Interview mit dem scheidenden Kreistagsvorsitzenden

Horst Hannich: „Jetzt muss der Nachwuchs ran“

Horst Hannich im Porträt
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Horst Hannich, Vorsitzender des Kreistags Hersfeld-Rotenburg

Heute wird Horst Hannich zum letzten Mal die Kreistagssitzung für den Kreis Hersfeld-Rotenburg leiten. Im Interview spricht der 80-Jährige über Veränderungen und Herausforderungen.

Hersfeld-Rotenburg – Er gehört zum politischen Urgestein des Kreises Hersfeld-Rotenburg: der langjährige Bürgermeister von Schenklengsfeld und Vorsitzende des Kreistages Horst Hannich (SPD). Heute wird der 80-Jährige zum letzten Mal die Kreistagssitzung leiten. Über ein Leben für die Kommunalpolitik sprach Kai A. Struthoff mit Horst Hannich.

Herr Hannich fällt es Ihnen schwer, nach all den aktiven Jahren in der Kommunalpolitik den Vorsitz im Kreistag niederzulegen?

Ja, denn ich habe es immer gern gemacht, und das Amt hat mir viel Freude bereitet. Aber jetzt muss der Nachwuchs ran, denn schließlich bin ich in einem Alter, in dem man Abstand nehmen muss. Ich stehe jetzt auf der Kreistagsliste der SPD auf Platz 61 – also ganz hinten.

Sie sind seit über 50 Jahren hauptamtlich, aber vor allem auch ehrenamtlich in der Kommunalpolitik tätig. Wie hat sich die Arbeit in den Parlamenten in dieser Zeit verändert?

Früher war die Arbeit für Kommunalpolitiker etwas ruhiger. Ich bin ja schon mit Mitte 20 in Walburg bei Hessisch-Lichtenau zur Kommunalpolitik gekommen und bin 1972 dort ehrenamtlicher Bürgermeister geworden. Damals ging es in den Parlamenten sachlicher zu, man bemühte sich, gemeinsam Sachfragen zu lösen.

Heute versuchen leider manche, anderen etwas anzuhängen, um so selbst ihr Ziel zu erreichen. Es gehört natürlich zur Demokratie dazu, unterschiedliche Meinungen zu haben, zu diskutieren und dann eine Entscheidung zu treffen. Aber diese Entscheidung muss dann auch von allen respektiert werden.

Gab es damals auch schon Beleidigungen oder gar Drohungen gegen Kommunalpolitiker oder hatte man mehr Respekt?

Früher hatte man mehr Respekt. Persönliche Beleidigungen, Vorwürfe oder Drohungen gab es in dieser Form damals kaum. Ich glaube, heute machen es sich manche zu leicht. Sie haben ihre eigenen Meinungen und Vorstellungen und vergessen dabei den Respekt vor den Ansichten von Andersdenkenden.

Viele Themen, mit denen sich auch ehrenamtliche Kommunalpolitiker heute befassen müssen, sind sehr komplex. Denken wir an Raumordnungsverfahren, neue Technologien, Gesetze, Finanzen. Überfordert das vielleicht so manchen Volksvertreter?

Das kann man durchaus feststellen, aber das war auch früher schon so. Es gab schon damals in Walburg Gemeindevertreter, die in die Sitzung kamen und dort zum ersten Mal den Umschlag mit den Unterlagen aufgemacht haben. Da musste man als Bürgermeister dann oft den Sachverhalt erst mal vortragen und erklären. Kommunalpolitik ist sehr zeitintensiv, wenn man sich wirklich gründlich mit den Themen befassen will.

Am vergangenen Montag hatten wir zum Beispiel Aufsichtsratssitzung im Klinikum, da musste ich zur Vorbereitung mindestens 60 Seiten mit den neuen Vorlagen und bisherigen Unterlagen lesen – das hat Stunden gedauert. Man muss sich diese Zeit aber nehmen, um alles richtig zu verstehen und kompetent zu entscheiden.

