Gesellschafterversammlung beschließt Zukunft des Klinikums

HKZ: Entscheidung soll schon am Montag fallen

Landrat Dr. Michael Koch im Porträt
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Landrat Dr. Michael Koch

13 Menschen entscheiden am Montag über den geplanten Radikalumbau des Klinikums Hersfeld-Rotenburg – und damit auch über die Zukunft des Herz-Kreislauf-Zentrums (HKZ) in Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg - Nach Informationen unserer Zeitung trifft sich die Gesellschafterversammlung des Klinikums bereits am 7. September zu einer nicht-öffentlichen Sitzung. Bislang war lediglich bekannt, dass das Gremium unter dem Vorsitz von Landrat Dr. Michael Koch (CDU) Anfang der kommenden Woche tagen würde. Die Versammlung, die sich aus den Mitgliedern des Kreisausschusses zusammensetzt, entscheidet im Kern darüber, ob die Akutmedizin des kommunalen Klinikverbundes künftig in Bad Hersfeld zentralisiert wird – oder nicht.

Der Aufsichtsrat hatte vor einer Woche die Empfehlung ausgesprochen, das von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon erarbeitete Zukunftskonzept zu beschließen. Wie berichtet, sieht das viel diskutierte Papier unter anderem vor, dass in den nächsten drei bis vier Jahren die akutmedizinischen Abteilungen des HKZ, das 700 Menschen beschäftigt, nach Bad Hersfeld verlagert werden sollen. Lediglich die Reha soll in Rotenburg bleiben.

Nachdem Klinikum-Geschäftsführer Rolf Weigel Anfang August die Planungen angekündigt hatte, hat sich in Rotenburg die Initiative Bürger-Herz formiert, die nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 5000 Unterschriften für den Erhalt des HKZ-Standorts in Rotenburg gesammelt hat.

Das unter Verschluss gehaltene Papier sieht nach Informationen unserer Zeitung auch vor, dass die Orthopädie vom Bad Hersfelder Kurpark ans Klinikum verlegt werden soll. Insgesamt hatte Weigel im August von 17 Einzelmaßnahmen sowie dem „tiefgreifendsten Einschnitt in der Geschichte des Klinikums“ gesprochen. Der Geschäftsführer hatte zugleich angekündigt, dass der Personalstand des 3100 Mitarbeiter starken Klinikverbundes künftig „deutlich abgesenkt“ werde. Landrat Koch hat derweil angekündigt, im Kreistag (14. September) über die Entwicklungen im Klinikverbund zu informieren.

Fragen und Antworten zum Thema:

Worum geht es bei der Gesellschafterversammlung am Montag?

Die Gesellschafterversammlung berät über ein Zukunftskonzept, das die auf den Gesundheitssektor spezialisierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in den vergangenen Monaten für das Klinikum Hersfeld-Rotenburg erstellt hat. Im Kern schlägt die Beratungsfirma vor, die Akutmedizin des Konzerns in den kommenden Jahren rund ums Klinikum in Bad Hersfeld zu konzentrieren. Das würde unter anderem bedeuten, dass die akutmedizinischen Abteilungen des Herz-Kreislauf-Zentrums aus Rotenburg in die Kreisstadt verlagert werden. Auch die Orthopädie soll vom Bad Hersfelder Kurpark ans Klinikum ziehen.

Warum ist dieses Zukunftskonzept erstellt worden?

Der Klinikverbund ist wirtschaftlich schwer angeschlagen. Der neue Geschäftsführer des Klinikums, Rolf Weigel, der im Juli offiziell die Nachfolge von Martin Ködding übernahm, konstatierte im August: „Ein ‚Weiter so’ wie bisher kann und darf es nicht geben, wir müssen unsere Kräfte bündeln – und das schnell.“ Das Curacon-Konzept war am Montag im Aufsichtsrat beraten worden. Das Gremium empfahl daraufhin der Gesellschafterversammlung, das Konzept zu beschließen.

Hat die Gesellschafterversammlung denn überhaupt noch eine Wahl?

Theoretisch ja. Die Mitglieder sind frei in ihrer Entscheidung. Allerdings ist der Klinikonzern in den vergangenen Jahren derart in Schieflage geraten, dass Beobachter davon ausgehen, dass die Gesellschafterversammlung wohl kaum eine andere Wahl haben wird, als der Empfehlung des Aufsichtsrats zu folgen.

Wie schlimm ist es denn um das Klinikum Hersfeld-Rotenburg bestellt?

