Mit 24.000 Litern über Land: Werner Collmann bringt die Milch von den Bauern zur Molkerei

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Werner Collmann vor dem Tanklaster am Bad Hersfelder Eichhof abfahrbereit in Richtung Hochwald-Molkerei in Hünfeld.

Wie kommt eigentlich die Milch von den Bauern zur Molkerei? Wir haben Milchspediteur Werner Collmann auf einer Sammeltour durch den Landkreis Hersfeld-Rotenburg begleitet.

Wer mit Werner Collmann durch die Dörfer fährt, dem wird der Strukturwandel in der Landwirtschaft eindrücklich vor Augen geführt.

„Alleine hier hatten wir früher zehn Lieferanten“, erzählt der 58-Jährige, während er seinen Dreiachser durch eine enge Ortsdurchfahrt manövriert. Auf dem Edelstahltank des Lastwagens prangt zwar das Hochwald-Logo, im Auftrag der Hünfelder Molkerei ist Collmann jedoch als selbstständiger Spediteur unterwegs. Vier Fahrer hat er angestellt, zusätzlich sitzen manchmal sein Sohn oder sein Schwager am Steuer der beiden Tankwagen mit Anhänger. Als Urlaubs- und Krankheitsvertretung springt der Chef selbst ein.

Durch eine Öffnung in der Wand klemmt Werner Collmann den Schlauch an einen Milchtank an

Als Collmann mit seinem Gespann um punkt 8 Uhr am Bad Hersfelder Landwirtschaftszentrum Eichhof vorfährt, hat er bereits eine nächtliche Tour zur Molkerei hinter sich. 

Durch eine Öffnung in der Wand der Milchküche schließt Werner Collmann den Schlauch des Milchsammelwagens an den Edelstahltank an und startet die Pumpe. In nur knapp zwei Minuten strömen über 2000 Liter Milch in die erste von drei Kammern des Tankaufbaus.

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Milchlaster ist gleichzeitig ein kleines Labor

Der 500 PS starke Lkw ist zugleich ein kleines Labor auf Rädern. Ein Sensor ermittelt die Milchtemperatur. "Vier bis sechs Grad sind ideal, bei mehr als acht Grad dürfte ich die Milch nicht mitnehmen“, erklärt Werner Collmann. Automatisch wird beim Absaugen eine Probe abgezapft. 

Nach der halben Tour pumpt Werner Collmann die Milch vom Lastwagen in den Anhänger um.

Neben einer Sammelflasche befüllt die Anlage für jeden Lieferanten ein mit Barcode gekennzeichnetes Reagenzröhrchen. So kann die Milch eindeutig zurückverfolgt werden. Anhand dieser Proben werden später im Labor Fett-, Eiweiß- und Zellgehalt ermittelt, nach denen sich die Bezahlung der Landwirte richtet.

Collmanns Milchlaster sind das ganze Jahr unterwegs

Ein Futtermisch-Lastwagen, der die Zufahrt zum zweiten Milchtank der landeseigenen Versuchs- und Bildungseinrichtung blockiert, bremst Werner Collmann aus. Der Spediteur hat einen straffen Zeitplan: Zwischen den einzelnen Höfen ist zwar etwas Spielraum, kommt er jedoch zu spät in der Molkerei an, muss er warten, bis andere Tankwagen entladen sind. 

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Auch die Landwirte sind jedoch darauf angewiesen, dass ihr Lagertank alle zwei Tage pünktlich vor dem nächsten Melken geleert wird. Collmanns Lastwagen sind deshalb an 365 Tagen im Jahr unterwegs, auch bei Schnee und Eis, an Weihnachten, Silvester und Ostern – im zweitägigen Wechsel auf denselben Routen, die von der Molkerei alle fünf Jahre neu ausgeschrieben werden.

Auch das gibt es noch: In Asbach werden die Milchbehälter mit der Handkarre an den Lastwagen gebracht. 

Nachdem auch der Inhalt des zweiten Milchtanks abgesaugt ist, koppelt Werner Collmann auf dem Eichhof-Gelände den Anhänger ab, sichert Deckel und Abdeckungen der Milchleitungen mit Schlössern und startet mit dem Laster zur ersten Sammelrunde. Im Ortskern von Asbach stehen schon drei kleinere Milchbehälter bereit, die mit einer Handkarre bis ans Hoftor gebracht wurden. „Auch das gibt es noch“, sagt Collmann während er das Saugrohr an den Schlauch anklemmt.

Werner Collmann begegnet nur selten den Landwirten

Im Hof nebenan fährt der Lastwagen bis in die Scheune hinein. Landwirt Wolfgang Alles öffnet Collmann das Tor. Während die Pumpe läuft, ist Zeit für ein kurzes Gespräch. Nur wenigen Bauern begegnet Collmann auf seiner Tour persönlich. „Nachts sowieso nicht und vormittags sind sie entweder nach dem Melken beim Frühstück oder schon mit dem Traktor unterwegs“, erzählt er. Der Spediteur kennt alle Klappen und Türen zu den Lagertanks, startet deren automatische Reinigungsfunktion, nachdem er den Inhalt – von Hof zu Hof mal knapp vierhundert, mal über 3000 Liter – abgesaugt hat. Seinen Dreiachser rangiert er durch enge Gassen und in schmale Höfe.

