Interview mit Helmut Großenbach und Ulli Meiß

100 Jahre Sängerkreis Hersfeld: „Singen ist ein Urbedürfnis“

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Bei ihnen lässt man sich gern nieder: Helmut Großenbach (links) und Ulli Meiß vom Sängerkreis Hersfeld bereiten das Festprogramm zum 100-jährigen Bestehen vor, das in dieser Woche gefeiert wird.

Der Sängerkreis Hersfeld feiert am kommenden Samstag sein 100-jähriges Bestehen. Insgesamt repräsentiert der Dachverband 55 Gesangsvereine vom Jugend- bis zum Gospelchor.

Der Sängerkreis Hersfeld feiert am kommenden Samstag sein 100-jähriges Bestehen. Mit dem Ehrenvorsitzenden Helmut Großenbach und Kreischorleiter Ulli Meiß sprach Kai A. Struthoff über die lange Tradition und die Zukunft des Sängerkreises.

„Wo man singt, lass dich ruhig nieder, Bösewichter haben keine Lieder“, heißt es in einem alten Volkslied von Johann Gottfried Seume. Bei uns wird immer weniger gesungen, was sagt das über den Zustand der Gesellschaft aus?

Helmut Großenbach: Früher wurde schon in den Familien mehr gesungen, zum Beispiel zu Weihnachten. Das ist leider nicht mehr so, heute legt man eher eine CD auf.

Ulli Meiß: Unsere Gesellschaft individualisiert und anonymisiert sich immer mehr. Ehrenamtliches Engagement geht zurück, immer weniger Menschen wollen sich in Vereinen engagieren – das sieht man leider auch in unserem Sängerkreis.

Aber beim Sängerkreis wird noch gesungen. Geht der Sängerkreis eher optimistisch oder pessimistisch ins nächste Jahrhundert?

Großenbach: Ganz klar optimistisch! Trotz aller Widrigkeiten gibt es immer noch Chöre, die gemeinsam singen und die sich auch stimmlich weiterbilden. Gerade junge Menschen, die in der Schule gesungen haben, werden auch später dem Gesang verbunden bleiben – wenn auch vielleicht nicht mehr ganz so traditionell, wie das heute in den Chören ist.

Meiß: Das Singen ist ein Urbedürfnis des Menschen, deshalb wird weiter gesungen werden. Aber die Gesellschaft verändert sich, weshalb vermutlich auch mancher Chor auf der Strecke bleiben wird. Gerade deshalb muss sich der Sängerkreis verändern: Fundamentales muss zwar bewahrt werden, aber Innovatives sollte auch aufgenommen werden, um so der gesellschaftlichen Veränderung Paroli bieten zu können.

Sie sind beide optimistisch, gleichwohl hat der Sängerkreis schon seit Jahren keine Vorsitzenden mehr. Woran liegt das?

Meiß: Wir haben zwar keinen Ersten und Zweiten Vorsitzenden, aber trotzdem ein ganz schlagkräftiges Team, das den Sängerkreis leitet.

Großenbach: Möglicherweise schreckt die viele Arbeit den einen oder anderen ab. Ich hatte in meiner Zeit als Vorsitzender bis zu 60 offizielle Termine pro Jahr, um Kontakte zu pflegen und uns bekannter zu machen.

In den einzelnen Gesangsvereinen wird gesungen. Aber was macht denn eigentlich der Sängerkreis?

Großenbach: Wir sind der Dachverband der Gesangsvereine, über uns steht der Mitteldeutsche Sängerbund. Der Sängerkreis selbst ist also so eine Art Mittler und hat vor allem Verwaltungsaufgaben. Es geht darum, die Vereine zusammenzuhalten.

In unserem relativ kleinen Landkreis gibt es neben dem Sängerkreis Hersfeld noch den Sängerkreis Alheimer. Wann kommt die Fusion der Sängerkreise?

Großenbach: Darüber haben wir natürlich auch schon nachgedacht, obwohl das bislang offiziell noch kein Thema ist. Vermutlich liegt es auch am hohen Durchschnittsalter in den Vereinen. Es wurde versäumt, rechtzeitig jüngere Leute enger in die Vereine einzubinden, die auch offener für Veränderungen sind.

Trotzdem boomen überall die Projektchöre. Was machen die anders, besser?

Meiß: In einem Projektchor muss man sich nicht gleich fest und langfristig binden, sondern man kann erst mal reinschnuppern und ausprobieren. Das ist zunächst einmal gut, um überhaupt mit dem Gesang in Berührung zu kommen, nutzt aber langfristig nichts, wenn sich ein solcher Chor dann wieder auflöst. Aber insgesamt sind Projektchöre meist innovativer und moderner als die klassischen Gesangsvereine.

Die Chöre der Obersberg-Schulen sind ja eigentlich eine lebende Werbeveranstaltung für den Chorgesang. Profitieren davon auch die klassischen Gesangvereine?

Großenbach: Leider nein!

Meiß: Die jungen Leute sind durch Schule und Studium so fest eingebunden, dass leider oft keine Zeit mehr für Vereine bleibt. Viele gehen dann ja auch aus der Region weg. Obwohl einige wieder zurückkommen, gibt es keine verlässlichen Zahlen darüber, ob davon später auch die Vereine wirklich profitieren.

Was müsste sich in den Gesangvereinen ändern, um sie fit für die Zukunft zu machen?

Großenbach: Die Vereine müssen sich verjüngen, das predige ich seit vielen Jahren gebetsmühlenartig. Wir haben deshalb auch extra Referenten von auswärts geholt, damit sich die Vereine besser organisieren und präsentieren. Aber vieles davon ist leider bislang ohne Wirkung geblieben.

Muss man eigentlich gut singen können, um in einem Chor mitzumachen?

Meiß: Wer singen will, muss hören können – nämlich, ob man den richtigen Ton trifft. Zu dieser Begabung kommt dann die Gesangstechnik, die man lernen kann. Wenn der Chorleiter auf gewisse Standards achtet, dann wird die Stimme automatisch auch ausgebildet. Dann lernt man das Singen ohne Kraftaufwand. Ohnehin gibt es nur ganz wenige Menschen, die gar nicht singen können.

Wann haben Sie selbst denn eigentlich zuletzt gesungen?

Großenbach: Ich singe zum Beispiel an meiner Werkbank oder im Garten. Und außerdem bin ich mit meiner Frau auch selbst in einem Gesangverein.

Meiß: Ich habe fünf Jahre lang Solo-Gesang studiert und singe natürlich als Musiklehrer und Chorleiter auch beruflich jeden Tag. Und das macht mir einen Riesenspaß.

Hintergrund: Mehr als 1500 aktive Sänger in 55 Vereinen

Der Sängerkreis Hersfeld setzt sich aus fünf Sängerbezirken zusammen: Aulatal, Haunetal, Hersfeld, Landeck und Werratal. Insgesamt repräsentiert der Dachverband 55 Gesangsvereine vom Jugend- bis zum Gospelchor. Der Sängerkreis hatte zum 1. Januar 2019 1541 aktive Mitglieder, 1999 waren es allerdings noch 2614. Im Jahr 2018 haben die Chöre des Sängerkreises über 2000 Chorproben absolviert, bei 139 Geburtstagen und Jubiläen gesungen und bei 119 Gottesdiensten mitgewirkt. Auftritte bei Hochzeiten, in Altersheimen oder bei Beerdigungen gehören ebenso dazu, wie die Veranstaltung von eigenen Chorkonzerten oder die Teilnahme an den Veranstaltungen von anderen Chören. (kai)

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