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Wolfspopulation steigt weiter an: Hälfte der Nachweise in drei nordhessischen Landkreisen

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Von: Carolin Eberth

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Immer mehr Wölfe in Hessen: 180 Mal wurden die Raubtiere 2022 in Hessen vom HLNUG offiziell nachgewiesen, die Hälfte der Fälle stammt aus den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder. Seit 2019 sind insgesamt elf verschiedene Individuen in den drei Landkreisen bestimmt worden vom HLNUG.
Seit 2019 sind insgesamt elf verschiedene Wölfe in den drei Landkreisen  Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder bestimmt worden. © Bernd Wüstneck/dpa

Immer mehr Wölfe in Hessen: 180 Mal wurden die Raubtiere 2022 in Hessen offiziell nachgewiesen. Die Hälfte der Fälle stammt aus den drei Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder.

Nordhessen – Nachdem Wölfe in Deutschland rund 150 Jahre lang ausgerottet waren, wurde im Februar 2019 erstmals offiziell ein Wolf im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, in Kathus, genetisch an einem gerissenen Reh nachgewiesen. Seither ist die Population stetig gewachsen, wie auch die Zahlen des Wolfszentrums Hessen (WZH) beim Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) bestätigen.

Demnach wurden Wölfe in Hessen 2022 in 180 Fällen offiziell vom Wolfszentrum – durch Bilder, Videos, Speichelproben an gerissenen Tieren und Losung – nachgewiesen. 89 der 180 hessischen Nachweise stammen aus den drei Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder – also jeder zweite Beleg.

Wolfspopulation in Nordhessen steigt weiter: DNA an gerissenen Tieren nachgewiesen

Dazu führt das HLNUG auf seiner Internetseite Verdachtsfälle auf: Bei weiteren 112 Fällen in Hessen konnte 2022 entweder keine Art im Labor erfolgreich bestimmt werden oder es wurde ein anderes Tier, wie beispielsweise Fuchs und Hund, am Riss nachgewiesen.

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gehen die meisten Zeugnisse auf Ludwigsau zurück, gefolgt von Rotenburg, Neuenstein und Cornberg. Auch in Alheim, Schenklengsfeld und bei Bad Hersfeld wurde 2022 Wolfs-DNA vom Wolfszentrum dokumentiert. Im Kreis Werra-Meißner stammen die meisten Belege aus Waldkappel und im Kreis Schwalm-Eder ist die Umgebung um Spangenberg Spitzenreiter.

Wölfe in Nordhessen breiten sich aus: Drei Landkreise am meisten betroffen

2022 wurden in Hessen 16 Wölfe anhand ihrer Genetik vom Wolfszentrum identifiziert. Fünf davon streifen durch die drei Landkreise Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder. Der Rüde mit dem Laborkürzel GW2571m hinterließ 2022 in Schenklengsfeld, Spangenberg, Waldkappel und Hessisch Lichtenau seine DNA. Mithilfe einer Gen-Analyse konnte auch die ursprüngliche Herkunft festgestellt werden: Er stammt aus einem Rudel in Brandenburg.

Ein anderer Rüde mit dem Kürzel GW2114m wurde auffällig in Waldkappel, Spangenberg und der Gemeinde Wehretal. Cornberg und Waldkappel wurden von der Wölfin GW1873f aufgesucht, wie die Analysen des Wolfszentrums bestätigen. In Neuenstein hat 2022 eine Wölfin namens GW1142f ihre Spuren hinterlassen und in Waldkappel eine weitere Wölfin mit dem Laborkürzel GW2407f.

Wolfspopulation in Nordhessen: Elf Tiere in drei Landkreisen seit 2019 genau identifiziert

Ein Jahr zuvor, 2021, waren noch drei weitere Wölfe in den drei Landkreisen bewiesen worden: ein Rüde (GW1939m) wurde in Ludwigsau, Bebra, Alheim und Ellingshausen (Schwalm-Eder) dokumentiert und eine Wölfin (GW2070f) hinterließ ihre DNA in Hessisch Lichtenau und Spangenberg. Auch die Stölzinger Wölfin (GW1409f), die zwischen Oktober 2019 und Oktober 2020 rund 30 Nutztiere im Stölzinger Gebirge riss, wurde 2021 noch auffällig. Die Wölfin wurde jedoch seit Herbst 2021 genetisch nicht mehr in Hessen belegt.

