Wochenendporträt

Polizist Ralph Bingel gibt Senioren wichtige Tipps gegen Abzocke

Hilft Senioren im Kreis Hersfeld-Rotenburg dabei, sich zu schützen: Kriminalhauptkommissar Ralph Bingel.
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Hilft Senioren im Kreis Hersfeld-Rotenburg dabei, sich zu schützen: Kriminalhauptkommissar Ralph Bingel.

Enkeltrick oder Abzocke an der Haustür: Ralph Bingel ist das Gesicht der Polizei bei der Seniorenarbeit im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Hersfeld-Rotenburg – Mit einem Buchtitel bricht Ralph Bingel oft das Eis und findet Zugang zu seinen Zuhörern: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“. Es ist ein Werk von Joachim Fuchsberger, Star und Schwarm der Sechziger und Siebziger, ein vertrautes Gesicht für viele Senioren. Der Satz soll zeigen: Die Herausforderungen sind zahlreich und für niemanden leicht zu meistern. Bingel will dabei helfen.

Corona erschwert Arbeit sehr

Der 56-Jährige ist das Gesicht der Polizei bei der Seniorenarbeit im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Derzeit ist seine Arbeit schwierig: Weil Corona auch der Respekt vor der Polizei fehlt, liegt der direkte Kontakt zu den Senioren seit zwei Jahren nahezu brach. „Das belastet uns sehr“, sagt der Kriminalhauptkommissar.

Die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft

Für den zweifachen Familienvater rangieren Straftaten zum Nachteil älterer Menschen – SÄM heißt das kurz im Polizeisprech – direkt hinter Fällen, in denen Kinder die Opfer sind. Wenn es die Täter auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft abgesehen haben. Ihr Beuteschema reicht vom Betrug an der Haustür über den Enkeltrick und Schockanrufe am Telefon bis zum Einbruch. Bei allen Taten ist das höhere Lebensalter der Opfer ausschlaggebend. Gezielt werden Schwächen wie Schwerhörigkeit, Unsicherheit, Einsamkeit und Hilfsbereitschaft ausgenutzt. Gerade auch in der Vorweihnachtszeit müssen ältere Kreisbewohner aufpassen: „Es ist zwar immer Hochsaison. Aber es gibt einen Grund, warum mehr Spendenaufrufe rausgeschickt werden in der dunklen Jahreszeit und wenn Weihnachten vor der Tür steht“, sagt Ralph Bingel.

Nicht einmal den Kindern erzählen

Die SÄM-Fallzall im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Osthessen ist über Jahre gestiegen, auch wenn die Täter meist erfolglos bleiben. Gab es 2016 noch 124 Betrugsversuche, die auch zur Anzeige gebracht wurden, waren es 2019 bereits 351. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Fälle auf 282, die Polizei hofft, dass es ihre Prävention ist, die Wirkung zeigt. Sicher ist: Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. „Die Leute schämen und ärgern sich, am meisten über sich selbst. Sie wollen es oft nicht einmal ihren Kindern erzählen“, sagt Bingel. Dennoch ist sein Appell: „Melden, melden, melden.“ Wer einen Betrugsversuch weitergibt, hilft dabei, andere zu schützen.

Austausch in kleinen Gruppen

Für den Polizist ist sein Job mehr, als Broschüren mit guten Tipps zu verteilen – auch, wenn er sagt: „Wenn sich die jeder zu Herzen nehmen würde, gäbe es diese Straftaten nicht.“ Bingel will den Austausch, am besten in einer kleinen Gruppe. Oft muss er dann nur den Aufschlag machen: „Zum Schluss sind die Teilnehmer mehr am präsentieren als ich“, sagt er mit einem Schmunzeln. Meist bilden sich zwei Pole: Senioren, die sich sicher sind, dass sie nie auf einen Betrüger hereinfallen. Und diejenigen, die davor große Angst haben.

