Sie wollen herausfinden, wie die Vorfahren lebten

Iris und Elsbeth Rohrbach aus Niederjossa sind begeisterte Ahnenforscherinnen

Iris Rohrbach und ihre Mutter Elsbeth recherchieren am Laptop und in einem Buch.
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Iris Rohrbach und ihre Mutter Elsbeth sind begeistert von den Möglichkeiten, die Computer und Internet heute für die Ahnenforschung bieten.

Wer waren unsere Vorfahren und wie lebten sie? Diese Frage beschäftigt Iris und Elsbeth Rohrbach aus Niederjossa.

Niederjossa – Ahnenforschung findet Iris Rohrbach faszinierend. Diese Leidenschaft teilt sie mit ihrer Mutter Elsbeth. Die war es auch, die die Tochter dazu anregte. Als Iris Rohrbach schwanger war, meinte ihre Mutter, nun sei es eine gute Gelegenheit, mal nach den Vorfahren zu fragen. Und obwohl das Erforschen der Familiengeschichte damals, in den 1980er- und 90er-Jahren noch eine aufwändige Geschichte war, die Reisen zu den Archiven nach Kassel und Marburg erforderlich machte, war Iris Rohrbach sofort infiziert.

Inzwischen haben Computer und das Internet die Suche nach den Altvorderen stark vereinfacht. Das Kirchenbuchportal archion.de, zum Beispiel, hat es sich zum Ziel gesetzt, sämtliche evangelischen Kirchenbücher einzupflegen. Und im Landesgeschichtlichen Informationssystem lagis-hessen.de finden sich alle Standesamtsdaten, also nicht nur Geburts- und Sterbedatum einer Person, sondern auch Namen, Geburtsdaten und Herkunft der Eltern. Dennoch erfordert die Ahnenforschung auch heute noch viel Zeit und Aufwand. Zudem müssen alte Schriften entziffert und teilweise Mundartbegriffe interpretiert werden.

Iris Rohrbach hat nicht nur die eigenen Vorfahren bis ins Jahr 1550 zurückverfolgt und in einem Stammbaum dokumentiert, sondern auch festgestellt, dass praktisch ganz Niederjossa, zumindest die alteingesessenen Niederjossaer Familien, einen gemeinsamen Vorfahren hat: Friedrich Meckbach, geboren im Jahr 1604, der aus Kerspenhausen nach Niederjossa kam.

Ganz viele Niederjossaer gehören zudem zu den Nachfahren von Heinrich Diebel. Er ist auch Elsbeth Rohrbachs Urgroßvater. „Alle Diebels in Niederaula, Niederjossa, Kirchheim und Reimboldshausen stammen von einem Urvater ab“, erklärt Elsbeth Rohrbach. Die Familie Diebel stammt aus Ibra und war sehr kinderreich. Wie früher üblich, erbte der älteste Sohn den Hof, seine Geschwister mussten sich anders orientieren. „Die haben sich dann in der Region verteilt“, sagt Iris Rohrbach.

Vor allem im 19. Jahrhundert hätten aber auch ganz viele Menschen aus der Region ihr Glück in Amerika gesucht. Etwa die Hälfte der jungen Leute, so schätzt Iris Rohrbach, sei ausgewandert. Die Auswanderer aus Niederaula sammelten sich vor allem in Illinois, viele gingen auch nach Ontario in Kanada. Mithilfe ihrer Ahnenforschung ist es Iris Rohrbach gelungen, Kontakt zu Verwandten herzustellen. Diese Kontakte und die gegenseitigen Besuche empfindet sie als große Bereicherung.

Um alte Kirchenbucheinträge lesen zu können, braucht es Übung. Dieser hier lautet: „Hans Rhorbach, genannt Fett, von Niddern Guta, ein lediger Schefer und Anna Lingmann, eine leddige Magd von Gilff. Sind von mir in christlicher Versammlung in Filial daselbst copuliert und eingesegnet worden. 20 Aug 1584“.