Die Verantwortlichen halten sich auf Nachfrage dazu bedeckt. Fest steht: Der wirtschaftliche Druck ist hoch. Zur Erinnerung: 2017 machte der Klinikverbund insgesamt 4,1 Millionen Euro Verlust. Vor zwei Jahren sah das Konzernergebnis mit 1,1 Millionen Euro Verlust zwar auf den ersten Blick etwas besser aus. Tatsächlich hatte das Klinikum Hersfeld-Rotenburg aber ein Defizit in Höhe von 7,6 Millionen Euro erwirtschaftet – der Kreistag war dem Verbund mit einer 6,5-Millionen-Euro-Finanzspritze zur Hilfe gekommen. Im Einzelnen machte das Bad Hersfelder Klinikum dank der Finanzspritze 4,6 Millionen Euro Gewinn – ohne Zuschuss wären es jedoch 1,9 Millionen Euro Verlust gewesen. Das HKZ erwirtschaftete ein Defizit in Höhe von 5,3 Millionen Euro. Im Dezember 2019 hatte Landrat Dr. Michael Koch (CDU) dann im Parlament davon gesprochen, dass sich das Klinikum „vom kränkelnden Patienten zum Intensivpatienten“ entwickle. Im Februar schnürte der Kreistag das nächste Hilfspaket: diesmal 16,4 Millionen Euro. Für 2019 rechnet die Geschäftsführung mit einem Minus von 13,2 Millionen Euro. Verbindliche Zahlen liegen aber noch nicht vor.

Wirtschaftsprüfer arbeiten bekanntlich nicht umsonst. Was kostet das Curacon-Gutachten?

Offiziell ist das bislang nicht bekannt. Peter Fricke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, hatte in einem Statement zur Finanzspritze im März behauptet, das Papier koste 200 000 Euro. Das Klinikum wollte eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung am Freitag nicht beantworten.

Wer sitzt eigentlich in der Gesellschafterversammlung?

Die Versammlung setzt sich aus den Mitgliedern des Kreisausschusses zusammen. Das Klinikum Hersfeld-Rotenburg gehört zu 100 Prozent dem Landkreis. Den Vorsitz der Gesellschafterversammlung hat Landrat Dr. Michael Koch (CDU). Seine Stellvertreterin ist die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz (SPD). Ebenfalls Mitglied in dem Gremium sind elf ehrenamtliche Kreisbeigeordnete: Thomas Giese (SPD), Herbert Heisterkamp, Alfred Rost, Christel Stumpf (alle SPD), Karsten Backhaus, Jürgen Schäfer, Heinz Schlegel (alle CDU), Wolfgang Heidsiek (AfD), Klaus Renschler (Grüne), Anja Zilch (FWG) und Werner David (FDP).

Ist eine Entscheidung, die für Montag erwartet wird, dann in Stein gemeißelt?

Nein. Theoretisch kann die Gesellschafterversammlung ihre Beschlüsse auch wieder kassieren. Hinzu kommt, dass entsprechende Finanzierungen aus dem Kreishaushalt vom Kreistag zur Verfügung gestellt werden müssten. Das Parlament könnte also indirekt durchaus noch die Zukunft des Klinikums beeinflussen.

Was sagen die Kritiker?

Öffentlicher Widerstand gegen die Pläne, das HKZ zu verlagern, kommt vor allem von der Initiative Bürger-Herz, die sich für den Erhalt des Standorts in Rotenburg einsetzt und für Dienstag eine Menschenkette organisieren will. Die Initiative reagierte mit „Fassungslosigkeit“ auf die Empfehlung des Aufsichtsrats. Sie kritisierte, die Gesellschafterversammlung sei eine „Abnickveranstaltung“.

Welche Alternativen hätte es denn gegeben?

Dr. Martin Oechsner, medizinischer Geschäftsführer des Rotenburger Kreiskrankenhauses, hatte vorgeschlagen, das HKZ nicht nach Bad Hersfeld zu verlagern, sondern auf dem Gelände des ehemaligen Kreisaltenzentrums ein neues HKZ zu bauen. Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald (CDU) unterstützte die Idee. Als ernsthafte Alternative ist dieser Vorschlag nach Informationen unserer Zeitung allerdings nicht behandelt worden.

Wie geht es nach einer Entscheidung weiter?

Sollte die Gesellschafterversammlung das Konzept beschließen, müsste die Geschäftsführung dann schauen, wie sie das Konzept umsetzt, etwa die konkreten Planungen vorantreiben – Klinikum-Geschäftsführer Rolf Weigel sprach im August von 17 Einzelmaßnahmen –, Fördermittel einfordern und Gespräche mit potenziellen Kooperationspartnern führen.

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