Angst oft größer als Gefahr

Ralph Bingel muss dafür sorgen, dass Sie sich in der Mitte treffen. „Die Angst ist oft größer als die tatsächliche Gefahr“, betont er. Für die Polizei ist die Präventionsarbeit allerdings auch eine Zwickmühle: „Wir wollen Wachsamkeit, aber nicht, dass sich die Menschen abschotten“, erklärt der 56-Jährige. Im Landkreis wurde für diesen Balanceakt unter anderem das Programm „Senioren sind auf Zack“ aufgelegt. In Corona-Zeiten informiert die Polizei aber auch am Telefon.

Offenheit ist für Ralph Bingels Aufgabe unverzichtbar. Was noch? Um einen Zugang zu Senioren zu finden, können „einige Dienstjahre auf dem Buckel“ nicht schaden. Bei Bingel sind es mittlerweile 39 Jahre, 15 davon im Einsatz in Kassel. Seit 2018 ist er bei der Polizei in Bad Hersfeld – seiner Heimatstadt. (Clemens Herwig)

Infos für Senioren gibt die Polizei unter Tel. 06 61/1 05 12 34 sowie Tel. 0 66 21/93 21 12.

Szenen aus dem Mitschnitt eines Betrugsanrufs

Die Täter gehen oft perfide vor. Wir dokumentieren hier Szenen aus dem Mitschnitt eines Betrugsanrufs: „Na, guten Morgen. Ich bin’s“, meldet sich die Stimme am Telefon. Die ältere Dame zögert, kann den Anrufer nicht zuordnen. Dann ein fragendes: „Marko?“. Am anderen Ende der Leitung wird vermutlich auf der Checkliste das erste Häkchen gesetzt: Der Auftakt ist geschafft.

Mit Mitschnitten von Anrufen echter Betrüger macht Ralph Bingel Senioren deutlich, wie perfide die Täter vorgehen, wie routiniert und notfalls auch mit sehr viel Wendigkeit sie auf ihren Gesprächspartner reagieren. Meist, so sagt es der Kriminalhauptkommissar, ist es beim Abspielen der minutenlangen Telefonate mucksmäuschenstill. Wohl nicht nur, weil die Dreistigkeit der Täter sprachlos macht. Sondern weil unverhohlen die Frage im Raum steht: Hätte mir das auch passieren können?

Noch hat der Betrüger in dem Mitschnitt eines echten Betrugfalls viel Arbeit vor sich. „Denkst Du, ich hätte Dich an Deiner Stimme erkannt?“, fragt die ältere Dame unsicher. Also beginnt der Anrufer zu husten, hält das Telefon etwas weiter weg, die Stimme wird zumindest vorübergehend leiser: Natürlich sei er Marko, aber etwas erkältet und außerdem rufe er vom Handy an – deshalb klinge er nicht wie sonst. Es ist dünnes Eis, doch es hält. Sein Opfer akzeptiert die Erklärung.

Also taucht der Mann einen Zeh ins kalte Wasser: „Wie geht’s dir denn?“ Keine Distanz. Der Anrufer ist direkt auf Tuchfühlung, mit dem Tonfall eines Enkels, der mit seiner geliebten Oma spricht. Das Verhältnis zum echten Marko wird ausgelotet, er lässt sein Opfer reden – bleibt an der Oberfläche, wo die Strömung verfänglicher Details nicht so stark ist. Dann fragt er: „Bist Du allein?“. Die Frau lacht: „Wer soll denn hier sein, Du bist vielleicht lustig. Oma muss immer alles alleine machen.“ Es ist der Startschuss für den Täter, der zur Sache kommt. Er müsse ihr ein Geheimnis erzählen, das aber natürlich unter den beiden bleibe. „Ich kann dir doch vertrauen, oder?“, fragt er. Dann tischt er der Frau eine Geschichte auf, die keinen rechten Sinn ergibt, aber kompliziert genug ist, um sein Opfer zu verunsichern. Er habe sich bei der „Euro-Umwandlung“ verschätzt. Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass die Frau ihm mit 25 000 Euro aushelfen soll. Nicht, weil er das Geld nicht habe, sondern weil es so weniger umständlich sei. „Du hast es morgen sofort wieder“, versichert der Anrufer, „sonst kannst Du mir den Kopf abhacken“.