Hier untersucht der Milchspediteur die automatisch gezogene Sammelprobe auf Hemmstoffe.

Über Hilperhausen und Roßbach führt die Route nach Kerspenhausen. Per GPS-Signal erkennt der Bordcomputer den jeweiligen Lieferanten. Nach sieben Stopps ist der 16 000 Liter fassende Tankaufbau gut gefüllt. Der Lastwagen kehrt zum Eichhof zurück, wo Collmann die Milch in den abgestellten Anhänger umpumpt. 

Mit einem Teststreifen hat er zuvor die gesammelte Probe auf Hemmstoffe untersucht – Medikamenten- oder Reinigungsmittel-Rückstände, die nicht in die Milch gelangen dürfen. „Der ganze Tankwageninhalt müsste dann entsorgt werden“, erklärt er. Die zweite Runde führt den Besengrund hinauf nach Oberthalhausen und über Hof Trunsbach zurück nach Friedlos, wo Altbauer Heinrich Goßmann den Milchwagen bereits erwartet. „Der letzte Melker von Friedlos“, scherzt Werner Collmann.

24.000 Liter Milch auf einer Sammeltour

Nach einem weiteren Stopp in Sorga ist der 58-Jährige knapp drei Stunden nach dem Start zurück am Eichhof. Collmann kuppelt den Anhänger an und nimmt Kurs auf Hünfeld. 24.000 Liter Milch wird er dort abliefern, anschließend noch Milchtanks säubern und schließlich in seinen Heimatort Beenhausen zurückkehren. Wenige Stunden später startet einer seiner Fahrer mit dem Lastwagen schon wieder zur nächsten nächtlichen Sammeltour.

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Milchtransport seit 1937: Die Kannen wurden von Hand geleert

Werner Collmann (rechts) betrachtet mit seinen Eltern Edith und Gerhard Fotos aus den vergangenen 72 Jahren Milchtransport.

Werner Collmann, der den Betrieb im Jahr 2001 von seinem Vater übernommen hat, ist Milchspediteur in dritter Generation. Mit dem Pritschen-Lkw hatte sein Großvater Paul Werner 1937 begonnen, die gefüllten Milchkannen in den umliegenden Orten einzusammeln und leer aus der Molkerei dorthin zurückzubringen. Als dessen Schwiegersohn Gerhard Collmann 1962 ins Geschäft einstieg, wurde der erste Tankwagen angeschafft.

„Die Kannen mussten anfangs aber noch per Hand ausgeschüttet werden“, erzählt der heute 82-Jährige. „Wir haben nicht nur die Milch eingesammelt, sondern gleichzeitig auch Erzeugnisse wie Magermilch, Quark und Butter an die Bauern verteilt“, erinnert sich seine Frau Edith. 

Die Collmanns in den 1960er-Jahren mit dem ersten Sammelwagen, bei dem die Milchkannen noch von Hand ausgeschüttet wurden.

Über 30 Milchlieferanten habe es da alleine in ihrem Heimatort gegeben, ganze 73 in Mecklar. Selbst als Werner Collmann 1984 nach seiner Bundeswehrzeit in den elterlichen Fuhrbetrieb einstieg, hielten die Milchlaster auf manchen Touren noch an über 200 kleinen Höfen. Heute sind es durchschnittlich zehn Stopps pro Sammelrunde – selten mehr als zwei in einem Dorf, in vielen Orten auch gar keiner mehr. 

Der erste selbst gebaute Tankanhänger der Familie Collmann.

Die Milchmenge eines Betriebs sei aber oft größer, als früher im ganzen Dorf zusammen, verdeutlicht Werner Collmann. Bis nach Friedland und Breuna sowie rund um Melsungen, Gudensberg und Eschwege führen die Sammeltouren der beiden Lastwagen des Ludwigsauers inzwischen. In den Anfangsjahren war der Familienbetrieb noch im Auftrag der Hersfelder Molkerei unterwegs, fuhr nach deren Schließung nach Lauterbach und Fulda, lieferte die Milch später in Neukirchen im Knüll ab und seit ein paar Jahren schließlich im Hünfelder Hochwald-Werk. 

Sofern der fortschreitende Strukturwandel das noch zulasse, könne sein Sohn sich durchaus vorstellen, die Familientradition in vierter Generation fortzuführen, berichtet Werner Collmann. „Milch muss auch in Zukunft transportiert werden“, ist der 58-Jährige überzeugt. „Die Frage ist allerdings, von wo nach wo“, fügt er nachdenklich hinzu.

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Mit Spediteur Werner Collmann im Milchsammelwagen unterwegs durch den Landkreis

Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
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Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenbe rg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Jan-Christoph Eisenberg
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Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Archiv Familie Collmann
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Archiv Familie Collmann
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Archiv Familie Collmann
Unterwegs mit Milchspediteur Werner Collmann © Archiv Familie Collmann

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