Wie die Rotenburger Familie Speier um den Wert ihres Zuhauses gebracht wurde

Kein Haus, kein Geld

Weit unter Wert verkauft: 1939 machte die Stadt Rotenburg von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch und kaufte das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Speier, Breitenstraße 16. Die Familie durfte über den Erlös nicht frei verfügen. alle Repros: Nuhn

Rotenburg. Adolf Speier gehörte einer seit Generationen in Rotenburg ansässigen Familie an. Aus dem 1. Weltkrieg war er schwer verwundet, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse, zurückgekehrt und hatte Berni Oppenheim aus Schenklengsfeld-Erdmannrode geheiratet. Die Familie lebte im Haus Breitenstraße 16 in Rotenburg, das zugleich ihr Geschäftshaus war.

Adolf Speier war ein tüchtiger Ladenbesitzer und in vielfältiger Weise in das Leben der Stadt eingebunden: als aktives Mitglied und Funktionsträger in der Feuerwehr, als Einsatzleiter der so genannten Sanitätskolonne im Roten Kreuz. 1924 wurde das erste Kind der Speiers geboren: Loni, 1932 kam Tochter Ilse auf die Welt.

Stadt hatte Vorkaufsrecht

Mit Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 änderte sich auch das Leben der Familie Speier. 1938, unmittelbar nach den Novemberpogromen, verkauften Adolf und Berni Speier ihr Geschäfts- und Wohnhaus mit notariellem Vertrag vom 19.12. an privat. Die Stadt Rotenburg machte jedoch ihr Vorkaufsrecht geltend und erwarb den Besitz im Juni 1939 für den mit dem Erstkäufer vereinbarten Kaufpreis von 13.000 Mark.

Nur mit Genehmigung

Das bedeutete aber für die Familie Speier nicht, dass sie über diesen Betrag verfügen konnte. In einem Schreiben des Regierungspräsidenten in Kassel an den Bürgermeister von Rotenburg vom 21. Juni 1939 heißt es dazu: „Der bar zu entrichtende Kaufpreis darf nicht unmittelbar dem Veräußerer ausgezahlt werden, sondern ist auf ein Sperrkonto bei einer Devisenbank einzuzahlen, über das nur mit Genehmigung der zuständigen Devisenstelle verfügt werden darf“. Damit war der Familie Speier die freie Verfügung über ihr Geld entzogen. Abhebungen von Konten der Devisenbank mussten beantragt und genehmigt werden.

„So G´tt will, werden wir wieder einmal zusammen kommen, das ist unser sehnlichster Wunsch.“

Eltern Speier in einem Brief an Loni und Ilse

17 900 RM war der Einheitswert des Hauses 1935. Der tatsächliche Wert von Gebäuden, der so genannte Verkehrswert, liegt im Allgemeinen deutlich über dem Einheitswert, der zum Beispiel als Berechnungsgrundlage für die Brandversicherung. dient. Der Verkaufserlös war also deutlich niedriger als der tatsächliche Wert.

Spätestens nach den Novemberpogromen waren sich Adolf und Berni Speier endgültig darüber klar geworden, dass es in Rotenburg - in Deutschland generell - keine Zukunft für sie und ihre Kinder geben würde. Deshalb hatten sie ihre beiden Töchter im Frühjahr 1939 im Jüdischen Waisenheim in Frankfurt am Main untergebracht, von wo aus sie ein Jahr später gemeinsam mit ihren aus Bad Hersfeld stammenden Cousinen Erika und Ruth Speier mit einem Kindertransport ins damalige Palästina gelangten. „So G’tt will, werden wir wieder einmal zusammen kommen, das ist unser einziger sehnlichster Wunsch“, heißt es in einem Brief der zurückgebliebenen Eltern an Ilse und Loni vom August 1940.

Auch das Ehepaar Speier hatte sich seit Anfang 1939 hartnäckig um eine Emigration bemüht. Unter der Nummer 22569 war Adolf Speier beim Amerikanischen Konsulat in Stuttgart in die Warteliste eingetragen. Den Söhnen von Berni Speiers Schwester Berta, Max und Fred Nussbaum, war schon Mitte der 1930er-Jahre die Emigration in die USA gelungen. Sie taten alles, um ihre Mutter Berta Nussbaum und deren Schwester Berni mit ihrem Ehemann Adolf Speier nachkommen zu lassen.

Geld fehlte

Die materiellen Voraussetzungen für das geplante neue Leben waren denkbar schlecht. „Ihr müsset auch wissen“, schrieb Adolf Speier den Neffen, „daß wir doch unter diesen Umständen, wie es jetzt der Fall ist, auch nicht mehr als die Wäsche und Kleidung mitbringen können, da doch ein Lift oder größere Kisten alles, so gut wie die Überfahrt, in Dollar bezahlt werden muß und wer will dies bezahlen, wir werden unsere Last haben, bis wir das Geld zur Überfahrt nach Amerika bekommen …“

Die Bemühungen jedoch blieben erfolglos. Adolf und Berni Speier wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet.

Noch wurden die Dokumente zum Verbleib des auf dem Sperrkonto verbliebenen Geldes nicht gefunden. Doch es ist davon auszugehen, dass es – damaliger „Rechtslage“ und Praxis gemäß – „dem Reich verfiel.“

Von Dr. Heinrich Nuhn

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