Interview

„Vielen hilft schon das Zuhören“: Projekt Startpunkt hilft jungen Menschen bei Neustart

Regine Möhne und Thomas Sackmann vom Projekt Startpunkt des Bildungswerks der nordhessischen Wirtschaft im Kreis Hersfeld-Rotenburg stehen vor dem Standort in Bad Hersfeld an der Landecker Straße 13.
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Wollen 15- bis 25-Jährige unbürokratisch beim Neustart unterstützen: Regine Möhne und Thomas Sackmann, die das Projekt Startpunkt des Bildungswerks der nordhessischen Wirtschaft im Kreis Hersfeld-Rotenburg umsetzen. Das Bild zeigt die beiden am Standort in Bad Hersfeld an der Landecker Straße 13 (bei Baywa). In Rotenburg befindet sich das Café Startpunkt am Untertor 1.

Oft sind es Gewalt, Schulden oder Drogen, die dazu führen, dass jungen Menschen ihr Leben Schritt für Schritt entgleitet. Helfen soll in Hersfeld-Rotenburg das Projekt Startpunkt.

Bad Hersfeld/Rotenburg – Betroffene unbürokratisch bei einem Neustart unterstützen soll das Projekt Startpunkt, das das Bildungswerk der nordhessischen Wirtschaft als Träger mit zwei Anlaufstellen im Landkreis umsetzt. Auftraggeber ist der Kreisausschuss, finanziert wird das Ganze mit Bundesmitteln.

Wir haben mit Koordinatorin Regine Möhne und Coach Thomas Sackmann gesprochen. Das Team ergänzen Cornelia Göbel, Sven Gesenberg und Detlef Siebert.

Schulmüdigkeit, Gewalterfahrung, Sucht- und Schuldenprobleme, Wohnungslosigkeit: Sie bieten ein umfangreiches Beratungsangebot an. Welche Kompetenzen haben die Mitarbeiter?
Sackmann: Wir haben bewusst alle ganz unterschiedliche Kompetenzen und sind multiprofessionell aufgestellt. Das Team verfügt über Kompetenzen unter anderem in der pädagogischen Arbeit, im systemischen Coaching und hat zum Teil langjährige Erfahrungen in der aufsuchenden Jugendsozialarbeit. Unsere Aufgabe ist es aber zunächst mal, zu schauen, welche konkreten Probleme es überhaupt gibt. Der nächste Schritt ist dann, in Einzelcoachings mit den Teilnehmenden deren individuellen Hemmnisse zu bearbeiten und eine Anschlussperspektive zu finden. Gegebenenfalls muss dann an jeweils kompetente Stellen, wie die Schuldnerberatung, die Drogenhilfe oder auch psychische Hilfen, weitervermittelt werden. Wir sind dabei eher in der Vermittlerrolle. Das heißt, wir müssen und können nicht alle Probleme selbst lösen.
Möhne: Wir haben für alle ein offenes Ohr und keinerlei Berührungsängste, sondern eine wertschätzende Grundhaltung allen gegenüber. Wir hören allen gerne zu, und das hilft vielen schon, wie wir aus Rückmeldungen immer wieder erfahren.
Ähnliche Angebote gibt es im Landkreis schon, oder –was machen Sie anders oder besser?
Sackmann: Also mir ist kein direkt vergleichbares Angebot bekannt. Wir sind noch niedrigschwelliger als andere Angebote, zum Beispiel, was die Zugangsvoraussetzungen angeht. Das haben wir so auch von Netzwerkpartnern schon erfahren. Und unsere Zielgruppe sind ausschließlich 15- bis 25-Jährige.
Möhne: Es geht bei uns um wirklich schwer erreichbare Jugendliche, die bisher kein einziges Unterstützungs- oder Hilfsangebot haben oder die woanders nicht weiterkommen. Wir sind ein ganz, ganz niedrigschwelliges Angebot, unsere Türen sind erst mal für alle offen, egal, um welche Probleme es letztlich geht. Startpunkt ist ein besonderes Pilotprojekt für den Kreis, das es so erstmalig gibt.
Das heißt, das Projekt ist zeitlich begrenzt?
Möhne: Ja, und zwar zunächst für ein Jahr. Die Option, es fortzusetzen, gibt es sicher, aber das hängt natürlich auch von der Finanzierung und vom Erfolg ab.
Sie gehen von etwa 200 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Kreis aus, die auf die eine oder andere Art betroffen sind. Wie kommt die Zahl zustande?
Sackmann: Im Vorfeld des Projekts gab es Befragungen zum Beispiel bei Ämtern und Netzwerkpartnern. Und es gibt eine wissenschaftliche Arbeit, deren Autorin dazu geforscht und Statistiken ausgewertet hat. Aber natürlich kann man es nicht genau sagen, es handelt sich eher um Schätzungen, da es eine hohe Dunkelziffer gibt. Manche von den jungen Menschen, die wir ansprechen wollen, sind zum Beispiel obdachlos, haben keine Krankenversicherung, keinen Ausweis und bekommen auch keine staatlichen Leistungen, diejenigen laufen sozusagen unter dem Radar. Sie sind entkoppelt oder untergetaucht. Das ist sicher auch das Spannende an dem Projekt.
Mit welchen Problemen kommen denn die meisten jungen Leute zu Ihnen?
Sackmann: Wir hatten wie gesagt schon mehrfach mit obdachlosen jungen Menschen zu tun, die mit nichts dastehen, bei Freunden oder unter Brücken übernachten. Bei fast allen Ratsuchenden spielen Schulden eine große Rolle und mitunter auch Drogen.
Möhne: Da kommen dann natürlich auch gesundheitliche Probleme hinzu. Sackmann: Es sind oft sehr traurige und tragische Geschichten, die dahinter stecken. Es gibt eigentlich bei allen bestimmte Auslösemomente, die dann zu solchen Extremsituationen führen. Zum Beispiel der Tod eines Elternteils, Gewalt oder Missbrauch. Ein Teilnehmer sagte mir schon häufig, er fühle sich „lost“, also verloren, das Jugendwort 2020. Und so fühlen sich glaube ich viele.
Also ist der ländliche Raum auch keine heile Welt?
Sackmann: Nein, man bekommt plötzlich auch einen ganz anderen Blick. Dass Drogen hier so verbreitet sind, war mir nicht bewusst, bevor ich diese Aufgabe übernommen habe. Allerdings gibt es hier eben nicht diese öffentlichen Treffpunkte, wie man sie aus Großstädten kennt.
Möhne: Die Probleme sind eher versteckt und nicht gleich so offensichtlich. An großen Bahnhöfen sind Obdachlose ein gewohnter Anblick, hier sind sie eher eine Rarität im Stadtbild, es gibt sie aber eben doch. Und wenn man mit offenen Augen unterwegs ist, sieht man die Probleme auch.
Sie wollen Anlaufstelle und Aufenthaltsraum zugleich sein, und das Angebot trotz Corona aufrechterhalten. Wie kann das funktionieren?
Möhne: Es gibt viele Ideen, aber wir sind in unseren Möglichkeiten eingeschränkt. Die aufsuchende Arbeit oder Gruppenarbeit sind derzeit leider nur eingeschränkt möglich, aber Einzelgespräche können wir nach wie vor anbieten, und diese sind besonders wichtig, um erst mal Vertrauen und eine Beziehung aufzubauen.
Sackmann: Unsere Räume sind groß genug, um Abstand halten zu können, und wir haben einen Vorrat an Masken, denn viele kommen ohne. Aber natürlich sind auch viele unserer Partner in ihrer Arbeit eingeschränkt. Der zweite Schritt, die praktische Hilfe, ist somit momentan die Herausforderung.
Macht die Coronakrise sich auch mit Blick auf all die genannten Probleme bereits bemerkbar?
Sackmann: Viele berichten, dass sie noch einsamer sind als sonst, weil auch die letzten Kontakte wegbrechen. Das Thema Einsamkeit wird definitiv größer. (Nadine Maaz)

