„Es geht langsam ans Eingemachte“

Das sagen Gastronomen, Händler, Friseure und Schüler zur Lockdown-Verlängerung

Symbolbild Einkaufszentrum be! Bebra Corona Lockdown geschlossen Sitzplätze gesperrt
+
Bleibt wohl weiterhin weitestgehend menschenleer: Im Einkaufszentrum be! in Bebras Innenstadt haben nur wenige Geschäfte geöffnet. Die für einen gemütlichen Aufenthalt vorgesehenen Sitzbereiche sind abgesperrt, die Rolltreppen stehen still. Es gilt Maskenpflicht.

Nun ist klar: Der Lockdown ist erneut verlängert worden, und zwar bis zum 7. März. Wir haben uns bei Betroffenen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg umgehört.

Hersfeld-Rotenburg – Geschäfte sollen erst ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 35 öffnen dürfen. Lediglich Friseure dürfen bereits ab 1. März wieder aufmachen, unter bestimmten Bedingungen.

Gastronomie

„Der Frust ist riesengroß“, sagt Holger Reichenauer, Vorsitzender des Kreisverbands Waldhessen des Hotel- und Gastronomieverbands Dehoga. „Wir hatten gehofft, dass sich endlich etwas tut. Aber wir sind noch nicht einmal erwähnt worden. Das ist sehr enttäuschend“, so Reichenauer über die am Mittwochabend von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten verkündete Lockdownverlängerung. Seit dem 2. November, also seit mehr als 100 Tagen, dürfen Restaurants, Kneipen und Hotels nicht mehr regulär öffnen. Hinzu kommen zwei Monate aus dem ersten Lockdown. „Alles in allem sind wir jetzt schon rund ein halbes Jahr zu. Was da für ein Geld verloren wird, ist der Wahnsinn.“ Allein in Hessen habe die Branche im Vergleich zu 2019 im vergangenen Jahr 3,8 Milliarden Euro verloren. „Unser Verband hat einen Öffnungsplan erarbeitet, die Hygienekonzepte liegen sowieso noch vor – aber wir bekommen einfach keine Perspektive“, kritisiert Reichenauer, der im Rotenburger Posthotel arbeitet.

Friseure

Besser sieht es für die Friseure aus. „Wir hätten natürlich lieber jetzt schon aufgemacht“, sagt Peter Fiebig, Obermeister der Friseurinnung Hersfeld-Rotenburg, mit Blick auf die finanzielle Situation vieler Kollegen. „Zuletzt lagen die Nerven blank“, berichtet er. Dennoch sei die Erleichterung groß, zumal andere körpernahe Dienstleistungen noch nicht wieder erlaubt seien. „Der Staat hat offenbar Vertrauen in unsere Branche“, so Fiebig. Die verschärften Hygieneregeln, zu denen unter anderem das Tragen von medizinischen Masken sowie eine Beschränkung der Personenzahl abhängig von der Salongröße gehören, seien deshalb einerseits verständlich, andererseits gerade für kleinere Salons eine Herausforderung. Letztlich gelte aber wohl: „Besser als zu.“ Dass Kunden nach zehn Wochen ohne Haarschnitt abhandengekommen sein könnten, erwartet der Obermeister nicht. Im Gegenteil: „Ich gehe von einem Run ab 1. März aus.“ Die ersten Terminanfragen seien schon am Donnerstagmorgen gekommen, „seitdem klingelt das Telefon“, so Fiebig.

Einzelhandel

„Überhaupt nicht zufrieden“ mit den Corona-Beschlüssen der Bundesregierung ist Jörg Markert, Manager der City Galerie in Bad Hersfeld und Mitglied im Stadtmarketingverein. Der örtliche Einzelhandel vermisse Öffnungsperspektiven. Statt darüber nachzudenken, wie man die Läden wieder zum Laufen bringen kann, habe man nur auf die Virologen gehört. Viele Händler und Gastronomen hielten sich mit „Click & Collect“ oder „Take away“-Angeboten über Wasser. „Aber einige Geschäftsleute scheinen inzwischen auch schon resigniert zu haben – und die Verlängerung des Lockdowns verschärft das weiter“, befürchtet Markert. Die vorgegebene Inzidenz von 35 für weitere Lockerungen hält er für „sportlich – da darf dann nicht viel passieren“. Und so bleibe dem Einzelhandel zunächst nur die Hoffnung auf die Loyalität der Kunden.