Die großen Volksparteien verlieren überall an Bedeutung, stattdessen formieren sich Bürgerlisten, die parteiunabhängig agieren – so ja auch bei Ihnen in Schenklengsfeld. Woran liegt das?

Ich glaube, hier setzt sich ein bundesweiter Trend fort. Mit eigenen Listenverbindungen fühlen sich die örtlichen Vertreter ungebundener, sie wollen sich nur um die Gemeinde kümmern, aber das ist falsch ...

... was ist daran falsch?

Weil es trotz aller lokalen Themen doch auch eine große Linie, politische Grundsätze und Überzeugungen geben muss. Wo kommen wir hin, wenn jeder nur seine eigene Gemeinde sieht. Das erleben wir doch jetzt in Rotenburg mit der neuen Gruppierung „Bürger-Herz“. Man kann doch keine Kreispolitik machen, wenn man sich nur einzelnen Punkten und Themen widmet.

Sie sind seit Jahren überzeugter Sozialdemokrat. Aber wie viel Parteipolitik steckt denn in kommunalen Entscheidungen über Klärwerke, Straßenbau oder Schulsanierungen?

Natürlich gibt es diese Sachentscheidungen, doch bei allem haben wir zum Beispiel als Sozialdemokraten auch Grundüberzeugungen, an denen wir uns orientieren – auch bei lokalen Themen.

In den Kommunalparlamenten sitzen Volksvertreter, die oft schon im Rentenalter sind. Wie können auch jüngere Leute verstärkt für die Politik begeistert werden?

Indem man deutlich macht, dass es um die Mitwirkung an ganz konkreten Entscheidungen, wie dem Bau eines neuen Feuerwehrgerätehauses, der Ausweisung neuer Baugebiete oder Gewerbeansiedlungen geht. Alles wichtige Themen, die jeden von uns ganz unmittelbar betreffen. In Schenklengsfeld sind aber die Kandidaten auch gar nicht so alt, sondern da sind auch viele junge Leute dabei.

Verraten Sie uns bitte noch ein Geheimnis: Sie konnten immer fast auf die Minute genau, die Dauer der Kreistagssitzungen vorhersagen. Haben Sie die Sitzungsdauer womöglich an der Zeitspanne zwischen ihren geliebten Zigarren ausgerichtet?

(lacht) Nein, nicht unbedingt. Ich kann auch ohne Zigarren klarkommen. Das Geheimnis liegt einfach bei guter Vorbereitung und langjähriger Erfahrung. Vieles stimmen wir ja schon im Vorfeld ab, damit die Sitzungen nicht so lange dauern – gerade jetzt in Corona-Zeiten.

Trotzdem vermute ich mal, die heutige Sitzung wird etwas länger dauern ...

Zur Person: Horst Hannich

Horst Hannich ist am 8. März 1940 in Mährisch-Schönberg (heute Sumperk, Tschechien) geboren und ist 1946 als Kriegsflüchtling mit seiner Familie nach Walburg bei Hessisch-Lichtenau in Hessen gekommen. 1957 hat Hannich eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn begonnen und dort mehrere Jahre in verschiedenen Positionen gearbeitet. 1962 ist Hannich zum Regierungspräsidium Kassel gewechselt und hat dort eine Ausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt absolviert und unter anderem im Personalbereich gearbeitet. 1976 ist Horst Hannich zum Bürgermeister von Schenklengsfeld gewählt und vier Mal wiedergewählt worden, bevor er in den Ruhestand getreten ist. Seit 1983 sitzt Hannich im Kreistag und bekleidet zudem weitere wichtige Ehrenämter, wie etwa im Aufsichtsrat des Klinikums oder als Vorstand des AZV. Hannich ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Er lebt in Schenklengsfeld. Das Foto mit der fast schon obligatorischen Zigarre entstand 2016 bei einem Besuch im polnischen Dzialdowo, im Partnerlandkreis von Hersfeld-Rotenburg. Auch die guten Kontakte zu Polen hat Hannich aktiv gepflegt.  (kai)

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