„Keiner kriegt den Mund verboten“

Interview mit Facebook-Gruppen-Gründerin Dagmar „Tee“

Dagmar „Tee“ Tausch mit Teetasse, die bewusst ihr Gesicht verdeckt, denn sie wirkt lieber im Hintergrund.
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Dagmar „Tee“ Tausch mit Teetasse, die bewusst ihr Gesicht verdeckt, denn sie wirkt lieber im Hintergrund.

Dagmar „Tee“ ist Administratorin der größten Facebook-Gruppe in Bad Hersfeld.

Hersfeld-Rotenburg - Wie an einem digitalen Stammtisch – allerdings mit knapp 3500 Mitgliedern – wird bei „Bad Hersfeld diskutiert und schnuddelt“ rege diskutiert und zuweilen auch gestritten. Mit der Gründerin und Moderatorin der Gruppe sprach Kai A. Struthoff. Unter Facebook-Freunden ist es übrigens üblich, sich zu duzen.

Dagmar, wie bist Du auf die Idee gekommen, eine eigene Facebook-Gruppe zu gründen?

Ich war damals selbst in mehreren Facebook-Gruppen, mit denen ich allerdings sehr unzufrieden war. Dort wurden missliebige Kommentare gelöscht, darüber habe ich mich geärgert, mich beschwert und bin schließlich sogar aus einer Gruppe rausgeflogen. Auch mit den Regeln anderer Gruppen war ich nicht so zufrieden – zum Beispiel mit Blick auf Werbung für kleine, örtliche Geschäfte oder Initiativen. Und so habe ich vor vier oder fünf Jahren meine eigene Gruppe gegründet.

Am Anfang bist Du nur als Dagmar „Tee“ aufgetreten und auch bei Deinem Profilbild war das Gesicht halb verdeckt. Auch jetzt suchst Du nicht die Öffentlichkeit. Warum diese Geheimniskrämerei?

Ich war anfangs schon ein bisschen vorsichtig, und wollte nicht auf den ersten Blick erkannt werden. Inzwischen bin ich mutiger, vielleicht auch, weil ich keine deftig schlechten Erfahrungen gemacht habe – bis jetzt.

Die Gruppe hieß ursprünglich „Bad Hersfeld diskutiert und frotzelt“, was mir eigentlich treffender erschien als „schnuddelt“ ...

... es ist doch aber auch viel Geschwätz, was wir machen. Frotzeln, also jemanden auf charmante Art anpieksen, aber eben nicht draufhauen, das können die meisten gar nicht. Viele versuchen, die eigenen Meinung durchzudrücken und andere mundtot zu machen. Aber genau das will ich nicht. Ich möchte, dass Menschen miteinander reden, das soll in meiner Gruppe versucht werden.

Aber oft wird dennoch mit deutlichen Worten diskutiert. Was lässt Du zu, wann greifst Du ein?

Ich greife möglichst wenig ein. Wenn jemand einen anderen persönlich und mit Schimpfwörtern angeht, dann fliegt so ein Kommentar garantiert raus, wenn ich ihn sehe. Ich sehe auch nicht immer alles, aber fast alles. Das hat leider auch oft Auswirkungen auf interessante Unterkommentare, die dann auch gelöscht werden. Das ist schade. Manchmal sperre ich auch jemanden oder schränke die Anzahl der Kommentare ein, damit es nicht unendlich lange hin- und hergeht. Aber ich lasse schon eine ganze Menge zu, denn meist rücken andere Kommentatoren das dann schon zurecht. Ich möchte nicht anderen den Mund verbieten, sondern ich will, dass kontrovers diskutiert wird – sonst wäre es doch todlangweilig.

Viele beklagen die Verrohung und die Hasskommentare in den sozialen Netzwerken. Ist der Ton rauer geworden?

Ich würde gerne Nein sagen, aber ich glaube ja. Ich war früher bei „Wer kennt wen“, da habe ich dafür etwas geübt. Dort gab es Gruppen, in denen hatten Männer das Sagen, die waren oft prollig und haben immer draufgehauen. Da habe ich versucht, gegenzuhalten – sachlich, aber trotzdem konsequent. Das hat ganz gut geklappt. Davon profitiere ich auch jetzt, obwohl ich ansonsten keine besonderen Vorkenntnisse oder Schulungen habe. Die generelle Kritik an der Datenkrake Facebook teile ich übrigens, aber nun bin ich schon lange selbst dabei ...

Was in Deiner und anderen Facebookgruppen passiert ist ja so etwas wie ein digitaler Stammtisch. Nun ist Stammtischniveau ja eher negativ besetzt ...

... warum, was soll daran negativ sein? Wenn sich Menschen zum Stammtisch treffen, kommen sie im besten Fall aus allen Bereichen des Lebens und unterhalten sich so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und das passiert auch in einer Facebook-Gruppe. Allerdings fehlt hier die Mimik, die Gestik, das Lachen. Deswegen kommen manche Aussagen auch härter rüber, als sie gemeint sind. Emojis können das nicht ersetzen und werden auch oft falsch eingesetzt.

Worüber ärgerst Du Dich selbst im Internet?

Dass die Leute nicht gescheit lesen, sondern immer nur die Überschrift oder einen einzelnen Satz, nicht aber den Kontext in Bezug setzen. Oft wird auch gar nicht überlegt, sondern nur sofort auf ein Reizwort geantwortet.

In Facebook-Gruppen werden oft auch ganz praktische Fragen gestellt und beantwortet, Informationen vermittelt. Dazu werden dann gern auch Zeitungsartikel geteilt. Verstehst Du Dich mit Deiner Arbeit als Konkurrenz zur Tageszeitung?

Bist Du verrückt!? Wir sind doch keine Konkurrenz zur Tageszeitung! Ihr schreibt doch die Artikel, Ihr recherchiert, tragt die Informationen zusammen und ordnet sie ein. Wir diskutieren später doch nur darüber. Für mich bleiben die Tageszeitung, aber auch Online-Medien und Hörfunk und Fernsehen daher ganz wichtige Informationsquellen.

Bist Du eigentlich auch in einer der anderen Facebook-Gruppen des Kreises aktiv und tauschen sich die Administratoren untereinander aus?

Nein, mit meiner eigenen Gruppe habe ich genug zu tun. Wenn ich nicht arbeiten bin, dann steht mein Laptop immer aufgeklappt auf dem Couchtisch. Ich bin oft acht Stunden am Tag online, und behalte meine Seite immer im Blick, mache aber natürlich nebenbei auch andere Dinge. Aber eine Facebook-Gruppe reicht mir!

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