Lieber reden als chatten

Ausbruch aus dem Internet-Zwang: Kirchheimerin betreibt Offline-Agentur

+
Ständig erreichbar: Annika Dipp hat mit einem Partner zusammen die Agentur Offlines gegründet, um Alternativen zur ständigen Internet-Präsenz anzubieten. Ihr Smartphone schaltet sie immer wieder bewusst ab.

Kirchheim. Ständig auf dem Laufenden und erreichbar zu sein, wird für viele zunehmend zum Zwang. Die Kirchheimerin Annika Dipp hilft ihnen dabei, aus dem Onlinegefängnis auszubrechen.

Mal eben schnell die E-Mails checken, die neuesten Nachrichten aus aller Welt aufs Smartphone holen und sehen, was sich auf Facebook tut. Immer mehr Menschen sind fast rund um die Uhr online, sind immer erreichbar und immer informiert. Sie starren auf ihre Displays und bekommen vom Leben um sie herum nichts mehr mit. Annika Dipp findet das bedenklich. Die 34-Jährige, die aus dem Kirchheimer Ortsteil Gershausen stammt, hat jetzt in Berlin mit einem Partner zusammen die Eventagentur Offlines gegründet.

„Wir wollten ein Angebot schaffen als Gegengewicht zur immer intensiver werdenden Mediennutzung“, erklärt Annika Dipp: Richtige Gespräche von Mensch zu Mensch statt Online-Chats, Briefe von Hand schreiben statt schnell getippter Nachrichten, Informationen über die Chancen und Risiken der virtuellen Kommunikation statt unkritischer Mediennutzung und Wildnistage in freier Natur statt viereckiger Bildschirme.

Halbe Million abhängig 

Die Internetabhängigkeit sei in Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, zwar noch nicht medizinisch anerkannt, doch gelten, so zitiert Dipp eine Studie, eine halbe Million Menschen hierzulande als abhängig. Zweieinhalb Millionen zeigten ein problematisches Nutzungsverhalten, das sie nicht mehr selbst steuern könnten.

Dass das schnell gehen kann, hat Annika Dipp auch schon an sich selbst festgestellt. Es gab Zeiten, da ging ihr letzter Blick am Abend und der erste am Morgen auf ihr Smartphone, um zu sehen, was es Neues gibt. „Ich merkte, dass mir die Selbstkontrolle schwer fällt und dass ich aufpassen muss“, erzählt sie.

Ihre Agentur empfiehlt deshalb, ganz bewusst offline in den Tag zu starten, sich nicht vom Handy wecken zu lassen und erst einmal durchzuatmen, bevor man sich den vielfältigen Kommunikationsangeboten von Smartphone und Computer zuwendet. Den Kunden ihrer Agentur gibt Annika Dipp zudem den Tipp, feste Postzeiten einzuführen, zu denen die E-Mails abgerufen werden, um nicht ständig im Arbeitsfluss unterbrochen zu werden.

Zum Angebot der Agentur Offlines gehören zum Beispiel Infoabende unter dem Thema „Digital Detox“, Workshops, in denen gemeinsam mit Fachleuten Strategien zur digitalen Balance erarbeitet werden, oder Ausflugstage. Dabei geht es mit einem Wilderness-Guide in die Natur, um einen Tag lang ohne Mobilttelefon und Internet durchzuatmen, hinzuhören und abzuschalten.

Nicht grundsätzlich dagegen 

Dabei ist Annika Dipp keine grundsätzliche Gegnerin der modernen Technik. Natürlich benutzt sie selbst ein Smartphone und schätzt die Möglichkeiten, der Informationsvielfalt. Auch ihre Agentur ist im Internet zu finden. Ihr ist es aber wichtig, bewusst und überlegt mit dem riesigen Informationsangebot umzugehen und dabei das wirkliche Leben nicht aus dem Blick zu verlieren. „Während man die ganze Zeit im Internet die Geschichten anderer Menschen konsumiert, hat man gar keine Zeit, eigene Geschichten zu erleben“, sagt sie.

Deshalb schafft sie sich bewusst Zeiten, in denen das Smartphone zu Hause bleibt. Dann bummelt sie über Flohmärkte oder liest richtige Bücher. Viel Spaß hat sie auch daran, mit den Händen zu arbeiten - und nicht nur Tasten zu tippen.

Von Christine Zacharias

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.