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In Reinhilde Berrys Gaststätte auf der Hohen Luft in Bad Hersfeld waren alle Gäste willkommen

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Von: Christine Zacharias

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Reinhilde Berry aus Bad Hersfeld erzählt von ihren Erfahrungen mit „Landfahrern“, wie man sie damals noch nannte, die in ihrer Wirtschaft im Stadtteil Hohe Luft gern gesehene Gäste waren.
Reinhilde Berry aus Bad Hersfeld erzählt von ihren Erfahrungen mit „Landfahrern“, wie man sie damals noch nannte, die in ihrer Wirtschaft im Stadtteil Hohe Luft gern gesehene Gäste waren. © Christine Zacharias

In den 1960er und -70er Jahren hatte Reinhilde Berry eine Gaststätte in Bad Hersfeld, in der auch „Landfahrer“ eingekehrten. Für sie kein Problem, denn „alle Menschen sind gleich“.

Bad Hersfeld – An die kleine Ausfahrt im cremefarbenen Mercedes-Cabrio mit den roten Ledersitzen erinnert sich Reinhilde Berry gerne. Das Fahrzeug gehörte Palo, einem Sinto, und er hatte sie zu einer Probefahrt eingeladen. „Da haben die Leute vielleicht geguckt: der Landfahrer und die blonde Frau. In der Breitenstraße sind sie mit offenem Mund stehen geblieben“, erzählt sie.

Reinhilde Berry war in den 1960er und -70er Jahren die Wirtin der Casino-Gaststätten im Stadtteil Hohe Luft. Bei ihr waren Landfahrer, wie man sie damals nannte, immer willkommen. Die 81-Jährige meldete sich auf unseren Artikel, in dem junge Sinti von der Diskriminierung erzählten, die sie immer wieder erleben. „Alle Menschen sind gleich. So hat mich meine Großmutter erzogen“, betont die alte Dame, die im Eiterfelder Ortsteil Wölf auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Ihr Vater war kurz vor ihrer Geburt im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Landfahrer oder Zigeuner – so nannte man sie früher, kannte Reinhilde Berry schon aus ihrer Kindheit. „Die kamen mit dem Planwagen und hatten ein halb verhungertes Pferdchen dabei“, erinnert sie sich. Reinhilde, die als Kind schon etwas wild war und gerne auf Bäume kletterte, war vor allem von der Seiltänzerin fasziniert. So etwas wollte sie auch machen. Sie erinnert sich aber auch an die Vorurteile im Dorf. „Hinterher hieß es gleich, es hätten ein paar Hühner gefehlt.“

Ihre Oma habe den fahrenden Händlern, die zum Beispiel Spitzendeckchen anboten, immer etwas abgekauft, erzählt Berry. Damit habe sie die Menschen unterstützen wollen.

Diskriminierung hat Reinhilde Berry am eigenen Leib kennengelernt. Sie war mit einem Amerikaner verheiratet und das habe vielen Menschen nicht gefallen, sagt sie. Für sie war deshalb der Grundsatz ihrer Oma immer ein Leitfaden, alle Gäste gleichzubehandeln, egal welcher Herkunft. „Fingerspitzengefühl und Toleranz“ seien nötig, habe ihr Lebensgefährte immer gesagt. Auch daran hielt Reinhilde Berry sich.

Jeden Abend sei eine Gruppe von Sinti bei ihr in der Gastwirtschaft aufgetaucht, berichtet Reinhilde Berry. Sie seien immer tipptop gekleidet und frisiert gewesen, teilweise mit weißen Rüschenhemden. Sie hätten ein oder zwei Bier getrunken, für die Kinder, die dabei waren, gab es Cola und Limonade. Und auch Schnitzel mit Kartoffelsalat hätten sie gerne gegessen. „Frauen waren da normalerweise nicht dabei“, sagt Berry. Bei den Sinti habe es sehr strenge Regeln gegeben. Woran sie sich aber gerne erinnert, ist die ausgesuchte Höflichkeit ihrer Gäste. „Die haben mich immer Madame genannt.“

Und sie erinnert sich, dass die meisten älteren Sinti auf dem Arm eine Nummer eintätowiert hatten – ein bleibendes Zeichen an ihre Zeit im Konzentrationslager.

Über die Jahre seien da auch gute Kontakte, fast schon Freundschaften entstanden. Und so kam es eben, dass Palo sie zu einer Tour in seinem neuen Mercedes einlud. Dass die Sinti große Autos fuhren, habe bei vielen Menschen für Neid gesorgt, erzählt Berry. Die starken Fahrzeuge seien aber nötig gewesen, um die Wohnwagen ziehen zu können. Und mit denen seien die Sinti jeden Sommer unterwegs gewesen, um Handel zu treiben und zu großen Familientreffen.

Reinhilde Berry will aber ihre ehemaligen Gäste nicht verklären. Es habe, wie bei allen Menschen, solche und solche gegeben und eben auch einzelne, die gestohlen oder Probleme gemacht hätten.

Das Problem, dass Sinti-Kinder meist auf die Friedrich-Fröbel-Schule geschickt wurden, auch wenn sie problemlos eine weiterführende Schule geschafft hätten, kennte Reinhilde Berry aber auch von damals. „Es ist gut, dass es heute mehr Möglichkeiten gibt“, findet sie. (Christine Zacharias)

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