Montagsinterview

Gesundheitsamtsleiterin Adelheid Merle: „Impfen ist unsere große Chance“

Adelheid Merle ist Leiterin des Gesundheitsamtes Hersfeld-Rotenburg. Derzeit ist sie viel mit der Bewältigung der Corona-Krise beschäftigt.
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Adelheid Merle ist Leiterin des Gesundheitsamtes Hersfeld-Rotenburg. Derzeit ist sie viel mit der Bewältigung der Corona-Krise beschäftigt.

Das Jahr 2020 wird als das Corona-Jahr in die Geschichtsbücher eingehen. Die ersten Fälle im Landkreis meldete das Gesundheitsamt vor neun Monaten.

Hersfeld-Rotenburg – Seit März haben sich mehr als 2000 Menschen nachweislich mit dem Virus infiziert. Im Interview spricht Adelheid Merle, Leiterin des Gesundheitsamtes, über dieses besondere Jahr, die Corona-Warn-App und die gestern gestarteten Impfungen.

Frau Merle, wie ist die Lage im Gesundheitsamt?
Die Lage ist sehr angespannt. Die Inzidenzen sind inzwischen ziemlich hoch und werden das wahrscheinlich vorerst auch noch bleiben. Ich gehe davon aus, dass sich jetzt, über die Feiertage und an Silvester, viele Menschen treffen. Das wird aber nicht zur Entspannung der Lage beitragen - eher im Gegenteil.
Je mehr positive Coronatests Sie registrieren, desto schwieriger wird es, Infektionsketten nachzuvollziehen. Anfang der vergangenen Woche stieg die Inzidenz erstmals auf über 300. Schaffen Sie das überhaupt noch?
Wir bemühen uns. Es wird aber Tag für Tag schwieriger. Im Moment bekommen wir sehr viel Unterstützung. Der Landkreis hat neue RKI-Scouts eingestellt, die nur für die Kontaktverfolgung zuständig sind.
Da wir immer noch viele Leserfragen dazu bekommen: Worauf muss man achten, wenn man einen Coronatest gemacht hat?
Die gesetzliche Lage in Hessen ist eindeutig. Wer einen PCR-Test gemacht hat, ist verpflichtet, sich solange zuhause abzusondern, bis das Testergebnis vorliegt und man über das Ergebnis vom Gesundheitsamt unterrichtet wird. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes rufen übrigens immer zu normalen Tageszeiten an, nie nachts. Ist das Testergebnis positiv, heißt das: weitere häusliche Quarantäne für insgesamt 14 Tage.
Wie viele Menschen kümmern sich im Gesundheitsamt um Kontaktnachverfolgung?
Das kommt immer auf die Fallzahlen an. Im Schnitt sind es aber aktuell mindestens 30 Leute, täglich von 6.30 bis circa 18 Uhr, manchmal länger. Sie können sich denken, dass viele Mitarbeiter inzwischen Überstunden im dreistelligen Bereich angehäuft haben.
Ein Instrument, die Infektionen einzudämmen, soll ja die Corona-Warn-App sein. Sie soll bei positivem Befund Kontaktpersonen informieren und letztlich auch die Gesundheitsämter unterstützen. Wie oft hat die App Ihrem Amt schon geholfen?
(lacht laut) Noch nicht einmal. Hier scheint der Datenschutz einfach zu gut zu sein.
Also ist die laut Kanzleramtschef Helge Braun „beste App der Welt“ ein Flop?
Das haben Sie jetzt gesagt.
Wie kann das denn sein?
Das müssen Sie die App-Entwickler fragen. Fakt ist: Wir haben hier noch nie eine rote Warn-App erlebt. Die Menschen melden sich bei uns, wenn sie wissen, dass Menschen aus ihrem Umfeld positiv getestet worden sind, aber nicht, weil sie von der App gewarnt wurden.
Im Frühjahr galt Deutschland als Vorbild im Kampf gegen das Virus. Warum stehen wir jetzt verhältnismäßig schlecht da?
Dass eine zweite Welle kommt, war zu erwarten. Dass sie jetzt so heftig ausfällt, war nicht klar. Ein Grund könnte sein, dass wir uns, anders als im Frühjahr diesmal nicht komplett abgeschottet haben. Wir sind ein Binnenstaat und hatten in den vergangenen Wochen immer noch recht viel Reiseverkehr. Vielleicht liegt es daran. Grundsätzlich haben wir viel gelernt in den vergangenen Monaten. Das hat das Virus allerdings auch, wie die Mutationen in England zeigen.
Die ersten Coronafälle meldete Ihr Amt am 11. März. Am selben Tag erklärte die Weltgesundheitsorganisation die durch das Coronavirus ausgelöste Atemwegskrankheit Covid-19 zur Pandemie. Wann haben Sie realisiert, dass da etwas ganz Großes auf Sie zurollt?
Wir haben das schon sehr früh beobachtet, als in China die ersten Fälle bekannt wurden. Ab Januar wurden bereits Vorkehrungen getroffen und Pandemiepläne angepasst. Dann kamen die schrecklichen Bilder aus Bergamo. Spätestens als wir hier im Landkreis den ersten offiziell bestätigten Fall hatten, wussten wir: Jetzt geht’s auch hier rund.
Wenn Sie die vergangenen neun Corona-Monate einmal Revue passieren lassen, was war aus Ihrer Sicht der größte Fehler der Politik?
Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Aber rückblickend hätte man die Zeit im Sommer noch besser nutzen können, um sich auf eine zweite Welle vorzubereiten. Die niedrigen Fallzahlen während der Sommermonate haben alle in einer falschen Sicherheit gewiegt.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Die Impfstoffe. Dass wir die jetzt schon haben, in so kurzer Zeit, das ist schon ein Meilenstein. Noch schneller ist das kaum zu realisieren. Das hätte ich mir im März nicht träumen lassen. Es kann allerdings noch Monate dauern, bis wir einen Effekt der Impfungen bemerken werden.
Was sagen Sie eigentlich Menschen, die nach mehr als 1,6 Millionen offiziell bestätigten Coronanachweisen und rund 30 000 Todesfällen im Zusammenhang mit diesem Virus gegen die Coronapolitik auf die Straße gehen?
Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber wer meint, dass diese Krankheit nicht gefährlich ist, kann ja mal einen Blick auf unsere Intensivstationen werfen. Diese Krankheit ist nicht zu unterschätzen, sie kann tödlich enden und außerdem sind die Langzeitschäden nach durchgemachter Infektion derzeit noch nicht absehbar.
Was wünschen Sie sich für 2021?
Ich wünsche mir, dass sich möglichst viele Menschen gegen Covid-19 impfen lassen. Impfungen sind unsere große Chance, um Krankheiten zu besiegen, nicht nur aktuell Corona. Seit vielen Jahrzehnten nutzen wir Vorsorgeimpfungen – und das mit Erfolg. Denken Sie etwa an die Kinderlähmung, daran, wie diese Impfung geholfen hat, viele zigtausend Menschen vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren. Heute gibt es praktisch weltweit keine Kinderlähmung mehr. In Deutschland können wir es uns leisten, die Impfungen gegen Covid-19 kostenlos anzubieten. Deshalb sollte jeder über diese Möglichkeit nachdenken und sie nutzen. Wer dieses Angebot nicht annimmt, den kann ich nicht verstehen.

Von Sebastian Schaffner

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