K+S darf weiter Salzabwasser versenken: Weniger als früher, aber bis 2021

Kassel/Heringen. Das Regierungspräsidium Kassel hat gestern dem Kasseler Kalikonzern K+S erlaubt, bis Ende 2021 im osthessischen Werrarevier weiter Salzabwässer in den Untergrund zu verpressen.

Höchstens 1,5 Millionen Kubikmeter jährlich sind auf diesem Entsorgungsweg noch zulässig. Das ist weniger als die Hälfte der Versenkmengen vergangener Jahre. Es ist auch deutlich weniger als K+S mit anfänglich 3,9 Millionen Kubikmetern und 2,3 Millionen später beantragt hatte. Zudem steht im Bescheid, den das Unternehmen gestern erhielt, laut RP erstmals „letztmalige Verlängerung“.

Die Erlaubnis trage einerseits dem Trinkwasserschutz Rechnung, andererseits der Rohstoffsicherung und der regionalen Bedeutung der Kaliindustrie, sagte Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke.

K+S sprach von höherer Entsorgungssicherheit. Wenn 2017 ein Jahr mit normalen Niederschlägen werde, sei „eine Vollproduktion am Werk Werra annähernd möglich“. Das zielt auf die Abhängigkeit des anderen Entsorgungswegs von K+S: Die Direkteinleitung von Salzlauge in die Werra hängt am Wasserstand im Fluss. Sie hat in den genehmigten Grenzen immer Vorrang vor der Versenkung. K+S schränkte im Lauf dieses Jahres mehrfach die Produktion ein, Kurzarbeit war die Folge.

Dass das Unternehmen dringend einen dritten Entsorgungsweg braucht, betont der RP-Bescheid. Seit November fahren Tank-Lkw bereits Abwasser ins Kalibergwerk Bergmannssegen-Hugo bei Hannover. Über weitere Deponien, endgültige oder vorübergehende, wird verhandelt.

Der Umweltverband BUND nannte die neue Versenkerlaubnis einen „skandalösen Rechtsverstoß“. Die Thüringer Gemeinde Gerstungen, die seit langem gegen die Versenkung kämpft, hat bereits Klage angekündigt. Sie spricht von „alten, offenkundig gesetzeswidrigen Entsorgungswegen“.

Fragen und Antworten

Was meint Versenkung genau und warum ist sie so problematisch? 

Dünger und andere Wertstoffe aus Kalisalz zu gewinnen, ist an der Werra ein sehr abfallträchtiges Geschäft. Flüssige Abfälle gehen in die Werra oder durch Bohrlöcher in tiefe poröse Erdschichten - beides genehmigt. Nur: Unten im Plattendolomit bleiben die Kalilaugen nicht. Gegen frühere Prognosen sind 20 bis 40 Prozent der seit 1925 versenkten eine Milliarde Kubikmeter im Buntsandstein unterwegs. Keiner weiß, wo genau.

Wo ist das Problem, wenn man’s nicht weiß? 

Der Buntsandstein ist Grund- und Trinkwasserschicht. Gesetze zum Grund- und Trinkwasserschutz sind bei uns sehr streng. Deshalb - so stand es in der alten Versenkerlaubnis - sollte K+S bis Ende 2013 mit einem gigantischen 3D-Computermodell nachweisen, wo und wie sich die Abwässer bewegen. Das Modell soll für 1200 Quadratkilometer und durch 21 Gesteinsschichten rechtzeitig Gefahren für Grund- und Trinkwasser signalisieren.

Diese Modell funktionierte lange nicht - und jetzt? 

Weil Messwerte an Brunnen mit Berechnungen des Computers lange nicht zusammenpassten, wurden für 2016 nur 725 000 Kubikmeter zur Versenkung erlaubt. Erst nach langen Nacharbeiten finden die Behörden das 3D-Modell jetzt zuverlässig genug.

Gab es nicht einen Computerlauf, der für 28 von 49 Trinkwasserbrunnen im Versenkgebiet für das Jahr 2050 Chlorid-Versalzungswerte weit über den zulässigen Grenzwerten voraussagten? 

Doch, im Mai. In der akzeptierten Modellversion gelten beim RP jetzt aber nur noch wenige Quellen im Kalirevier als problematisch: Für zwei Tiefbrunnen der Gemeinde Hohenroda zeigen Trendhochrechnungen Chloridbelastungen über den zulässigen 250 mg/l Cl im Trinkwasser - bei fortgesetzter Versenkung, im Jahr 2060. Diese Brunnen sind nun Alarmpunkte: Wird dort bei den monatlichen Wasseranalysen ein Cl-Wert von 145 mg/l dreimal hintereinander überschritten, ist laut RP die Versenkung einzustellen. 2016 wurden 120 mg/l gemessen.

Gäbe es Alternativen zur umstrittenen Versenkung? 

Langfristig wird vieles geprüft. Etwa Reduzierung der Abwassermassen: Ab 2018 will K+S von derzeit 7 Mio. m3 im Jahr auf 5,5 Mio. kommen. Dann Abdeckung von Abraumhalden, damit nicht jeder Regen Salzwasser auswäscht. Und Deponie von Abwasser in alten Salzbergwerken. Das alles nennen Kritiker der Werra-Weser-Anrainerkonferenz (WWA), die seit Jahren neue Verarbeitungstechniken zur radikalen Abwasserreduktion und die Verbringung fester Abfälle zurück in den Berg fordern, den falschen Weg, zu wenig, zu langsam.

Und erste Reaktionen von gestern? 

„Wir alle sind froh, dass uns dieser wichtige Entsorgungsweg ab Januar weiterhin zur Verfügung stehen wird“, sagte K+S-Vorstandschef Norbert Steiner. Man arbeite weiter an Entsorgungsalternativen und Abfallreduzierung. Die Werra-Gemeinde Gerstungen will wieder vors Verwaltungsgericht Kassel ziehen. Auch nach schlechten Erfahrungen mit früheren Klagen: „In den letzten zehn Jahren hat sich kein Verwaltungsgericht inhaltlich mit den Klagen der Gemeinde Gerstungen gegen die Versalzung ihres Trinkwassers auseinandergesetzt“, so gestern der Erste Beigeordnete Dieter Trümper.

Linktipp: Erlaubnisbescheid im Original

Rubriklistenbild: © dpa

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