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Schauspielstar Philipp Hochmair: Böse Rollen interessieren mich

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Von: Nadine Meier-Maaz, Peter Gottbehüt

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Kein gewöhnlicher Jedermann und kein gewöhnlicher Schauspieler: TV- und Theaterschauspieler Philipp Hochmair bei seinem Auftritt in der Stiftsruine 2021. In diesem Jahr kommt er erneut nach Bad Hersfeld, und zwar mit seinem Programm „Schiller-Balladen-Rave“.
Kein gewöhnlicher Jedermann und kein gewöhnlicher Schauspieler: TV- und Theaterschauspieler Philipp Hochmair bei seinem Auftritt in der Stiftsruine 2021. In diesem Jahr kommt er erneut nach Bad Hersfeld, und zwar mit seinem Programm „Schiller-Balladen-Rave“. © Steffen Sennewald

Schauspieler Philipp Hochmair und seine Band „Elektrohand Gottes“ kommen im Juli mit dem „Schiller-Balladen-Rave“ in die Bad Hersfelder Stiftsruine. Wir haben ihn vorab interviewt.

Bad Hersfeld  – Als Jedermann in Tarnfleck und mit Zigarre hat Philipp Hochmair im Rahmenprogramm der Festspiele 2021 das Publikum in der Bad Hersfelder Stiftsruine begeistert. Am 5. Juli 2022 kommen er und die Band „Elektrohand Gottes“ nun mit ihrem „Schiller-Balladen-Rave“ erneut in die Ruine. Wir haben den unter anderem aus Vorstadtweiber, Charité, Blind ermittelt und Die Wannseekonferenz TV-bekannten Schauspieler für ein Interview im Zug erreicht.

Herr Hochmair, erinnern Sie sich noch an Ihren Auftritt in der Bad Hersfelder Stiftsruine im vergangenen Sommer?

Aber sicher. Das waren ein legendärer Abend und ein unvergesslicher Auftritt. Schon die Stiftsruine an sich ist ein Traum und als dann auch noch wie aufs Stichwort der Regen eingesetzt hat, das war ein einzigartiges Zusammenwirken der Geschicke. Ich komme also liebend gerne wieder.

Und welches Wetter wünschen Sie sich diesmal – was passt zum „Schiller-Balladen-Rave“?

Alles, was dynamisch ist, passt und wird als Teil der Geschichte eingebaut. Ob Sonne, Regen, Schnee oder Stromausfall: Ich habe schon alles erlebt und bin auf alles vorbereitet. Das Einfachste sind zu spät kommende Gäste, das Schwierigste wäre sicher ein plötzlicher Notarzteinsatz ...

Lange Gedichte auswendig lernen ist zumindest zu Schulzeiten nicht jedermanns Sache. War das bei Ihnen anders?

Das war auch bei mir nicht anders. Für Schillers Glocke habe ich zwei Jahre gebraucht. Da ich Legastheniker bin, brauche ich für das Textlernen allerdings grundsätzlich länger als andere. Das ist ein schwerer Kampf, ohne den es aber nun mal nicht geht. Auf ein physisches Handicap trifft bei mir ein großer Wille. Auch in der Wannsee-Verfilmung hatte ich wahnsinnig viel Text. Da sitze ich dann monatelang dran. Erst kurz vorher beginnen, das funktioniert bei mir nicht. Und eine präzise Textsicherheit ist natürlich auch bei Schiller Voraussetzung. Immerhin habe ich das Glück, Texte, die ich einmal auswendig gelernt habe, so gut wie nicht mehr zu vergessen.

Welchen Bezug haben Sie zu Schillers Balladen und wie kommt man auf die Idee, klassische Dichtkunst als Techno- und Rockevent zu vertonen?

Schillers Balladen habe ich früh in der Schule kennengelernt, und ich hatte eine Art Erweckungserlebnis. Mit der Idee, daraus einen Rave und ein Rockkonzert zu machen, wollte ich nun auch ein junges Publikum ansprechen und dafür muss man die Mittel der Zeit nutzen. Wenn ich stattdessen mit einem Harfenisten auftreten würde, würde ich vermutlich nicht das Publikum ansprechen, das ich suche. Schillers Texte beinhalten Lehr- oder Leitsätze, die auch heute noch gelten, denen man aber den richtigen Schwung geben muss. Der Schiller-Balladen-Rave ist ein Happening, bei dem ruhig Schweiß fließen darf.

Bühne, TV, Kino: Können Sie sich nicht entscheiden oder leben Sie Ihre Kreativität schlicht in möglichst vielen Genres aus?

Ich fahre in dieser Hinsicht gerne dreigleisig. Das ist für mich das Schönste. Früher war ich nur Theaterschauspieler, aber diese Welt aufzureißen und zu öffnen, war die beste Entscheidung. In einem fixen Ensemble habe ich mich nie wohlgefühlt. Diese Vielschichtigkeit und das Touren sind nun ein echter Gewinn.

Kunst und Kultur haben in den letzten zwei Jahren unter der Corona-Pandemie gelitten. Inzwischen sind viele Regeln und Maßnahmen weggefallen, die Infektionszahlen trotzdem weiterhin hoch. Was hat die Pandemie mit Ihnen gemacht?

Eine gewisse Beruhigung und der Blick nach innen hat mir ganz gutgetan. Anfangs wusste niemand, wohin all das führt, aber mit etwas Licht am Ende des Tunnels betrachte ich die Zwangspause jetzt auch als Geschenk, denn ich war vorher ziemlich wild unterwegs. Zudem hat die Pandemie ja auch kreative Impulse geliefert, um zum Beispiel auch an anderen Orten als sonst und vermehrt Openair aufzutreten.