Zu den Personen

Regine Möhne (49) ist die Standortkoordinatorin des Bildungswerks der nordhessischen Wirtschaft gGmbH (BWNW) in Bad Hersfeld und fachliche Leiterin des Projekts Startpunkt, das sie mit in Gang gesetzt hat. Sie ist als Quereinsteigerin seit 15 Jahren beim Bildungswerk der nordhessischen Wirtschaft beschäftigt und qualifizierter Bildungscoach, Kinder- und Jugendcoach. Sie lebt in Bad Hersfeld und hat drei Kinder. In ihrer Freizeit reitet sie gern.

Thomas Sackmann (46) ist seit Oktober 2020 als Systemischer Coach speziell für das Projekt Startpunkt beim BWNW angestellt. Er ist Theologe, hat 20 Jahre lang Gemeindearbeit geleistet und ist inzwischen auch freiberuflich nicht nur als Systemischer Coach tätig, sondern auch noch als Waldbademeister und Fotograf. Er lebt in Braach, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Das Bildungswerk der nordhessischen Wirtschaft

Das Bildungswerk der nordhessischen Wirtschaft gGmbH (BWNW) ist eine Bildungseinrichtung des Arbeitgeberverbandes Hessenmetall Nordhessen sowie der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Die Einrichtung bietet unterschiedliche Berufsvorbereitungs-, Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Jugendliche und Erwachsene an. Die gemeinnützige GmbH verfolgt mit ihren Dienstleistungen das Ziel, individuelle Chancen zu eröffnen, unternehmerische Erfolge zu sichern und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, heißt es. Zu den Auftraggebern gehören neben Unternehmen aller Branchen öffentliche Institutionen wie Agenturen für Arbeit, Jobcenter, Kommunen, Ministerien oder Renten- und Unfallversicherungsträger.

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