Karrierestart mit Kugelkopf-Schreibmaschine

Gabi Stang hat in 40 Dienstjahren sechs Bebraer Bürgermeister erlebt

Gabi Stang hat jahrelang das Goldene Buch der Stadt Bebra gepflegt – hier ein Eintrag von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. „Ich habe in der Schule noch Schönschreiben gelernt“, sagt sie. Nach mehr als 40-Jahren in der Verwaltung beginnt für sie im Juni 2022 die Freistellungsphase ihrer Altersteilzeit. Im Hintergrund ist die Galerie mit den Porträts von Bebras ehemaligen Bürgermeistern zu sehen.
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Gabi Stang hat jahrelang das Goldene Buch der Stadt Bebra gepflegt – hier ein Eintrag von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. „Ich habe in der Schule noch Schönschreiben gelernt“, sagt sie. Nach mehr als 40-Jahren in der Verwaltung beginnt für sie im Juni 2022 die Freistellungsphase ihrer Altersteilzeit. Im Hintergrund ist die Galerie mit den Porträts von Bebras ehemaligen Bürgermeistern zu sehen.

In Bebras Rathaus gibt es eine Wand mit den Porträts aller ehemaligen Bürgermeister. Gabi Stang hat die meisten von ihnen kommen und gehen sehen.

Bebra/Heimboldshausen - Die gebürtige Lüdersdorferin mit der Wahlheimat Heimboldshausen feiert am 30. April ihr 40-jähriges Dienstjubiläum in Bebras Verwaltung – und einen Tag später ihren 61. Geburtstag. Lebensläufe wie ihrer werden immer seltener.

„Früher waren wir eine reine Verwaltung. Seit 15 Jahren sind wir vor allem Dienstleister“, sagt sie über die Arbeit im Rathaus. Gemeint ist ein Mentalitätswechsel, die Hierarchie zwischen Bürgern und Behörde sei flacher geworden. Während sie so vor den Bildern der ehemaligen Bürgermeister steht und erzählt, ärgert sich Gabi Stang ein bisschen: Nicht alle Porträts haben den gleichen Holzrahmen, einige sind schwarz-weiß, andere in Farbe – ihr fehlt die Einheitlichkeit, die klare Linie. Sie war schon da, als die Tradition mit der Galerie begründet wurde. „Es gibt doch noch welche von den schönen Rahmen. Die haben wir damals auf Vorrat gekauft“, ist sich die 60-Jährige sicher. Irgendwo bleibt Verwaltung eben doch Verwaltung.

Nach dem Abitur in Rotenburg ist der 1. August 1979 Gabi Stangs erster Arbeitstag in Bebra – damals noch im alten Rathaus an der Karlstraße. Schon während ihrer Ausbildung zur Verwaltungsangestellten wird sie als Vertretung im Vorzimmer von Bürgermeister August-Wilhelm Mende eingesetzt. Der Mann, dessen Namen ein Park und eine Schule in Bebra tragen, ist ein Chef von der alten Schule: „Aus der Mittagspause brachte er ein Stück Kuchen und den Satz mit: Machen Sie uns doch nachher einen Kaffee dazu. Das war wie aus einem Heinz-Erhardt-Film aus den 60ern“, sagt Stang. Sie hat größten Respekt für den Politiker, der „leider in den Landtag gewählt worden ist und frühzeitig aufgehört hat“.

Wer wie sie unter sechs Bürgermeistern gearbeitet hat (August-Wilhelm Mende, Lothar Hüttenhein, Wolfgang Dippel, Horst Groß, Uwe Hassl und jetzt Stefan Knoche), kann sicher sagen: Wie sehr prägt der sogenannte Rathauschef die Verwaltung denn wirklich? „Die Arbeit wird auch ohne die Spitze des Hauses erledigt“, sagt die 60-Jährige. Jeder Bürgermeister habe trotzdem Akzente gesetzt: „Zu Horst Groß’ Zeiten war das Rathaus beispielsweise sehr bürgernah, einfach weil er selbst sehr bürgernah war.“ Und der umgänglichste Chef? „Das ist Stefan Knoche“, sagt Gabi Stang. Bebras amtierender Bürgermeister habe jahrelang als Stadtentwickler und Kollege im Rathaus gearbeitet – „er ist einer von uns“.

Bis Ende 1984 führt der Weg ins Bürgermeisterbüro an Gabi Stang vorbei. Dann kommt die Idee auf, die Vorzimmerdamen sollen der gleichen Partei wie Rathauschef Hüttenhein angehören. Also wechselt Stang ins Ordnungsamt. Sie ist bis heute parteilos. „Loyalität hat für mich nichts mit dem Parteibuch zu tun, sondern steht in der Jobbeschreibung.“

Als sie 1993 aus dem Erziehungsurlaub zurückkommt, arbeitet sie zunächst im Hauptamt mit dem Schwerpunkt Sitzungsdienst und übernimmt dann die Kindergartenbetreuung der Stadt. Und 1993 steht plötzlich auch ein PC auf dem Tisch. „Fortbildungen gab es damals nicht, das war alles learning by doing“, sagt Gabi Stang.

Es ist ein weiter Weg von der roten Kugelkopf-Schreibmaschine, mit der sie in den Beruf gestartet ist. „Da war man schon froh, wenn die ein Korrekturband hatte.“ Der Computer habe die Arbeit in Verwaltungen stark verändert. Hätte es die Technik einige Jahre früher gegeben, wäre Gabi Stang wohl Mediengestalterin geworden. „Ich kann tagelang Fotobücher und Geburtstagskarten und Einladungen gestalten“, sagt sie. Dennoch: Ihre Entscheidung für 40 Jahre Verwaltung in Bebra hat sie nie bereut.

Ein prägendes Erlebnis ihres Arbeitslebens ist die Grenzöffnung 1989: In Bebra wird Begrüßungsgeld ausgezahlt, die Reisenden aus dem Osten kommen in Scharen und stehen anfangs vom Rathaus bis zum Bahnhof. „Wir sind damals noch in den Einkaufsmarkt und haben einige Flaschen Schnaps geholt – da gab’s zur Begrüßung im Einwohnermeldeamt dann ein Gläschen. Der Mauerfall war auf beiden Seiten sehr emotional.“ Und das, obwohl sich da gerade fremde Menschen bei einem Behördengang begegneten.

Hat sie gewisse Privilegien durch die vielen Dienstjahre? Lassen ihr die Kollegen immer den letzten Schluck in der Kaffeekanne da? Gabi Stang schüttelt lachend den Kopf: „Da fällt mir jetzt nichts ein.“

Stimmen denn wenigstens einige beliebte Klischees über die Verwaltungsarbeit? Natürlich sei bei manchen Kollegen früher am Freitagmittag um eins der Stift gefallen. „Das ist aber lange vorbei, das lässt die personelle Ausstattung gar nicht zu. Das Klischee der Sesselfurzer und Paragrafenreiter ist mittlerweile völlig falsch.“

Von Clemens Herwig

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