2020 erbrachten weitere zwei Wölfinnen Nachweise in der Region: eine in Alheim und die andere in Hessisch Lichtenau. Weitere zwei Wölfe wurden 2019 in den drei Landkreisen festgestellt. Das bedeutet, dass sich zwischen Februar 2019 und Ende 2022 mindestens sieben weibliche und vier männliche Wölfe, insgesamt elf Tiere, in den drei Landkreisen aufgehalten haben und vom Wolfszentrum genau identifiziert werden konnten. Noch im Jahr 2018 registrierte das HLNUG keinen einzigen Wolfsnachweis in ganz Hessen.

Wölfe in Hessen: Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Bei den offiziellen Zahlen des Ministeriums ist jedoch mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen, weil zum einen nur ein Bruchteil der gerissenen Tiere und Hinterlassenschaften wie Kot gefunden und beprobt werden sowie im Labor bei einem erheblichen Teil der eingereichten Proben keine eindeutige DNA-Analyse erfolgen kann.

Für 2022 werden in der Nachweisliste 36 Tierrisse in Hessen aufgeführt, 50 Prozent davon bei Nutztieren. Allein ein Wolf benötigt rund 3,5 Kilogramm Fleisch am Tag. Das entspricht etwa 70 Rehen im Jahr. Bei den 16 offiziell nachgewiesenen Wölfen in Hessen macht das einen Nahrungsbedarf jährlich von rund 1120 Rehen, ohne Berücksichtigung der nicht offiziell erfassten Fälle. Weitere Belege sind auf der Internetseite des HLNUG zu finden. (Von Carolin Eberth)

Verdachtsfälle melden

Rissverdachtsfälle sollten innerhalb von 24 Stunden an das Wolfszentrum Hessen (WZH) am Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) gemeldet werden. Die amtliche Wolfshotline (0641 2000 95 22) ist montags bis sonntags sowie an Feiertagen von 8 bis 16 Uhr erreichbar. Außerhalb der Sprechzeiten sollten die für den Landkreis zuständigen Wolfsberater direkt kontaktiert werden. Bisher gab es in Hessen ein ehrenamtliches Netzwerk an Wolfsberatern zur Probenahme und zum Dokumentieren von Wolfshinweisen. Seit dem 1. Oktober 2022 sind zusätzlich zu den ehrenamtlichen auch hauptamtliche Wolfsberaterinnen und Wolfsberater von Hessen Forst im Einsatz. Auch gefundene Losung kann den Wolfsberatern übergeben werden und wird anschließend, für den Finder kostenfrei, vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen, dem Deutschen Referenzzentrum für Wolfsgenetik, untersucht.

Kommentar zur steigenden Wolfspopulation in Hessen von Carolin Eberth:

Vom HLNUG in Hessen wurden 2022 16 verschiedene Wölfe in Hessen nachgewiesen, 36 Risse bestätigt, 180 Wolfsnachweise und 112 Verdachtsfälle registriert. Diese Zahlen vom Ministerium sind jedoch nur ein Anhaltspunkt, viel höher wird die eigentliche Anzahl an Wölfen und Rissen sein. Denn: Bis es zu einem genauen Laborergebnis kommt, bei dem auch noch ein einzelnes Individuum bestimmt werden kann, ist es ein langer Weg. Da muss alles passen.

Viele gerissene Tiere, viele Hinterlassenschaften wie Kot, werden erst gar nicht gefunden. Und wenn doch, dann ist es noch nicht sicher, ob sich der Finder auch darum kümmert, dass eine Probe beim Senckenberg-Institut landet. Also müsste der Finder die Wolfshotline wählen und ein Wolfsberater zeitnah vor Ort erscheinen. Dieser muss dann an den richtigen Stellen am Riss die Proben entnehmen. War zwischenzeitlich ein Fuchs oder ein Hund am Riss, ist die Laboruntersuchung ohnehin hinfällig. Dann muss die Probe auch noch qualitativ so gut sein, dass im Labor nicht nur bestätigt werden kann, dass die DNA vom Wolf stammt, sondern sie muss auch noch dazu reichen, eine zweite Untersuchung durchzuführen, bei der das einzelne Individuum bestimmt wird. Trotz der vielen Unwägbarkeiten liefern die Zahlen einen Anhaltspunkt, der widerspiegelt, dass die Population rasant ansteigt.

Dass dieses Wachstum nicht grenzenlos so weitergehen kann, ist nicht erst seit heute absehbar. Eine Problematik, die von der Politik in Wiesbaden wohl so lange unter den Tisch gekehrt wird, bis die Wölfe auch vor dem Landtag heulen.

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