Ebenso wenig wie eine weltweite Pandemie konnten sich viele bis vor Kurzem einen Krieg in Europa vorstellen. Als Ende Januar zum 80. Jahrestag der Wannseekonferenz die Neuverfilmung mit Ihnen in der Hauptrolle des Reinhard Heydrich gezeigt wurde, war ein solcher Krieg samt Gräueltaten an der Zivilbevölkerung undenkbar. Wie geht es Ihnen damit?

Dass dieser Film plötzlich so gut passt, war uns in keinster Weise bewusst und nicht die Intention, ist nun aber natürlich umso erschreckender. Das war im Januar nicht vorstellbar. Wenn ich nun lese, dass russische Soldaten für das Massaker in Butscha als Kriegshelden geehrt werden, ist das absolut zynisch, tragisch und traurig. Der Film sollte als Abschreckung dienen und gleichzeitig diese finsteren Zeiten in Erinnerung rufen.

Als Vollblutschauspieler denken und fühlen Sie sich in Ihre Rollen hinein. SS-Obergruppenführer Heydrich, der den Holocaust federführend organisiert hat, ist da sicherlich eine besonders grauenvolle Herausforderung. Wie schaffen Sie das?

Das war ein weiter und harter Weg, aber nicht uninteressant, muss ich zugeben. Ich habe mich schon immer für böse Rollen interessiert, diese hat aber alle anderen in den Schatten gestellt. Ich habe mich wie ein Forscher in eine andere Welt begeben. Man weiß zunächst nicht, wie das funktionieren soll, aber es funktioniert. Man muss die antrainierten Begriffe von Gut und Böse über Bord werfen und die Moral umdrehen. Man muss gutheißen, was man verurteilt, um so einen Charakter verkörpern zu können, und man muss ihn dann auch wieder loswerden. Das ist ein schwieriger Prozess. Ich bin froh, dass der Film so gelobt und auch richtig interpretiert wurde.

Kritiker schreiben über Sie „Niemand spielt das Schlechte im Menschen besser als er.“

Das ist sehr nett, aber auch ein bisschen übertrieben. Es gibt genug andere, die das ebenfalls können. Aber ich habe in der Tat viele böse Rollen gespielt, auch der Minister Schnitzler in Vorstadtweiber gehört dazu. Es macht mir Spaß, auszuleben, was man sonst nicht darf. Ich habe keine Angst vor bösen Rollen.

Auch die Schiller-Balladen spielen mit der Lust am Bösen und den menschlichen Versuchungen. Was im „Handschuh“ noch gut ausgeht, endet beim „Taucher“ im tödlichen Abgrund. Welche Botschaft soll das Publikum mit nach Hause nehmen?

Vorrang hat, dass es sich um tolle Balladen handelt. Ich möchte in dieser medial überladenen Zeit das Augenmerk auf die alte Sprache und die alten Geschichten richten, die immer noch Orientierung im Leben bieten, und diese Quelle lebendig halten. Auch mein Vater und Großvater haben sich früher immer wieder auf Zitate dieser Balladen bezogen, die ebenso ein gewisses Maß an Humanität bieten, das sich über die Jahre gehalten hat. Das finde ich sehr beeindruckend.

Auf Youtube findet sich Ihre Interpretation vom „Taucher“ als Kraftakt, der mit einem beherzten Sprung von der Bad Vöslauer Wasserbühne ins Quellbecken endet. Wären Sie der Jüngling in Schillers Gedicht, wären Sie gesprungen?

Wahrscheinlich. Als Werther hätte ich mich wahrscheinlich auch erschossen. Ich hätte wohl die gleiche Neigung. Aber auch das ist ja die Kunst und die Kraft von Kunst und Literatur, Dinge nur in der Fantasie auszuleben.

2010 wurde für die Aufführung von Maxim Gorkis „Sommergäste“ ein großer Swimmingpool auf die Bühne der Stiftsruine gebaut. Hätten Sie den gerne für Ihren „Taucher“?

(lacht) Das wäre natürlich toll, wenn der extra aufgebaut würde. Aber falls es wieder Starkregen gibt, würde das ja ebenfalls gut passen.

Wer noch keine Karte für den 5. Juli gekauft hat, warum sollte er oder sie das unbedingt tun?

Weil sich die einmalige Chance bietet, Literatur anders zu erleben und das noch dazu in dieser Kulisse. „Jedermann Reloaded“ in Bad Hersfeld war eine absolute Perle. Die einzigartige Ruine in Kombination mit dem, was wir machen, ist eine Win-Win-Situation für alle. (Nadine Meier-Maaz und Peter Gottbehüt)

Tickets und Informationen unter: bad-hersfelder-festspiele.de

Eine Rezension zu „Jedermann Reloaded“ lesen Sie hier.

Zur Person: Philipp Hochmair

Philipp Hochmair (48) ist in Wien aufgewachsen, wo er früh seine Leidenschaft für Literatur, Film und Theater entdeckte – auch dank seiner Mutter, die damals als Ärztin regelmäßig Schauspieler betreute. Er hat Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien sowie an der National Academy of Dramatic Arts in Paris studiert. Zwischen 2015 und 2021 war er in vielen TV-Serien zu sehen, auf der Bühne gestanden hat er etwa bei den Salzburger Festspielen. Für die Hauptrolle in „Blind ermittelt“ erhielt er 2019 den österreichischen Romy-Preis. Aufmerksamkeit erregten auch seine Rollen in „Charité“ und „Die Wannseekonferenz“. Mit „Jedermann Reloaded“ gastierte er im Juli 2021 in Bad Hersfeld. Aktuell ist er im Kinofilm „Das Glaszimmer“ zu sehen (Start am 28. April). Hochmair ist für das Goethe-Institut um die halbe Welt gereist und lebt in Hamburg. philipphochmair.com

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