Ähnlich äußert sich auch Stefan Pruschwitz, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft SEB in Bebra, der auch für das Einkaufszentrum „Das be!“ zuständig ist: „Es geht langsam ans Eingemachte.“ Jede weitere Woche, die der Lockdown länger dauere, steige die Gefahr von Insolvenzen stark an. „Das kann nicht im Interesse der Regierung sein“, sagt Pruschwitz. Dass die Bemühungen der Betriebe, eine stufenweise Öffnung zu ermöglichen, nicht berücksichtigt würden, bezeichnet er als „massiv unbefriedigend – bei allem Verständnis für die Pandemiebekämpfung“. Mit der erneuten Lockdownverlängerung „bekommen gerade kleine Geschäfte im ländlichen Raum einen vor den Latz“.

Staatliches Schulamt

Die schrittweise Öffnung der Schulen ab dem 22. Februar hält Schulamtsleiterin Anita Hofmann für einen „guten Weg“. Schulen und Lehrer bereiteten sich umsichtig auf den Wechselunterricht vor. „Natürlich wäre der Regelunterricht besser, aber zurzeit noch unvernünftig“, sagt sie. Die Schüler „lechzen“ jedenfalls danach, wieder in die Schule zu kommen. Je jünger sie sind, desto mehr. Die Abiturprüfungen sieht die Schulamtsleiterin aber nicht in Gefahr. Die ersten Prüfungen sollen am 21. April stattfinden, bis dahin sei also noch genügend Zeit. „Lehrer und Schüler haben meist einen sehr persönlichen Draht zueinander gefunden“, sodass die Vorbereitungen auf das Abitur ganz ordentlich verlaufen seien. Natürlich stelle das Abitur die Prüflinge auch vor große psychische Herausforderungen. „Alle Lehrer sind sich dieser Verantwortung bewusst und wissen, welcher Druck jetzt auf den Schülern lastet“, sagt Anita Hofmann.

Kreisschülersprecherin

Auch die Kreisschülersprecherin Wiebke Maibaum bestätigt, dass sich viele Schüler wünschen, wieder in den Unterricht zu können. „Schule heißt ja nicht nur Bildung, sondern auch soziale Kontakte.“ Trotz mancher Bedenken hat sie Verständnis für die Fortsetzung der Corona-Maßnahmen. „Man muss das Risiko abwägen. Wir können uns im Moment noch nicht ausreichend schützen“, sagt sie und verweist vor allem auf die Situation in den Schulbussen. Obwohl zusätzliche Fahrzeuge eingesetzt wurden, „stehen wir da immer noch viel zu eng beieinander“. Leider laufe aber auch beim Home-Schooling, speziell für die jüngeren Schüler, nicht alles reibungslos, sagt Maibaum und beklagt vor allem die Defizite bei der Digitalisierung. „Videokonferenzen ersetzen ohnehin keinen Unterricht“, betont sie. Für die bevorstehenden Abiprüfungen erwartet sie vor allem eine gute Planung der Schulen, etwa für ausreichend Platz in den Prüfungsräumen. Zudem fordert sie, dass mehr auf die Psyche auch der jungen Leute geachtet werden muss: „Wir sind ja nicht nur Schüler, sondern auch Menschen.“

Bürgermeister

Harald Preßmann, Sprecher der Bürgermeister im Landkreis, bezeichnet die jüngsten Corona-Beschlüsse als „okay“. Beim Spagat zwischen Gesundheit und Wirtschaft gehe die Gesundheit einfach noch vor, sagt er: „Weil die Mutationen drohen, müssen wir jetzt Zeit gewinnen und die Impfungen hochfahren. Dann haben wir die Chance, dass im Sommer wieder sehr viel möglich sein wird.“ Dass die Geschäftswelt durch den verlängerten Lockdown leide, „das tut mir leid, und das tut mir selbst auch weh“. (Sebastian Schaffner, Kai A. Struthoff, Nadine Maaz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.