Neuausrichtung in Bad Hersfeld gewünscht

Achim Kniese zum Stadtmarketing: „Weiter so wäre ein Rückschritt“

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Hotelier und Vereinsvorsitzender Achim Kniese.

Der Stadtmarketingverein plädiert für eine Neuausrichtung bei Stadtentwicklung und Standortvermarktung, damit Bad Hersfeld im härter werdenden Wettbewerb nicht abgehängt wird.

Aus der Einladung zur Hauptversammlung am kommenden Montag wird deutlich, dass ein Umbruch bevorsteht. Über die Erwartungen an die Stadtpolitik sprach Kai A. Struthoff mit dem Vorsitzenden des Vereins, dem Hotelier Achim Kniese.

Herr Kniese, der Stadtmarketingverein ist unzufrieden mit der Zusammenarbeit mit der Stadt. Was genau stört Sie?

Es geht uns nicht um Schuldzuweisungen, denn auch bei uns läuft nicht alles fadengerade und wir wollen auch nicht lamentieren. Wir merken in unserem Verein, dass das Engagement potenzieller Vorstandskandidaten, auch aufgrund der beruflichen Belastung, weiter abnimmt. Aber es gibt auch eine gewisse Frustration, weil wir seit Jahren über Konzepte, gemeinsame Aktionen und ein abgestimmtes Marketing mit der Stadt reden, doch haben wir in all der Zeit nichts Wesentliches erreicht.

Als Bindeglied und Koordinator zwischen Stadt und Geschäftswelt fungiert doch eigentlich in Bad Hersfeld der Kurdirektor?

Kurdirektor Wimhöfer hat aus unserer Sicht zu viele andere Aufgaben, um den Anforderungen eines modernen Stadtmarketings konzentriert gerecht werden zu können. Deshalb plädieren wir ja für neue, professionalisierte Strukturen, wie es sie in anderen Städten längst gibt.

Rotenburg und Bebra haben eben solche Strukturen geschaffen, das Stadtmarketing professionalisiert und dicht an die Spitze der Verwaltung geholt. Könnte das ein Vorbild sein?

Warum nicht? Natürlich sind Rotenburg und Bebra nicht ganz mit Bad Hersfeld vergleichbar, aber beide Städte haben einen Sprung nach vorn gemacht, städtebaulich, touristisch und auch in ihrer Wahrnehmung. Man merkt, dass das Stadtmarketing dort ganz weit oben angesiedelt ist und auch die entsprechenden Freiräume und finanzielle Budgets hat – das fehlt bei uns.

Sie fordern also eine neue Stelle im Rathaus für einen Stadtmanager?

Ja, denn das ist keine Aufgabe für einen Kurdirektor. Von der Begrifflichkeit Kur sollten wir uns aus pragmatischen Gründen verabschieden. Den „Bad-Status“ sollten wir pflegen, das geht auch ohne Kurdirektor. Eine weitere Überlegung wäre, aus der heutigen Kurtaxe eine „Citytax“ zu machen, wie es sie in anderen Städten auch gibt. Wir müssten dann nicht mehr Einrichtungen vorweisen, für die vermeintlich Kurtaxe zu entrichten wäre.

Kritiker werfen dem Stadtmarketingverein vor, dass die Geschäftsleute dort vor allem ihre wirtschaftlichen Eigeninteressen verfolgen. Was entgegnen Sie darauf?

Eine homogene Gewerbelandschaft ohne Leerstände ist das Rückgrat einer vitalen Stadt. Davon hat jeder was. Voraussetzung dafür sind auskömmliche Erträge, und ich kenne keinen Hersfelder, der auf das hier noch bestehende attraktive Angebot verzichten möchte. Genau deshalb sollten alle Hersfelder froh sein, dass es beim Modecentrum Sauer gesichert weitergeht. Für mich ist es auch ein Weckruf an uns alle.

Trotzdem profitiert die örtliche Wirtschaft von städtischen Investitionen in die Festspiele und andere Veranstaltungen. Wäre es da nicht legitim, dass Sie sich auch an den Kosten dafür beteiligen?

Das machen wir doch schon – mit ordentlichen Gewerbesteuerzahlungen und gerade wieder erhöhten Grundsteuern. Wir erfüllen unsere unternehmerische Aufgabe. Im Übrigen: Wessen Aufgabe ist denn Stadtentwicklung – attraktives Wohnen, Einkaufen, Gastronomie und Hotellerie? Das ist auch die originäre Aufgabe der Stadtverwaltung. Wie man sie dabei unterstützen kann, darüber wollen wir ja gerne reden. Aktuell sind die Themen von Handel und Gastgewerbe aber nicht hoch genug angesiedelt angesichts vieler Leerstände und des enormen Wettbewerbdrucks durch den Online-Handel im Internet.

Was also wollen Sie tun?

Der Vorstand will sich bei der Hauptversammlung am kommenden Montag nur noch für ein Jahr wählen lassen. Nach dem Hessentag wollen wir dann verstärkt mit allen politischen Fraktionen und der Verwaltung ausloten, ob es andere Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt. Darüber würden wir uns sehr freuen. Sollte das aber nicht möglich sein, dann stellt sich die Frage, ob der Stadtmarketingverein überhaupt noch sinnvoll arbeiten kann.

Nun hat es zwischen Ihnen und der Stadtpolitik zuletzt etwas geknirscht: Stichwort Kurtaxe. Sehen Sie da überhaupt noch eine Gesprächsbasis?

Da ging es nicht um meine Person, sondern um alle Hoteliers und die finanzielle Planungssicherheit für unsere Gäste. Ich fand es schade, dass meine Argumente zur Kurtaxe nicht aufgenommen wurden. Aber es zeigt auch, dass es Verein und Stadt nicht gelungen ist, ein gemeinsames Leitbild aufzustellen – typisch für die Situation. Für mich geht es auch zukünftig um die Sache, nicht um Befindlichkeiten. Ich setze mich gern mit den städtischen Entscheidern an einen Tisch und nehme mich persönlich zurück.

Wen würde eine Auflösung des Stadtmarketingvereins härter treffen: Die Stadt, die Geschäftswelt oder die Bürger?

Das wäre ein Armutszeugnis, unter dem alle leiden würden und ein deutlicher Rückschritt, der für alle Konsequenzen hätte. Ein Rückschritt für Bad Hersfeld wäre es jedenfalls, wenn es so weiterginge.

Zur Person: Achim Kniese

Achim Kniese stammt gebürtig aus Kiel, ist in Hamburg aufgewachsen und kam vor 20 Jahren nach Bad Hersfeld. Der 59-jährige Hotelier betreibt mit seiner Frau in der Festspielstadt das Hotel am Kurpark, das Hotel Thermalis, das B & F Hotel, das Romantik Hotel Zum Stern sowie das Alte Brauhaus und Stern’s Kochwerkstatt. In diesen Häusern arbeiten insgesamt 180 Menschen. Kniese ist gelernter Kellner und Koch. Er engagiert sich im Tourismusausschuss Grimmheimat und im Arbeitskreis Tourismus der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg. (ses)

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