Gespräch mit einem Inhaftierten

Weihnachten hinter Gittern: Wie Gefangene das Fest verbringen

Duftende Kekse aus der Gefängnisküche sind eine Ausnahme: Weihnachten in der JVA stellt sich für viele Gefangene als die schwerste Zeit der Gefangenschaft dar, weil ihnen ihre einsame Situation klar wird. Foto: Lischper

Hünfeld/Bad Hersfeld. Wie fühlt sich Weihnachten im Vollzug an? Wir haben uns in der JVA Hünfeld mit einem Gefangenen unterhalten, der sein erstes Weihnachtsfest hinter Gittern verbringt.

Etwa 350 Gefangene verbringen das Weihnachtsfest in der JVA Hünfeld hinter meterhohen Mauern mit Stacheldraht. Während draußen in vielen Familien die Feier zu Heiligabend beginnt, schließen sich drinnen die Türen der Hafträume. Um 16 Uhr ist die Gemeinschaftszeit vorbei und jeder Gefangene bleibt mit seinen Gedanken alleine.

Hans M. gehört zur Mehrzahl derer, die keinen Freigang haben. Der 43-Jährige ist Erstverbüßer, sitzt wegen eines Vermögensdeliktes ein und wurde zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Seit Juni dieses Jahres ist er in Hünfeld. Es ist sein erstes Weihnachtsfest hinter Gittern - und damit zugleich das erste, dass er ohne seine Frau und die drei Kinder verbringt. „Ich bin hier alleine und meine Familie ist dort alleine“, sagt er. Das belaste ihn sehr.

Der aus Bad Hersfeld stammende Anstaltspfarrer Dr. Andreas Leipold beschreibt die Weihnachtszeit als eine der schwersten Zeiten für die Gefangenen: „Weihnachten ist ein Familienfest, man sehnt sich nach Geselligkeit und Gemeinschaft.“ Zwar stehen die Türen der Hafträume der JVA an den Feiertagen etwas länger offen als sonst. Mit ihrer Schließung endet aber die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen.

Unter den Gefangenen sei Weihnachten gerade ein großes Thema, erzählt Hans M.: „Jeder redet darüber, wie er die Zeit überstehen soll.“ Beim Besuchertag am Sonntag, 14. Dezember, hat er seine Frau, die beiden Töchter im Alter von zwölf und 18 Jahren und den zweijährigen Sohn zuletzt gesehen. Der nächste Besuchstermin ist der 30. Dezember. Bis dahin bleibt das Telefonieren mit dem Gerät auf dem Gefängnisflur.

120 Minuten Telefonierzeit haben inhaftierte Familienväter im Monat, Gefangene ohne Kinder haben 60 Minuten. „Für die Feiertage habe ich gespart. Eineinhalb Stunden sind noch übrig“, sagt M. In sensiblen Zeiten wie Weihnachten gehört Seelsorger Andreas Leipold zu den vielgefragten Personen. Der Bedarf spiegle sich auch im außergewöhnlich gut gefüllten Gottesdienst wieder.

„Wenn zu den Gittern die Weihnachtszeit hinzukommt, werden Gespräche trauriger und Symbole nehmen an Bedeutung zu.“ Deshalb steht auf jeder Station ein von Gefangenen geschmückter Tannenbaum, die Mitnahme von Kerzen in den Haftraum ist erlaubt und an den Feiertagen selbst gibt es einen besonderen Speiseplan.

An Heiligabend gestalten der evangelische und der katholische Seelsorger um 9 Uhr einen Gottesdienst, danach können die Gefangenen nach Einzelgesprächen fragen. Ob Hans M. sich an den Seelsorger wenden wird, will er spontan entscheiden. Sicher ist für ihn schon jetzt, dass er mehrmals am Tag bei seiner Familie anrufen wird. Die sitzt dann im heimischen Wohnzimmer um das Telefon herum, dessen Lautsprecher eingestellt ist.

Von Anna Lischper 

Ein Interview mit dem Leiter der JVA Hünfeld, Dr. Philipp Gescher, lesen Sie in der gedruckten Mittwochsausgabe der HNA Rotenburg-Bebra.

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