„Wenn man da in Illinois über einen Friedhof geht, hat man das Gefühl, man sei daheim, weil die Namen alle vertraut sind“, erinnert sie sich. Ihren Töchtern hätten die Friedhofsbesuche allerdings gar nicht gefallen. „Da sind wir schon mal in Amerika und dann rennen wir nur über Friedhöfe“, hätten sie geschimpft, sagt Rohrbach. Mit ihrer Begeisterung für die Vorfahren und für Historisches stößt sie ohnehin nicht überall auf Gegenliebe. Sprüche wie „Ich lebe im Hier und Jetzt, wozu brauche ich die Vergangenheit“, hört sie immer wieder, sowohl in der Familie als auch von Niederjossaern. Iris Rohrbach meint dagegen, dass schließlich unsere Vorfahren und deren Leben dafür verantwortlich seien, dass und wie wir heute leben. Immerhin habe ihre sechsjährige Enkeltochter Interesse an der Vergangenheit und wolle gerne die Geschichten zu den Namen auf den Grabsteinen wissen, freut sich Iris Rohrbach.

Eines ist ihr allerdings nicht gelungen – eine Verbindung herzustellen zwischen den Niederaulaer und den Haunetaler Rohrbachs. Denn dort ist der Familienname ebenfalls sehr häufig. Allerdings hat sie verwandtschaftliche Beziehungen zu prominenten Amerikanern entdeckt: Der erwähnte Friedrich Meckbach, der älteste bekannte Urvater von Niederjossa, ist auch der Vorfahr von Johann Heinrich Heinz (amerikanisiert Henry John Heinz), dem bekannten Ketchup-Produzenten. Dessen Mutter stammt aus Kruspis.

Und Johann Heinz wiederum war ein Cousin von Friedrich Trump aus Kalbach, dem Großvater des noch amtierenden Präsidenten Donald Trump.

Ein Kind nach dem anderen zur Welt gebracht

Ahnenforschung, das sind nicht nur Namen, Zahlen und Stammbäume. Wer in alten Kirchenbüchern oder Standesamtsverzeichnissen liest, der erfährt ganz viel über die Menschen und die Zeit in der sie gelebt haben. Für Elsbeth und Iris Rohrbach ist das eine wichtige Motivation.

Besonders berührt haben Mutter und Tochter die harten Schicksale der Frauen in früheren Jahrhunderten. „Die haben ein Kind nach dem anderen gekriegt, solange bis sie starben. Und das passierte oft im Kindbett“, berichtet Elsbeth Rohrbach. Auch die Kinder seien ganz oft gestorben, an Krankheiten oder durch Unfälle.

„Frauen waren oftmals nur Gebärmaschinen“, empört sich Iris Rohrbach. Sie seien nach materiellen und finanziellen Gesichtspunkten verheiratet worden und hätten dann ihr Leben lang harte Arbeit leisten und Kinder zur Welt bringen müssen. Und wenn die finanziellen Verhältnisse schlecht gewesen seien, dann sei auch eine Heirat nicht möglich gewesen. Schwanger geworden seien die Frauen trotzdem. Ihre Kinder wurden dann als Hurenkinder bezeichnet, sie selbst als Huren. „Das ganze Buch ist voll mit unehelichen Kindern“, berichtet Elsbeth Rohrbach mit Blick auf alte Kirchenbucheinträge.

Doch obwohl so viele Kinder unehelich zur Welt kamen, bedeutete ihre Geburt Schande für die Eltern, vor allem für die Frauen. Sie mussten öffentlich in der Kirche Buße tun, die Männer konnten sich meistens mit Geld vor der Demütigung schützen. Für die Männer seien die Frauen in vielen Fällen mehr oder weniger austauschbar gewesen, so Elsbeth Rohrbachs Eindruck. Die hätten oft schon drei Monate nach dem Tod ihrer Frau die nächste geheiratet, die dann auch gleich wieder Kinder bekam. Für Frauen galten dagegen andere Regeln. Sie mussten mit einer Wiederverheiratung nach dem Tod ihres Mannes mindestens sechs Monate warten, meistens sogar ein ganzes Jahr.

Geheiratet wurde oft innerhalb der Familie – für Cousins und Cousinen ist das erlaubt. So sollte das bisschen Eigentum, das man hatte, zusammen gehalten werden, erklärt Iris Rohrbach. Üblich sei es auch gewesen, innerhalb eines Berufsstandes zu heiraten, also die Tochter des Schmieds nahm einen anderen Schmied zum Mann.

Überrascht waren die Rohrbachs, als sie feststellten, dass die Partner bei der Eheschließung in der Regel mindestens Mitte zwanzig waren. Sehr jung geheiratet worden sei eher in Adelskreisen und dann später mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

Selbst bei erwachsenen Kindern hatten die Eltern das Recht, über den Ehepartner zu entscheiden. Es gibt Belege, dass Paare Anträge beim Landesfürsten stellten, um auch gegen den Willen der Eltern heiraten zu können. (zac)

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