„Belarus wurde die Stimme geklaut“

Montagsinterview mit der Journalistin Yuliya Krannich über ihre weißrussiche Heimat

Von Biberstadt zu Biberstadt: Yuliya Krannich in ihrer Heimatstadt Bobrujsk bei einem Besuch vor zwei Jahren. Der Biber ist nicht nur Bebras Wappentier, sondern auch das ihrer weißrussischen Heimatstadt.
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Von Biberstadt zu Biberstadt: Yuliya Krannich in ihrer Heimatstadt Bobrujsk bei einem Besuch vor zwei Jahren. Der Biber ist nicht nur Bebras Wappentier, sondern auch das ihrer weißrussischen Heimatstadt.

Die aus Belarus (Weißrussland) stammende Journalistin Yuliya Krannich spricht im Montagsinterview mit Kai A. Struthoff über die angespannte Situation in ihrer Heimat.

Kirchheim – Yuliya Krannich ist eine mutige Frau: Als Videoreporterin von TV-News-Hessen berichtet sie mit ihrem Ehemann Jens auch für unsere Zeitung von Unfällen, Feuerkatastrophen und Polizeieinsätzen. Doch momentan hat die gebürtige Weißrussin Angst, wenn sie im Fernsehen die Bilder der gewalttätigen Auseinandersetzungen in ihrer Heimat Belarus sieht.

Yuliya, welche Gefühle hast Du, wenn abends im Fernsehen die Berichte aus Belarus laufen?

Einerseits freue ich mich: Es ist gut, dass die Weltpresse tagtäglich über die Zustände in Belarus berichtet. Das hilft der Protestbewegung. Aber natürlich bin ich auch sehr traurig. In den ersten Nächten nach der Präsidentenwahl am 9. August konnte ich kaum schlafen, weil die schrecklichen Bilder von verprügelten und misshandelten Menschen mich nicht losgelassen haben. Das macht mir furchtbare Angst, denn meine Familie und meine Freunde sind noch dort.

Die Proteste richten sich gegen Präsident Lukaschenko, der seit einem Vierteljahrhundert an der Macht klebt. Ihm wird Wahlfälschung vorgeworfen. Aber was genau wollen die Demonstranten eigentlich erreichen?

Es gibt drei Hauptziele der Demonstranten und ihres Koordinationsrats: Die Freilassung aller politischen Gefangenen, das Ende der Polizei- und Staatsgewalt und das Ende der politischen Verfolgung. Danach verlangen die Menschen neue, freie Wahlen nach internationalen Standards. Dabei muss sich entscheiden, wohin das Land will. Ich sehe zurzeit keine Präferenz für den Westen, die EU, oder in Richtung Russland. Im Gegenteil: Belarus kämpft für seine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Aber jetzt ist auf gar keinen Fall eine auswärtige Einmischung erwünscht.

Das Gesicht der Proteste ist weiblich: Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo sind die Symbolfiguren. Wieso sind gerade die Frauen so stark?

Das kam wohl eher spontan und aus der Wut heraus. Alle drei sind Ehefrauen oder haben enge Verbindungen zu den ehemaligen Kandidaten, die vom zentralen Wahlkomitee nicht zugelassen wurden. Sie stammen zwar aus drei verschiedenen politischen Lagern, aber sie haben sich zusammengeschlossen im Kampf gegen Lukaschenko und für freie Wahlen.

Hätte eine von den drei Frauen das „Zeug dazu“, Präsidentin zu werden?

Warum nicht. Aber ich glaube nicht, dass das ihr eigentliches Ziel ist. Ich glaube zwar, das Swetlana Tichanowskaja in Wahrheit die Wahl gewonnen hat. Aber sie wollte vor allem erreichen, dass es eine freie und offene Präsidentschaftswahl gibt.

Wie erlebt Deine Familie die Konflikte, und wie haltet Ihr Kontakt?

Der Kontakt ist schwierig, weil das Internet oft gestört oder abgeschaltet ist. Wir halten oft Kontakt mit WhatsApp. Meine Familie lebt zwar nicht in der Hauptstadt, aber überall im Land gibt es ja Protestmärsche. Gott sei Dank sind meine Eltern und mein Bruder nicht unmittelbar von der Gewalt betroffen. Ich habe mir aber Sorgen um meinen 13-jährigen Neffen gemacht, der auch bei den Protestmärschen mitlaufen wollte. Aber was soll man da als Tante raten – schließlich geht es um unsere Freiheit. Meine Eltern haben trotzdem unglaubliche Angst, denn sie haben noch die Sowjetunion erlebt. Deshalb reden wir auch nicht über Politik, weil sie immer noch Angst haben, am Telefon abgehört zu werden.

War die Unfreiheit und die politische Einflussnahme der Regierung für Dich damals der Grund, die Heimat zu verlassen?

Unter anderem, aber nicht hauptsächlich. Doch ich erinnere mich noch gut an meine Studienzeit in Belarus, damals habe ich erstmals direkt den Druck und die Manipulation des Regimes erlebt. Von den 60 Studenten meines Jahrgangs sind fast alle ins Ausland gegangen, zwei Drittel von uns sind auch dort geblieben. Und unser Dekan, der auch gegen Lukaschenko war, wurde suspendiert.

Du Hast Dich bei Facebook und jetzt ja auch hier klar auf die Seite der Opposition in Belarus gestellt. Fürchtest Du deshalb Repressionen?

Vielleicht. Aber ich sorge mich vor allem um meine Eltern. Ich fühle mich hier sehr sicher in Deutschland. Wenn ich bedroht werde, kann ich zur Polizei gehen und finde dort auch Gehör. Genau das wollen auch meine Landsleute in Belarus: Sie wollen gehört werden, aber ihnen wurden ihre Stimmen geklaut. Deshalb ist es jetzt auch so wichtig, dass die Journalisten, unsere Kollegen, wirklich objektiv berichten. Es sind doch keine Verbrecher, die dort auf die Straße gehen. Wenn ich die Situation hier und in Belarus vergleiche, dann tut mir das manchmal weh. In Deutschland darf sich jeder frei äußern und gegen alles demonstrieren – ohne dass gleich der Knüppel geschwungen wird.

Zur Person

Yuliya Krannich, wurde 1982 in Bobrujsk, einer Industriestadt mit 220 000 Einwohnern in Weißrussland, geboren. Sie hat an der Weißrussischen Staatsuniversität Philosophie und Sozialwissenschaften studiert. 2003 kam sie nach Deutschland. Die Video-Journalistin arbeitet gemeinsam mit ihrem Ehemann Jens Krannich als Blaulichtreporterin bei der eigenen Agentur TVnews-Hessen, die auch unsere Zeitung mit aktuellen Berichten, Fotos und Videomaterial versorgt. Das Ehepaar Krannich lebt in Kirchheim. (kai)

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