Instagram: Anna Schwalm will Mut machen

28-Jährige aus Neuenstein lässt sich von ihrer Behinderung nicht entmutigen

Ans Ziel kommen: Mit ihrem Elektro-Dreirad kann Anna Schwalm trotz ihrer Gehbehinderung selbstständig im Landkreis unterwegs sein.
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Ans Ziel kommen: Mit ihrem Elektro-Dreirad kann Anna Schwalm trotz ihrer Gehbehinderung selbstständig im Landkreis unterwegs sein.

Trotz Behinderung selbstbestimmt und mutig durchs Leben gehen – das möchte Anna Schwalm aus Raboldshausen auf ihrem Instagram-Account vermitteln.

Neuenstein - Die 28-Jährige leidet selbst unter einer Spastik in der linken Körperseite, hat also eine Gehbehinderung. „Ich will die Leute in mein Leben mitnehmen und sie ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen“, sagt sie. Die Widrigkeiten für behinderte Menschen im Alltag und Inklusion sind dabei ein wichtiges Thema für die Raboldshäuserin. Dafür wirbt sie nicht nur auf Instagram, sondern auch bei politischen Vertretern im Landkreis.

Deshalb suchte sie auch bereits mit den Bürgermeistern Daniel Iliev (Heringen) und Thomas Fehling (Bad Hersfeld) sowie dem Bundestagsabgeordneten Michael Roth das Gespräch. „Es ist mir sehr wichtig, dass die Inklusion im Landkreis vorangetrieben wird. Ich würde mir zum Beispiel mehr Barrierefreiheit wünschen“, sagt Anna Schwalm. Die Politiker nahmen ihr Anliegen ernst, würdigten sie für ihr Engagement, erzählt sie.

Gesehen und anerkannt werden, wie ein „normaler Mensch wahrgenommen werden“, das ist der inständige Wunsch der 28-Jährigen. Denn das war nicht immer so. Anna Schwalm wurde im Mai 1993 in Bad Hersfeld geboren und wuchs in Raboldshausen auf. Im Kindergarten wurde sie von einer Integrationskraft unterstützt. Doch schon in der Grundschule wurde Annas Beeinträchtigung zur Behinderung für die Lehrer; nicht nur ihre Spastik, sondern auch ihre leichte Lernschwäche. Die wurde seitens der Schule als geistige Behinderung gedeutet, weshalb Anna Schwalm nach dem zweiten Grundschuljahr auf die August-Wilhelm-Mende-Schule in Bebra wechseln musste.

Für ihre Eltern Reiner und Anita Schwalm war diese Entscheidung unverständlich, hatte Anna doch lediglich Schwächen in Mathe und Deutsch, wie sie berichten. „Dort hatte ich einen guten Lehrer, besonders in Deutsch. Aber ich fühlte mich manchmal unterfordert“, verrät sie. Drei Jahre lang war sie Schulsprecherin und Klassensprecherin, war bei ihren Mitschülern beliebt, erzählt sie. Mit 18 Jahren beendete sie die Schule, jedoch ohne Abschluss. Denn den bekommt man an einer Förderschule nicht, sagt sie.

Sie wollte arbeiten, gern mit Kindern oder in der Pflege – ohne Schulabschluss sei das aber schwierig. So kam sie zu den Sozialen Förderstätten in Bebra und das Gefühl der Unterforderung ging mit. „Ich habe mich dort nicht wohlgefühlt. Wenn wir keine Arbeit hatten, mussten wir die Zeit mit Mensch-ärgere-dich-nicht überbrücken.“

Eine Chance, mit Kindern zu arbeiten, ergab sich für die 28-Jährige dann aber trotzdem. Im Januar 2014 bekam sie über die sozialen Förderstätten einen Praktikumsplatz in der Kindertagesstätte Sonnenschein in Raboldshausen. „Darüber war ich sehr glücklich. Da habe ich Anerkennung bekommen und mich weiterentwickelt.“ Sechs Jahre lang arbeitete sie dort, bis sie sich um eine feste Arbeitsstelle – ohne Unterstützung durch die Sozialen Förderstätten – dort bemühte. „Ich will selbst entscheiden, mit wem und wo ich arbeite“, sagt sie. Denn das gäben die Werkstätten für behinderte Menschen vor. Zudem sei das Gehalt nicht ausreichend, um damit ein eigenständiges Leben zu finanzieren. So endete die Zusammenarbeit zwischen den Förderstätten und Anna Schwalm. Danach folgte eine weitere Arbeitsstelle, doch da sie in der Probezeit krank wurde und sie zu langsam gearbeitet habe, verlor sie die Stelle. Trotz einer Zusatzqualifikation für die Pflege von Senioren und Kindern (HELP), die sie an einem Diakonischen Bildungsinstitut in Eisenach erwarb, bleibt es auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer für sie. „Als behinderter Mensch wird man oft abgesondert, als wäre man nichts wert“, erzählt sie.

Mit seltsamen Blicken und verletzenden Worten wurde sie schon häufig konfrontiert. Mit der Frage, ob sie nicht „in den Knast zurück müsste“, weil sie eine Fußfessel trüge, wurde die Raboldshäuserin von Fremden auf der Straße angesprochen, berichtet sie. Damit waren ihre Fußorthesen gemeint, die sie tragen muss, um beim Laufen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Mittlerweile schlucke ich sowas runter und mache einfach weiter. Jeder der gesund ist, kann glücklich darüber sein.“ Aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung hat sie häufig Knochenentzündungen und starke Rückenschmerzen.

Davon müsse sie sich manchmal ablenken. Dann geht sie in die Küche, kocht und backt oder steigt auf ihr neues Elektro-Dreirad. Damit fährt sie oft nach Bad Hersfeld oder erledigt kleine Einkäufe für ihre 82-jährige Nachbarin, die sie jeden Tag besucht. „Ich bin einfach gern mit Menschen zusammen“, sagt Anna Schwalm. Deshalb möchte sie gern in der Tagespflege arbeiten. „Ich will arbeiten. Die Behinderung steht aber meistens im Vordergrund. Ich möchte einfach eine Chance bekommen.“

Info: Anna Schwalms Instagram-Profil _anna_1305 kann nach einer Kontaktanfrage angesehen werden.

Natascha Terjung

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