Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Neue Flüchtlinge im Kreis Hersfeld-Rotenburg sind meist weiblich

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Sie müssen für einen reibungslosen Ablauf in der Erstaufnahmeeinrichtung sorgen: von links Manfred Becker, Abteilungsleiter für Flüchtlingsangelegenheiten, Erstaufnahmeeinrichtungen und Integration beim RP Gießen, mit Einrichtungsleiter Thomas Baader und Jörg Fried, Dezernatsleiter Standorte und Sicherheit.

Hersfeld-Rotenburg – Die Zahl der dem Kreis Hersfeld-Rotenburg zugewiesenen Flüchtlinge ist stark zurückgegangen.

Nur noch etwa 38 Menschen kommen pro Quartal hier an, erklärte der Fachdienstleiter Migration, Frank Hildebrand, auf Anfrage. Fast alle Neuankömmlinge sind Frauen, oft mit Kindern.

Viele von ihnen haben traumatisierende Fluchterlebnisse hinter sich und entsprechende psychische Probleme. Hilfe gibt es vom psychosozialen Dienst in Kassel, aber auch die Betreuerinnen vor Ort sind hier besonders gefordert.

Über den Verein zur Integration von Arbeitskräften VIA beschäftigt der Kreis zwölf Betreuerinnen und Betreuer mit sozialpädagogischem Hintergrund. Die sind allerdings nicht nur für ganz schwere Fälle im Einsatz. Insgesamt sind aktuell 1780 geflüchtete Menschen in Betreuung, erklärte Hildebrand weiter. Zwei Drittel davon haben drei- bis fünfmal im Monat Kontakt zu den Betreuern. Der vom Landkreis gehaltene Schlüssel liegt bei 1:120, also ein Betreuer für 120 Flüchtlinge. Oft seien auch nur Bagatellhilfen nötig, wie etwa Unterstützung bei Anträgen.

Der Kreis hat noch 65 Wohnungen für Flüchtlinge angemietet, zu Hochzeiten waren es 140. Fünf Hausmeister, die ebenfalls bei VIA angestellt sind, kümmern sich um die Unterkünfte für Flüchtlinge. Sammelunterkünfte gibt es noch in Kirchheim, Ludwigsau und Bad Hersfeld – aufgrund der mehrjährigen Erfahrung sind sie inzwischen geschlechtergetrennt. Auch in der Erstaufnahmeeinrichtung in der früheren Kaserne in Rotenburg leben die geflüchteten Frauen mit ihren Kindern inzwischen in einem eigenen Haus, um ihnen einen geschützten Rahmen nach der gerade erst erlebten Flucht zu geben, gibt Einrichtungsleiter Thomas Baader an.

2100 Flüchtlinge im Landkreis beziehen derzeit Geld als Asylbewerber oder nachfolgend Hartz IV, berichtet René Bieber, Leiter des Fachbereichs Arbeit und Migration.

Sprache ist der Schlüssel

Die große Herausforderung für den Fachdienst Migration und Asyl sowie den Fachdienst SGB II/Migration des Landkreises ist nicht mehr die Anzahl der zu betreuenden Menschen. Jetzt gilt es, die Geflüchteten zu qualifizieren, erklärt Fachdienstleiterin Stefanie Führer. Ein weiteres Problem ist die Wohnungssuche. 

An erster Stelle zur Qualifikation steht die Sprache. 15 Sprachkurse und acht Alphabetisierungskurse finanziert der Landkreis, hinzu kommen noch vier berufsbezogene Sprachkurse, die auf den Basiskursen aufbauen. Die Kurse sind laut Führer über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zertifiziert. Alle Anbieter im Landkreis sind nach ihren Angaben in der AG Sprache vertreten, um die Kurse in einem geordneten Verfahren zu belegen. 

Schwänzen geht nicht für die Teilnehmer. Wer fehlt, muss zum Beispiel eine Krankmeldung abgeben. Wer unentschuldigt nicht am Sprachkurs teilnimmt, wird „aufgesucht“, sprich muss sich vor dem Amt rechtfertigen – schon deshalb, weil der Kreis für die Kurse zahlen muss. Dennoch gibt es auch Menschen, die nicht an Sprachkursen teilnehmen. Ebenso wie es welche gibt, die sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht integrieren wollen, wie das Fachpersonal im Kreishaus bestätigt. 

Es gibt auch Kurse speziell für Frauen, in denen Wissen über die Kultur von Ausbildung und Arbeit vermittelt wird. Geflüchteten Frauen ist die Lebenswelt in Deutschland meist komplett fremd, manche haben nie eine Schule besucht. Gemeinsam werden auch Betriebe besucht, damit die Frauen einen Einblick in die Arbeitswelt – und zwar auch und gerade von Frauen – bekommen. Vor allem über Praktika könne man sie in Arbeit vermitteln, erklärt Fachbereichsleiter André Bieber. 

