Leistungsbezieher und Geringverdiener in Hersfeld-Rotenburg betroffen

Pestel Institut hat Mieten im Landkreis analysiert: Kaum günstiger Wohnraum

Auch für Geringverdiener und Leistungsbezieher ist bezahlbarer günstiger Wohnraum laut des Pestel Instituts auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg Mangelware. Bestätigt wird diese Analyse von der Wohnraumhilfe.
+
Auch für Geringverdiener und Leistungsbezieher ist bezahlbarer günstiger Wohnraum laut des Pestel Instituts auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg Mangelware. Bestätigt wird diese Analyse von der Wohnraumhilfe.

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, auch im ländlichen Raum. Das bestätigt jetzt eine Studie des Pestel-Instituts.

Hersfeld-Rotenburg – Ob Beschäftigte, die zum Mindestlohn arbeiten, Alleinerziehende oder Rentner, die zusätzlich auf einem Minijob angewiesen sind: Zu hohe Mieten treffen Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders hart.

Das Pestel Institut mit Sitz in Hannover, das sich selbst als Dienstleister für Kommunen, Unternehmen und Verbände beschreibt, hat in diesem Sinne die Entwicklung der Mieten im Kreis Hersfeld-Rotenburg und damit die Situation der Geringverdiener auf dem Wohnungsmarkt analysiert. Das Ergebnis: Auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg gibt es kaum Wohnraum für Geringverdiener. Laut Pestel Institut sind die Mieten für einfache Wohnungen 2,7 Mal so stark gestiegen wie die Lebenshaltungskosten.

Die vom Jobcenter übernommenen Mieten für Single-Haushalte stiegen innerhalb von gut sechs Jahren – zwischen März 2014 und August 2020 – um 17,7 Prozent, während die Verbraucherpreise in diesem Zeitraum nur um 6,5 Prozent zulegten, heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts.

Dabei bezieht sich die Analyse auf die durchschnittlichen Mieten im gesamten Kreis, Angaben für die einzelnen Kommunen gibt es nicht. Bisher galt vor allem die Kreisstadt Bad Hersfeld als teures Pflaster.

„Bei den Mieten wird oft rausgeholt, was rauszuholen ist. Dabei bauen Vermieter auf die Jobcenter als zuverlässige Zahlstelle. Diese übernehmen zwar nur die Kosten für Wohnungen einfachen Standards. Auf genau diese Wohnungen sind aber nicht nur Hartz-IV-Empfänger angewiesen, sondern eben auch die vielen anderen Haushalte mit niedrigen Einkommen“, sagt der Leiter des Instituts, Matthias Günther. Das Angebot an günstigen Wohnungen sei rar. Gerade Neuvermietungen nutzten viele Vermieter, um Maximalmieten zu erzielen.

Aber auch unter den Vermietern mache sich zunehmend Unmut breit. „Vor allem die vielen noch vorhandenen Wohnungsgesellschaften in öffentlichem Eigentum und die Genossenschaften fühlen sich zu Unrecht in der Schublade der gierigen Vermieter“, heißt es in der Mitteilung weiter.

„Wie alle anderen Unternehmen müssen auch Wohnungsunternehmen Gewinne erzielen, um langfristig bestehen zu können. Die Umsetzung jedes Mieterhöhungsspielraums ist dabei aber nicht nötig. Gerade beim Grundbedürfnis Wohnen kann der Grundsatz, dass der Gebrauch von Eigentum zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, nicht stark genug betont werden“, sagt Matthias Günther.

Letztlich habe eine unzureichende Wohnungspolitik dazu geführt, dass auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg trotz eines leichten rechnerischen Wohnungsüberhangs die Mieten für einfache Wohnungen stark gestiegen seien.  

Wohnraumhilfe: „Der Markt ist leer gefegt“

„Der Markt ist sozusagen leer gefegt“, sagt Regina Lang mit Blick auf den fehlenden Wohnraum für Geringverdiener ebenso wie Leistungsbezieher. Lang ist Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe Bad Hersfeld, die im gesamten Landkreis wohnungs- und wohnsitzlosen Menschen bei der Suche nach einer neuen Wohnung unterstützt und zudem Übergangswohnungen samt Betreuung anbietet.

Im Herbst vergangenen Jahres ist man aus der Not heraus zusätzlich zu den drei vorhandenen Übergangswohnungen mit insgesamt neun Zimmern dazu übergegangen, Wohnungen auf die Wohnraumhilfe zu mieten und Wohngemeinschaften zu bilden, „weil sonst gar nichts geht“.

„Vor 25 Jahren, als der Verein gegründet wurde, dauerte es sechs bis zwölf Wochen, bis eine Wohnung gefunden war. Heute dauert es ein Jahr bis drei Jahre“, berichtet Lang, die aktuell 40 Klienten und eine lange Warteliste hat – „als ich im Sommer 2018 begonnen habe, waren es 14“. Fünf Neuanfragen habe es allein in den vergangenen zwei Wochen gegeben.

Vielerorts entstehen neue schicke Wohnkomplexe, aber es fehlt laut Lang eben an kleinen günstigen Wohnungen, die auch für Bezieher staatlicher Leistungen regelkonform seien. Eine Zweizimmerwohnung mit 34 Quadratmetern wird in Bad Hersfeld für 330 Euro kalt angeboten, nennt sie nur ein Beispiel aus dem Internet. 44 Quadratmeter möbliert sind dort für 440 Euro kalt inseriert. „Es gibt kaum regelkonforme Wohnungen und wenn, dann sind sie oft in sehr schlechtem Zustand oder mit Toilette auf dem Flur.“

Für einen Hartz-IV-Empfänger gelten laut Lang, die aus dem Leitfaden des Landkreises zitiert, in Bad Hersfeld aktuell maximal 50 Quadratmeter für 330 Euro inklusive „kalter Nebenkosten“, 313 Euro seien es in Rotenburg.

Probleme gebe es indes längst nicht mehr nur in den Städten, auch in den kleinen Gemeinden sei es zunehmend schwieriger, günstige Wohnungen zu finden. Darüber hinaus sei man dort ohne Auto meist aufgeschmissen, das sich die Betroffenen aber nicht leisten könnten. Viele Vermieter hätten natürlich auch Scheu, an Hartz-IV-Bezieher oder mit Schulden oder psychischen Problemen belastete Menschen zu vermieten, weiß Lang.

Den Mangel an bezahlbarem Wohnraum für sozial Schwache beklagt neben der Wohnraumhilfe auch das Diakonische Werk im Kreis schon seit Jahren.

Die Absicht, sozialen Wohnungsbau wieder zu fördern, wie es etwa in Bad Hersfeld geplant ist, lobt Regina Lang deshalb ausdrücklich, auch wenn klar sei, dass es schnelle und einfache Lösungen kaum geben könne. „Das ist dringend notwendig“, sagt sie. „Wohnen sollte Grundrecht bleiben.“ (red/nm)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.