Er klingt niemals bittend oder gar flehend – eher so, als Frage er nach einer Selbstverständlichkeit unter zwei Menschen, die sich zugetan sind. Die Frau zögert, er bearbeitet sie weiter, macht aus der Not eine Tugend: „Hast Du denn so viel?“ Nein, nicht zu Hause. „Aber auf dem Sparkonto?“ Sie lacht, beinahe verlegen. Hat sie. Na das sei doch prima, mit 35 000 Euro wäre ihm noch besser geholfen. „So viel habe ich doch auch nicht“, sagt die Frau. Der Anrufer kennt jetzt ihre Schmerzgrenze, fällt auf die 25 000 Euro zurück – der „Vorschuss“ klingt plötzlich gar nicht mehr nach so viel Geld. „Kannst du das machen?“, fragt er. Kann sie.

Für den Betrüger ist nun Land in Sicht. Die Frau soll das Geld abheben, und zwar schnell. Die Banken machten heute früh zu. „Warum das denn?“, fragt sie. Das sei doch zur Mittagspause immer so, beschwichtigt er. Sie soll aber bloß nicht sagen, dass sie es für ihn abhebt, „Sonst geben die Dir das nicht.“ Da stellten sich die Bankleute immer so an.

Die ältere Frau wirkt mittlerweile völlig überfahren. Er sei die ganze Zeit am Telefon bei ihr, beruhigt sie der Anrufer, von dem sie glaubt, es sei Marko. Sie fragt: „Und was mache ich, wenn ich das Geld nicht kriege?“ Er: „Dann muss ich mich wohl aufhängen.“ Beide lachen. „Das wird schon gut gehen“, ist sich der Betrüger sicher.

Betrug am Telefon

Betrüger auf Beutezug am Telefon – gemein haben die Maschen, dass die Opfer in der Leitung gehalten und so isoliert und kontrolliert werden. Beim Enkeltrick ruft ein „lieber Verwandter“ in finanzieller Not an, der sofort Hilfe braucht. Gängig sind auch Gewinnversprechen, für die eine Gebühr verlangt wird. Seit rund einem Jahr nehmen im Kreis Schockanrufe zu. Die Opfer werden mit Horror-Szenarien massiv unter Druck gesetzt, die Forderungen zu erfüllen. Oft geben sich die Betrüger als Authoritätspersonen wie Polizisten aus.  (cig)

Diese Tipps gibt die Polizei

Wer die Tricks der Täter kennt, kann sich schützen. Das rät die Polizei:

- Stichwort „falscher Polizist“ und Co.: Lassen Sie sich von Behördenvertretern immer den Ausweis zeigen. Fragen Sie bei der Behörde nach. Nutzen Sie dabei eine Nummer aus dem Telefonbuch.

- Anrufernummern lassen sich manipulieren. Die Polizei ruft nie mit 110 an.

- Die Polizei fordert niemals Bargeld, Wertsachen oder setzt Sie am Telefon oder an der Haustür unter Druck.

- Lassen Sie nie Unbekannte in Ihre Wohnung – auch keine Handwerker, die einen „Wasserrohrbruch“ reparieren wollen, vermeintliche Mitarbeiter der Stadtwerke oder freundliche „Helfer“, die Ihnen die Einkaufstasche tragen.

- Nutzen Sie bei Fremden einen Türspion, eine Sprechanlage oder sprechen Sie durch die geschlossene Tür. Öffnen Sie diese nur mit Türsperre.

- Seien Sie misstrauisch, wenn jemand vorgibt, Sie oder einen Verwandten/Bekannten zu kennen. Fragen Sie bei anderen Quellen nach und ziehen Sie eine Vertrauensperson hinzu. (cig)

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