Ein großes Problem ist für viele Frauen die Kinderbetreuung. Deshalb wird auch versucht, parallel zu den Kursen die Kinder zu beaufsichtigen. Befragungen hätten gezeigt, dass die meisten Frauen die Sprache als wichtig ansehen und auch arbeiten wollen.

Ein Wandbild voller Hoffnung: Ein Flüchtling hat dieses Bild in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Rotenburg gemalt. Flüchtlinge und ihre Hoffnung auf ein friedliches Leben gibt es wohl überall.

 Wie viele Menschen im Zuge des Familiennachzugs in den Landkreis gekommen sind, lässt sich laut Fachdienstleiter Frank Hildebrand nicht sagen. Es gebe dafür kein geordnetes Verfahren, bedauert er. Hildebrand wünscht sich, dass auch der Familiennachzug immer über die hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen laufen sollte – weil die Menschen dann zum Beispiel auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden und der Kreis auch eine Vorlaufzeit für die ohnehin nicht leichte Wohnungssuche hätte. Nachziehen würden vor allem Frauen und Kinder, aber auch die Eltern von unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen. Von denen gibt es etwa noch 70 im Landkreis. 

Einig sind sich die Profis in der Flüchtlingsbetreuung, dass die Integration ohne ehrenamtliche Unterstützung nicht möglich ist. Noch immer gibt es in den Kreiskommunen ehrenamtliche Helfer und Vereine, die sich engagieren.

"Ehrenamtlich Arbeit läuft vorbildlich"

Ehrenamtliche Helfer spielen auch in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in der ehemaligen Rotenburger Alheimer-Kaserne eine wichtige Rolle. Ob Kleiderkammer, Deutschunterricht oder im Bereich Vorlesepatinnen – all das und noch mehr leisten Ehrenamtliche, berichtet Einrichtungsleiter Thomas Baader. „Das läuft vorbildlich und hat auch nicht nachgelassen“, sagt Baader. 

Etwa 280 geflüchtete Menschen leben hier, ein Drittel von ihnen sind Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre. Hessenweit sind rund 1870 Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Den höchsten Anteil stellen inzwischen Menschen aus der Türkei – Kurden sowie vermeintliche oder echte Anhänger der Gülen-Bewegung. 

Praktisch jede Woche wird von einer Geflüchteten aus der Rotenburger Einrichtung ein Baby geboren. Die Einrichtung ist auch für besonders schutz- und fürsorgebedürftige Geflüchtete wie Schwangere, Mütter mit Kindern oder Menschen mit Behinderungen ausgerichtet. Der DRK Kreisverband Rotenburg ist von Beginn an in der Einrichtung und kann rund um die Uhr Menschen helfen. Die ursprünglich angedachte Einrichtung einer kleinen Klinik auf dem Gelände liegt allerdings aus Kostengründen auf Eis, erklärte Manfred Becker, der Abteilungsleiter für Flüchtlingsangelegenheiten und Erstaufnahmeeinrichtungen.

 Für die weitere Betreuung stellt das Land zwei Sozialarbeiter, ergänzt Jörg Fried, der zuständige Dezernatsleiter beim Regierungspräsidium Gießen. Unter den Flüchtlingen gibt es auch viele traumatisierte Menschen. Sie werden über das psychosoziale Zentrum in Kassel betreut. Alle Mitarbeiter am Standort würden außerdem im Umgang mit Traumatisierten geschult, sagt Thomas Baader. Er wünscht sich auch in diesem Bereich ehrenamtliche Helfer, die sich gezielt einzelnen Menschen zuwenden. Mal spazieren gehen, mal ins Museum, einfach eine menschliche Begleitung oder eine Art Patenschaft. „Die Menschen brauchen Zuwendung“, sagt er. 

Auch die Bildung von Kindern soll intensiviert werden. Die Struktur in der Einrichtung lässt Unterricht durch Ehrenamtliche zu, man könne den wissensdurstigen Kindern schon die Sprache vermitteln, meint Baader. 

Dass immer wieder öffentlich über die Zukunft der Einrichtung spekuliert wird, sieht man sowohl im Regierungspräsidium als auch in der Einrichtung selbst gelassen. Baader spricht von Störfeuern. Manfred Becker ist sicher, dass die Krisenherde der Welt, also die Fluchtursachen, nicht über Nacht ausgeschaltet werden. Der 2015 abgeschlossene Mietvertrag gilt zehn Jahre.

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