Mediziner im Kreis: Eltern müssen sich nicht sorgen

Kinderärzte: Verband beklagt Überlastung

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Sehen sich einer Mehrbelastung ausgesetzt, aber keinen Grund zu übertriebener Sorge: Die Kinderärzte Georg Johann Witte und Dr. Sandra Butenhoff. Beide haben Praxen in Bad Hersfeld. 

Hersfeld-Rotenburg. Eine Überlastung der Praxen hat kürzlich der Berufsverband der Kinder- und Jugendmediziner beklagt. Die Bedarfsplanung sei überholt, lediglich auf dem Papier gebe es genug Kinderärzte, heißt es.

Sogar von Aufnahmestopps ist die Rede. Unter anderem verschärften Vorsorgeunteruntersuchungen, Impfungen, steigende Geburtenraten und zuletzt die Zunahme von Flüchtlingskindern die Situation.

Das trifft so auch auf den Kreis Hersfeld-Rotenburg zu, berichten Georg Johann Witte und Dr. Sandra Butenhoff in Absprache mit ihren Berufskollegen mit Blick auf die Hintergründe. Von einer Überlastung wollen die beiden aber nicht sprechen. Es müsse auch niemand Angst haben, mit einem kranken Kind abgewiesen zu werden. „Wir haben eindeutig mehr zu tun“, sagt Witte. „Aber wir versuchen stets, alles möglich zu machen und uns gut zu ergänzen. Die Eltern müssen sich nicht sorgen.“

Zugenommen habe in den vergangenen Jahren auch der Verwaltungsaufwand, zudem seien heutzutage viele Eltern besonders sensibel oder von „Dr. Google“ verunsichert. Schwierig gestalte sich darüber hinaus die Suche nach medizinischen Fachangestellten, die sich dem Lärm und Stress in einer Kinderarztpraxis aussetzen wollten.

Sieben Versorgungsaufträge gibt es laut der Kassenärztlicher Vereinigung (KV) Hessen aktuell in Hersfeld-Rotenburg, wobei die Zahl der tatsächlich praktizierenden Ärzte überwiege, da nicht alle in Vollzeit tätig seien. Diese Zahl sei seit 2012 unverändert. Bis auf eine Praxis in Bebra befinden sich alle Praxen in der Kreisstadt Bad Hersfeld. Der Versorgungsgrad beträgt laut der KV 143,53 Prozent – ab 110 Prozent, also wenn die Zahl der Ärzte die errechnete Sollzahl um zehn Prozent übersteigt, spricht sie von einer Überversorgung.

Gut sei im Vergleich mit anderen Arztgruppen auch die Altersstruktur der Kinderärzte im Landkreis. 

Aufnahmestopps gibt es in den Praxen der Kinder- und Jugendmediziner im Landkreis Hersfeld-Rotenburg noch nicht, beruhigen Georg Johann Witte und Dr. Sandra Butenhoff, nachdem kürzlich der Berufsverband Alarm geschlagen hatte. Dass die Belastung in den vergangenen Jahren zugenommen hat, können sie allerdings bestätigen. Mehr Zeit müsse beispielsweise für die Betreuung und Behandlung von Flüchtlingskindern oder Jugendlichen mit Fluchterfahrung eingeplant werden. Neben Verständigungsschwierigkeiten, gebe es auch häufig kulturelle Unterschiede zu beachten und oft sei der Impfstatus unklar. Zu vollen Praxen führe aber auch das sogenannte Doktor-Hopping, sprich: der Besuch mehrere Ärzte, um möglichst viele Meinungen einzuholen. 

„Viele Eltern lassen sich heute von Dr. Google verunsichern“, sagt Witte mit Blick auf die früher unmögliche Internetrecherche bei bestimmten Symptomen. „Und oft soll auch ein kleiner Pickel oder ein schon seit Wochen andauernder Husten noch am selben Tag behandelt werden“, spitzt der Kinderarzt zu. 

Dass akute Fälle möglichst sofort und auch mal vor oder nach den offiziellen Öffnungszeiten behandelt würden, sei natürlich selbstverständlich, wobei in einigen Fällen auch der Hausarzt der Eltern helfen könne. Seit 1983 praktiziert der 69-Jährige in seiner eigenen Praxis in Bad Hersfeld, ans Aufhören denkt er aber auch mit fast 70 noch nicht. Butenhoff hat 2015 die Praxis ihrer Mutter übernommen, ihr wurde der Beruf sozusagen in die Wiege gelegt. Gut anderthalb Jahre hat die dreifache Mutter zuletzt versucht, eine zusätzliche medizinische Fachkraft für ihre Praxis zu finden – vergeblich. „Das sind heute hoch spezialisierte Fachkräfte, die zudem hoch motiviert, stressresistent, freundlich und in einem gewissen Rahmen auch mal bereit sein müssen, länger zu bleiben“, weiß Witte um die Anforderungen an die früheren „Arzthelferinnen“. 

Das Miteinander der Kollegen im Landkreis bezeichnen Witte und Butenhoff als gut und kooperativ. 

Auch die Notdienstregelung funktioniere ohne Probleme, zumal mit der Kinderklinik „im Rücken“. Ein Pfund im Kreis sei diese auch in anderer Hinsicht. „Die Kinderklinik macht Hersfeld als Standort für Fachärzte in diesem Bereich interessant“, so Witte. Dass sich derzeit fast alle Praxen in Bad Hersfeld befinden, sei sicher nicht ideal, aber auch kein allzu großes Problem in Zeiten, in denen eigentlich jede Familie mindestens ein Auto besitze. Die Kassenärztliche Vereinigung müsse laut Witte auch nicht unbedingt zwei oder drei Stellen mehr schaffen, aber zumindest über neue Möglichkeiten nachdenken oder solche besser fördern, wie „Job-Sharing“ (Arbeitsplatzteilung) bei vorhandenen Praxen oder Ausbildungskooperationen zwischen Kliniken und Praxen. (nm)

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