschrecken ließen, sei ein kostendeckendes Arbeiten nicht möglich. „Als Einzelhändler legt man dann vielmehr drauf.“ Die Folge: Viele Händler hätten eher früher als später von sich aus wieder zugemacht, vermutet Ebert.

Erleichterung im und ums Bebraer Einkaufszentrum: Der Empfangstisch steht noch, aber einen Test müssen die Kunden im Schuhhaus Ebert nicht mehr vorlegen. Berthold Ebert und Mitarbeiterin Nadine Sukkau hoffen, dass es nun wieder bergauf geht: „Seit über einem Jahr bringen wir das Geld nun schon mit an die Arbeit“, sagt der Schuhhaus-Chef.

Dass nun keine Tests mehr vorgelegt werden müssen, habe sich am Freitag bei der Kundenzahl sofort bemerkbar gemacht. Auf die Hygieneregeln wird im Schuhhaus natürlich weiterhin streng geachtet.

Die Fitness

Dr. Rolf Dieter Werner hat ein ehrgeiziges Ziel: „Ich will 120 Jahre alt werden. Deshalb begrüße ich es sehr, dass ich wieder im Fitnessstudio trainieren kann“, sagt der 74-Jährige am Freitag beim Ausdauer- und Krafttraining im Bebraer Fitness-Park. Mit den Lockerungen kommt wieder etwas mehr Leben ins Studio, berichtet der Inhaber Nejat Sunel. Bisher durften nur Personen mit ärztlichem Attest ins Studio kommen und am Rehasport teilnehmen. Jetzt ist auch eine Anmeldung für die Kurse wieder möglich – allerdings ist die Teilnehmerzahl auf acht Personen beschränkt und ein negativer Corona-Test Pflicht. „Viele warten, bis sie ohne Test ins Fitnessstudio kommen können“, sagt Sunel.

Dr. Rolf Dieter Werner (74) geht jetzt wieder täglich zum Training in den Fitness-Park in Bebra.

Der Inhaber könnte bis zu 40 Personen an den Geräten in Bebra trainieren lassen. Für den gesamten Freitag hatte er 50 Anmeldungen. Die Stimmung im Studio sei allgemein aber sehr gut.

Die Freizeitgestaltung

Bis Freitagnachmittag nutzen 15 Kunden die Momente, in denen sich die Sonne hervortraut, und sitzen in Mosebergs Café. „Dass es keinen großen Ansturm gibt, war zu erwarten“, sagt Sascha Moseberg. Der Chef von mehreren Gastronomiebetrieben in der Bebraer Innenstadt hat trotzdem viel zu tun. „Es ist ein tolles Gefühl, nach sieben Monaten wieder loszulegen.“

Carina Wendt muss in Mosebergs Café dagegen noch Tests verlangen – freut sich aber über die ersten Gäste im Außenbereich, von denen einer sogar für seinen Kaffee einen Test vor Ort machte.

Am Abend soll auch die Dachterrasse des Brauhauses öffnen, erste Reservierungen gibt es schon. „Das sind zum Beispiel Pärchen, die das als gemeinsamen Abend planen. Dafür sind die Gäste eher bereit, einen Test zu machen, als für einen Kaffee am Nachmittag.“ Wer keine Negativbescheinigung hat, kann sich direkt vor Ort testen. Der Kostenfaktor für Moseberg: fünf Euro. „Das müssen wir leider eins zu eins weitergeben“, sagt der Gastronom.

Wieder unterwegs: Susanne Scheffler (links), Kristin Jakob und Stefanie Dehnhardt beim Minigolf.

Die Freundinnen Susanne Scheffler, Stefanie Dehnhardt und Kristin Jakob haben gleich mehrere Gründe für gute Laune, allen voran die ersten deutlichen Lockerungen im Kreis – und den Geburtstag von Susanne am Samstag, den das Trio am Freitag einfach schon mal bei einer Partie Minigolf im Rotenburger Schlosspark vorfeiert. „Es ist schön, dass so was wieder möglich ist. Wir waren schon sehr lange nicht mehr zu dritt unterwegs“, sagt Kristin Jakob.

Auch Kathrin Braun-Führer, Inhaberin des Minigolf-Platzes mit Biergarten, freut sich über die Öffnung. Der Terminplan für das Wochenende füllt sich bereits, eine Anmeldung für die Runde Mini-Golf ist Pflicht. Ein negativer Corona-Test ist nur für den Biergarten notwendig. (Clemens Herwig, Natascha Terjung, Mario Reymond)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.