„Fühle mich im Stich gelassen“

Nach Mord in eigener Wohnung: Mann darf nicht zurück

Im Stich gelassen fühlt sich Horst Böhm aus Kirchheim. In dem Haus in der Hauptstraße, in dem er seit vielen Jahren lebt, wurde im Januar ein Mann ermordet und seine Einrichtung teilweise zerstört. Viel passiert ist seitdem nicht.
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Im Stich gelassen fühlt sich Horst Böhm aus Kirchheim. In dem Haus in der Hauptstraße, in dem er seit vielen Jahren lebt, wurde im Januar ein Mann ermordet und seine Einrichtung teilweise zerstört. Viel passiert ist seitdem nicht.

Ein Bekannter von ihm wurde im Januar in Horst Böhms Wohnung umgebracht. Über acht Monate nach der Tat fühlt sich Horst immer noch im Stich gelassen. 

Kirchheim – Die Schreckensnacht vom 7. Januar hat Horst Böhm aus Kirchheim noch ganz genau in Erinnerung. In dieser Nacht wurde in dem Haus in der Kirchheimer Hauptstraße, in dem er wohnt, ein Freund ermordet, seine Wohnung verwüstet und ein Großteil seines Hausrats zerstört (Artikel unten). Seitdem wartet er auf Unterstützung. Noch immer ist das vom Täter zerstörte Fenster nicht repariert. Es ist mit Holzplatten notdürftig abgedeckt. Schwarze Ränder an der Tapete zeugen von der Brandstiftung, der Bodenbelag wurde ebenfalls zerstört.

Unmittelbar nach der Tat konnte Horst Böhm für einige Tage bei Bekannten in Schenklengsfeld unterkommen, bis er nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen in seine nicht mehr bewohnbare Unterkunft zurückkehrte. Sein Vermieter stellte ihm einen Raum im Erdgeschoss mit Dusche und WC kostenlos zur Verfügung. „Doch ansonsten habe ich keine Hilfe bekommen“, klagt Böhm. Er selbst reinigte das blutverschmierte Treppenhaus und strich die Stufen neu. Die schrecklichen Bilder und Erinnerungen hat er aber immer noch im Kopf. Inzwischen hat er es immerhin geschafft, sich beim OEG-Trauma-Netzwerk in Fulda Hilfe für die seelischen Nöte zu holen.

Nach dem Mord und der Zerstörungsorgie ist das Fenster im Obergeschoss immer noch nicht repariert. Deshalb können auch die Böden und Wände nicht wieder hergerichtet werden.

Die Beseitigung der materiellen Schäden gestaltet sich jedoch schwieriger. Er habe sich wegen einer Erkrankung mehrere Monate nicht intensiv darum kümmern können, sagt Böhm. Er sei durch Medikamente so lahmgelegt gewesen, dass er dafür keine Kraft gehabt habe. Nun liegt er im Clinch mit dem Vermieter.

Der hat den Schaden seiner Versicherung gemeldet und auch die Zusage erhalten, dass das kaputte Fenster und die zerstörte Einrichtung ersetzt werden, berichtet Michael Brons auf Anfrage unserer Zeitung. Das Geld, ein Betrag von rund 1400 Euro, könne auch dem Geschädigten persönlich ausgezahlt werden, damit er sich selbst um die Schadensregulierung kümmern könne, sei ihm gesagt worden. Er sei davon ausgegangen, dass die Versicherung das mit dem Mieter regele.

Tatsächlich passierte jedoch nichts, unter anderem, weil der zuständige Sachbearbeiter plötzlich und längerfristig erkrankte. Inzwischen ist eine ortsansässige Schreinerei beauftragt, ein neues Fenster einzubauen. Da das jedoch auf Maß gefertigt werden müsse, sei damit vor der zweiten Oktoberhälfte nicht zu rechnen, sagt Böhm. Erst dann könne er sich um die Renovierung und den Ersatz für die zerstörten Möbel kümmern. Es habe auch einige Spendenangebote für gebrauchte Möbel gegeben, berichtet der Kirchheimer, der dort seit 22 Jahren lebt. Die seien aber für seine sehr kleine Wohnung zu groß und deshalb nicht brauchbar gewesen.

