„Kinder beschreiben diese Zeit als leblos“

Corona: Jugendhilfe im Kreis Hersfeld-Rotenburg beobachtet enorme Belastung im Alltag

Homeschooling statt sozialer Kontakte: Kinder beschreiben die Corona-Zeit als bedrückend und leblos, berichten Sozialpädagogen aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg.
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Homeschooling statt sozialer Kontakte: Kinder beschreiben die Corona-Zeit als bedrückend und leblos, berichten Sozialpädagogen aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Die Schule? Geschlossen. Freunde? Schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Die Corona-Einschränkungen sind für Kinder und Jugendliche eine enorme Belastung.

Hersfeld-Rotenburg – Corona bestimmt nun seit mehr als einem Jahr unseren Alltag. Tag für Tag vergeht – doch so wirklich passiert nichts. Gerade für Kinder ist diese neue Situation eine enorme Belastung. Das berichten die Jugendhilfen im Landkreis.

„Kinder haben ein ganz anderes Zeitverständnis“, sagt Sozialpädagoge Christoph Krämer. „Wenige Minuten, in denen nichts passiert, können sich bereits wie eine Unendlichkeit für sie anfühlen.“ Im ersten Lockdown seien viele noch befreit gewesen. „Es gab keinen Leistungsdruck mehr in der Schule. Mittlerweile können die Kinder diese Leichtigkeit aber kaum noch ertragen. Sie beschreiben diese Zeit als bedrückend und leblos. Sie fühlen sich erschöpft und müde“, erzählt Krämer von seinen Erfahrungen aus der Arbeit mit der Beiserhaus-Jugendhilfestation in Bebra.

Neben dieser Einrichtung gibt es noch zwei weitere Jugendhilfestationen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg: die der Diakonie in Bad Hersfeld und die Pädagogisch-Therapeutischen Wohngruppen Schumann-Held in Schenklengsfeld. Die Arbeit in Jugendgruppen wurde nur im ersten Lockdown für etwa drei Wochen ausgesetzt. „Die Situation für die Mitarbeiter ist durch Corona sehr schwierig. Man kann mit Kindern nicht auf Abstand oder mit Maske arbeiten. Wir können uns nicht wirklich schützen“, sagt Martin Brosche, Geschäftsführer der Wohngruppen Schumann-Held. Für die stationären Wohngruppen habe man die Kontakte nach außen hin reduziert.

Schwieriger sei es im Umgang mit den ambulanten Gruppen, die sich zum Beispiel täglich nachmittags in den Einrichtungen treffen. „Wir haben die Gruppen verkleinert, sodass dadurch die Infektionsgefahr geringer wird. Ein Risiko bleibt natürlich, aber die Kinder brauchen uns“, sagt Sebastian Hauer, Leiter der Diakonischen Jugendhilfe. „Wir bemühen uns, die Alltagsstruktur der Kinder aufrecht zu erhalten.“

Die Belastung ist in den Jugendhilfeeinrichtungen deutlich spürbar. „Die Kinder sind gestresst durch die Einschränkungen. Wir beobachten auch einen deutlichen Abfall im schulischen Leistungsbereich. Sie sind körperlich weniger aktiv und ihr Medienkonsum ist viel höher“, sagt Brosche. In der psychologischen Beratungsstelle der Diakonie in Bad Hersfeld gibt es ähnliche Beobachtungen. Die Anfragen dafür würden seit Beginn der zweiten Welle spürbar zunehmen. Ronald Fleischer, Leiter der Erziehungsberatung, sagt: „Viele Kinder, die uns besuchen, hatten auch schon vor der Pandemie mit Konzentrationsstörungen zu tun. Das Paket der Kinder ist größer geworden.“ Auch ihr Lebensalltag ist laut dem Psychologen aus den Fugen geraten. „Die Sorgen der Eltern sind groß, auch die Kinder bekommen das mit. Die Spannungen zu Hause nehmen zu, es gibt mehr Konflikte. Viele Eltern bemerken auch depressive Züge bei ihren Kindern“, sagt Fleischer. Den Eltern falle es schwer, den Kindern eine Perspektive zu vermitteln, da sie momentan eben selbst nicht wissen, wie es weitergeht.

Es stellt sich laut den Experten die Frage, was auffallen wird, wenn die Kinder wieder regelmäßig in den Schulen und den Vereinen sind. Das erneute Einordnen in das System könnte den Kindern sehr schwerfallen. Das betreffe vor allem die, die vorher bereits Probleme hatten. Martin Brosche sagt: „Durch die fehlenden sozialen Kontakte beobachten wir neue Probleme im Umgang mit anderen Kindern. Es tritt eine Stagnation oder sogar ein Rückgang der persönlichen Entwicklung auf.“ Für eine genaue Einschätzung über langfristige Folgen für die Kinder ist es laut den Sozialpädagogen allerdings noch zu früh.

Aber nicht alles am pandemiebedingten neuen Alltag ist schlecht. Brosche berichtet: „Unser Gruppenleben in den stationären Wohngruppen hat von der Pandemie enorm profitiert. Die Kinder haben weniger Kontakte nach außen, so liegt der Fokus eher auf dem Miteinander.“ Auch Pädagoge Krämer betont die Effektivität der sozialen Gruppenarbeit. „In den vergangenen Jahren haben wir Sozialpädagogen viel Individualhilfe geleistet. Jetzt entdecken wir wieder, wie wichtig die Gruppenarbeit ist.“ (Anna Weyh)

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