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Pawel Cieslinski aus Polen: „Niemand fühlt sich hier völlig sicher“

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Von: Sebastian Schaffner

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Das Bild zeigt Pawel Cieslinski im Porträt. Er ist seit vier Jahren Landrat des Partnerlandkreises Dzialdowski.
Seit vier Jahren Landrat des Partnerlandkreises Dzialdowski: Pawel Cieslinski. © Privat

Keine fünf Autostunden sind es vom Powiat Dzialdowski, dem polnischen Partnerlandkreis von Hersfeld-Rotenburg, bis zur ukrainischen Grenze. Landrat Pawel Cieslinski im Interview.

Hersfeld-Rotenburg - Wie sicher fühlen sich die Menschen in Dzialdowski? Wie groß ist ihre Sorge vor einem Einmarsch von Putins Truppen? Und welches Bild haben sie von Deutschland? Wir haben bei Landrat Pawel Cieslinski nachgefragt.

Herr Cieslinski, vor sechs Wochen haben russische Truppen die Ukraine angegriffen. Was haben Sie damals gedacht?

Das war definitiv eine Überraschung für mich. Ich hätte nicht gedacht, dass Russland einen Schritt wagen würde, der zu einem lang anhaltenden bewaffneten Konflikt führen könnte, in den nicht nur Russland und die Ukraine, sondern auch andere Länder verwickelt sind.

Viele Menschen in Deutschland befürchten, dass Russland auch andere Länder angreifen könnte. Wie sicher fühlen Sie sich in Polen?

Niemand in unserem Land fühlt sich völlig sicher. Ich möchte daran erinnern, dass wir die östliche Flanke der Nato sind, die jederzeit von Russland angegriffen werden könnte. Ich fühle das Gleiche wie jeder Pole, Litauer, Lette oder Este, nämlich die Ungewissheit der Zukunft.

Ihr Land hat schon 2,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Wie schaffen Sie das?

Das ist eine riesige Anstrengung, vor allem der Bürger, aber auch der lokalen Behörden und der Regierung. Polen ist das erste Land, das den ukrainischen Kriegsflüchtlingen geholfen, ihnen die Tür weit geöffnet und sich um ihre soziale Absicherung gekümmert hat.

Wie viele Flüchtlinge haben Sie in Dzialdowski aufgenommen?

Bislang haben wir etwa 500 Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen, die bei den Einwohnern unseres Kreises untergekommen sind, aber wir sind schon auf die nächsten Gruppen vorbereitet. Als Gemeindeverwaltung haben wir außerdem eine Unterkunft für weitere 200 Personen vorbereitet. Einige von ihnen leben bei Privatpersonen, aber wir haben auch Flüchtlinge in speziell eingerichteten Schuleinrichtungen aufgenommen.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki nennt die deutsche Regierung die „größte Bremse“ bei den Sanktionen gegen Russland. Wie ist das Deutschlandbild der Polen heute?

Das ist die Meinung von Premierminister Mateusz Morawiecki, aber nicht ganz unbegründet. Sie waren gegen das Verbot von Öl- und Gasimporten aus Russland und haben es nicht zugelassen, dass britische Flugzeuge mit Waffen für die Ukrainer fliegen. Eine solche Botschaft, nicht nur von polnischen, sondern auch von ausländischen Medien, erreicht die Polen. Ich möchte Sie daran erinnern, dass sich Polen in der Frage der von der EU gegen Russland verhängten Beschränkungen klar positioniert hat. Leider tut dies Deutschland nicht. Außerdem ist die politische Rolle des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers und jetzigen Mitglieds des Gazprom-Aufsichtsrates, Gerhard Schröder, zweideutig. In unserem Land wird er als überzeugter Freund Putins wahrgenommen, der für Russland arbeitet.

In Deutschland lässt der Krieg die Benzinpreise buchstäblich explodieren. In einigen Supermärkten steht Speiseöl jetzt in verschlossenen Vitrinen neben Dom-Pérignon-Champagner. Ist das in Polen auch so?

Beim Speiseöl habe ich so etwas bislang nicht bemerkt. Benzin ist teuer, aber die polnische Regierung tut alles, damit der Preis nicht so hoch und für die Polen nicht so schmerzhaft ist. (Anm. d. Red.: Der Liter Benzin kostet im Powiat Dzialdowski umgerechnet derzeit 1,42 Euro, Diesel 1,57 Euro.)

Wie ist Dzialdowski bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?

Etwa 500 Menschen, bei denen Covid-19 diagnostiziert wurde, sind in unserem Bezirk gestorben. Die behördlichen Beschränkungen, einschließlich der Abriegelung und der freiwilligen Massenimpfung, haben sich meiner Meinung nach positiv ausgewirkt. Wir sehen immer weniger Covid-19-Infizierte. Unser Büro war übrigens durchgehend arbeitsfähig und stets für Kunden geöffnet. Ich kann also sagen, dass wir die Zeit der intensiven Pandemie ohne größere Probleme überstanden haben.