Böhm ist stolz darauf, dass es ihm trotz Hartz IV bisher immer gelungen ist, hochwertige Kleidung und Einrichtung zu beschaffen. Dafür ist er stundenlang im Internet auf Schnäppchenjagd und freut sich, wenn er ein an sich teures Markenprodukt günstig erwerben kann. „Ich lebe hier ordentlich und anständig“, betont Böhm. Alkohol und Drogen rühre er nicht an. „Ich versuche, mein Leben wieder auf die Reihe zu bringen.“

Bürgermeister Koch weist Vorwürfe zurück

Hilfe hatte Horst Böhm sich zum Beispiel von Bürgermeister Manfred Koch und der Gemeinde erhofft. Koch habe schließlich vor laufender Kamera zugesichert, dass er eine Notunterkunft zur Verfügung stellen werde. „Das hat er nicht gemacht“, beschwert sich Böhm.

Tatsächlich habe er sich noch in der Tatnacht um eine Bleibe für Böhm und die anderen beiden Bewohner des Hauses gekümmert, versichert Koch. Dieses Angebot sei jedoch von allen drei Männern nicht angenommen worden. „Wenn jemand obdachlos wird, muss die Gemeinde dafür sorgen, dass er ein Dach über dem Kopf, ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch hat. Mehr nicht“, stellt der Bürgermeister klar.

Kirchheimer berichten von Provokationen

Die Erwartung Böhms, die Feuerwehr könne seine zerstörte Wohnung reinigen und in Ordnung bringen, musste Koch ebenfalls enttäuschen. „Das ist nicht die Aufgabe einer ehrenamtlichen Feuerwehr.“ Freiwillige zu finden, die Böhm helfen, sei schwierig. Böhm habe sich in Kirchheim nicht unbedingt Freunde gemacht, sagt er. Andere Kirchheimer berichten von zahlreichen Provokationen und Beschimpfungen. Böhm dagegen fühlt sich zu Unrecht isoliert und versteht nicht, warum ihm niemand helfen will.

Schadenersatzforderung an Polizei

Wegen des zerstörten und schließlich entsorgten Hausrats hat Horst Böhm übrigens von der Polizei Schadensersatz in Höhe von mehr als 6000 Euro gefordert. Sein Eigentum sei in einem Container geworfen und abtransportiert worden, ohne dass er Gelegenheit gehabt habe, sich noch Brauchbares zu sichern.

Diesen Anspruch weist das Polizeipräsidium Osthessen in einem langen Schreiben zurück. Auch angebliche Fehler im Umgang mit dem Täter, die Böhm erkannt haben will, werden vonseiten der Polizei so nicht gesehen.

Nacht des Schreckens am 7. Januar

Wie schon öfter hatte ihn Olga M., eine gute Bekannte, am späten Nachmittag des 7. Januar angerufen und um Hilfe gebeten, weil sie von ihrem Mann geschlagen worden war. Horst Böhm fuhr nach Oberaula, um die Frau und ihren Bruder abzuholen und brachte sie zu sich nach Kirchheim. In der Hauptstraße 47 bewohnte der 54-Jährige eine kleine Dachgeschosswohnung. „Wir waren einfach gute Freunde“, betont Böhm. Er habe damals kein Verhältnis mit der Frau gehabt.

Das aber schien der eifersüchtige und gewalttätige Ehemann der Frau zu glauben. Er traf, nachdem er bereits vor dem Elternhaus seiner Frau in Oberaula randaliert hatte, später am Abend in Kirchheim ein, hämmerte gegen die Tür und drang schließlich ins Haus ein. „Hier ist der Metzger, ich bring euch alle um“, brüllte er, erinnert sich Böhm. Der 35 Jahre alte Bruder der Frau eilte die Treppe hinunter, um mit dem 31-Jährigen zu reden, ihn aufzuhalten und um seine Schwester zu beschützen. Sein Schwager stürzte sich sofort auf ihn und schnitt ihm mit einem Messer die Kehle durch. Dann wollte er auf seine Schwester und deren vermeintlichen Liebhaber losgehen.

Rettung durchs Dachfenster

Auf Anweisung der Polizei rettete Böhm sich durch ein schmales Fenster aufs Dach und versteckte sich hinter dem Schornstein, wo er schließlich von der Feuerwehr gerettet wurde. Die misshandelte Ehefrau nutzte die Chance, dass ihr Mann mit der Attacke auf Böhm abgelenkt war, um durch das Treppenhaus zur Haustür zu fliehen, vorbei an ihrem tödlich verletzten, blutenden Bruder. Mehrere Stunden tobte der 31-Jährige dann im Haus, warf Mobiliar und Küchengeräte aus dem Fenster und legte Feuer, bis er schließlich von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei festgenommen wurde. Er kam in Untersuchungshaft, wo er sich einige Tage später das Leben nahm.

Inzwischen ist übrigens aus Horst Böhm und Olga M. ein Paar geworden.

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