Haben Sie derzeit besondere Corona-Regeln?

Die Regeln werden von der Regierung festgelegt und wir befolgen sie. Derzeit besteht für Polen in Apotheken, Gesundheitszentren und Krankenhäusern Maskenpflicht. Die üblichen Impfstellen werden entfernt. Es scheint also, als sei die Pandemie gestoppt, zumindest für eine Weile. Es ist schwer vorherzusagen, was im Herbst passieren wird, denn in den vergangenen Jahren hatten wir dann die meisten Infektionen.

Normalerweise besuchen sich einmal im Jahr Delegationen aus Dzialdowski und Hersfeld-Rotenburg gegenseitig. In letzter Zeit war dies nicht mehr möglich. Auch der Besuch anlässlich des 100-jährigen Bestehens Ihres Powiats im Jahr 2020 wurde wegen der Pandemie abgesagt. Wie geht’s weiter?

Ich hoffe, dass wir in diesem Jahr einen Besuch der Delegation aus Hersfeld-Rotenburg in unserem Kreis organisieren können. Das sind zumindest unsere Pläne.

Was sind neben dem Krieg und der Pandemie derzeit die größten Herausforderungen für Dzialdowski?

Wir kümmern uns um die Entwicklung der lokalen Straßen-, Bildungs- und medizinischen Infrastruktur. Wir statten das Krankenhaus unseres Powiats mit modernen Diagnosegeräten aus und wir verbessern schrittweise den Zugang zu modernen medizinischen Dienstleistungen, vor allem durch Ausstattung unserer medizinischen Einrichtungen. Außerdem treffen wir Vorbereitungen für die Einführung der Wasserstoff-Energietechnologie. (Sebastian Schaffner)

Zur Person

Pawel Cieslinski ist seit dem 22. November 2018 Staroste (Landrat) des Powiats Dzialdowski, dem Partnerlandkreis des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Er löste den langjährigen Landrat Marian Janicki (2002-2018) ab. Der 61-jährige Cieslinski ist parteilos. Nach eigenen Worten lässt er sich „vom Wohlergehen der Bürger und nicht von ihren politischen Überzeugungen leiten“. Pawel Cieslinski ist verheiratet und hat zwei Töchter. Seinen Urlaub verbringt der Familienmensch im Winter am liebsten beim Skifahren in den Alpen und in der Tatra, einem polnisch-slowakischen Gebirge. Im Sommer reist er gern an die See nach Spanien, Italien und Deutschland. Zu seinen Hobbys zählt er die Jagd, Gartenarbeit, Imkern und Kochexperimente. (ses)

Idyllisch gelegen: Der Lautenburger See in Lidzbark (13 900 Einwohner) ist ein beliebtes Ausflugsziel im polnischen Partnerlandkreis Dzialdowski.
Idyllisch gelegen: Der Lautenburger See in Lidzbark (13 900 Einwohner) ist ein beliebtes Ausflugsziel im polnischen Partnerlandkreis Dzialdowski. © Privat

Zwölf Prozent sind arbeitslos

. Lage: Der Powiat (Landkreis) Dzialdowski liegt in Polen an der Masurischen Seenplatte, zwischen Warschau und Danzig.

. Einwohner: 64 670 (Hersfeld-Rotenburg: 120 123).

. Durchschnittsalter: 40,6 Jahre (Hersfeld-Rotenburg: 46,1)

. Fläche: 954 Quadratkilometer, davon ein Drittel Waldfläche (Hersfeld-Rotenburg: 1097 Quadratkilometer).

. Bevölkerungsdichte: 68 Personen pro Quadratmeter (Hersfeld-Rotenburg: 110).

. Kreisgliederung: sechs Kommunen; Stadt Dzialdowo

(deutscher Name: Soldau, 21 100 Einwohner), Stadt- und Landgemeinde Lidzbark (Lautenburg, 13 900 Einwohner) sowie die Landgemeinden Dzialdowo (9800 Einwohner), Rybo (Ribno, 7160 Einwohner), Ilowo-Osada (Illowo, 7170 Einwohner), Plosnica (Heinrichsdorf, 5540 Einwohner), darunter 105 Dörfer und 142 Ortschaften.

. Kreisstadt: Dzialdowo

. Landrat: Pawel Cieslinski

. Arbeitslosigkeit: 12,2 Prozent (Hersfeld-Rotenburg: 3,4 Prozent).

. Durchschnittliches Monatseinkommen: 4146 Zloty, also rund 891 Euro. Die meisten Menschen arbeiten in Industrie und Bau (38 Prozent), in Land- und Forstwirtschaft (24 Prozent) und im Dienstleistungssektor (12 Prozent). (ses)

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