Serie: Die Kirche im Dorf lassen

30 000 Bettelbriefe, um Kirchheimer Kirche zu finanzieren

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1956 bauten sich die Kirchheimer Katholiken eine eigene Kirche. Sie waren durch Flucht und Vertreibung nach Nordhessen gekommen.

Die Kirchen sind der Mittelpunkt eines jeden Dorfes. In unserer Serie stellen wir in loser Folge Gotteshäuser aus der Region vor – heute die katholische Kirche in Kirchheim.

Als nach dem Krieg mit den Flüchtlingen und Vertriebenen auch etwa 900 Katholiken in den Raum Kirchheim gekommen waren, hatten sie in dem damals evangelischen Umfeld noch keine Kirchengemeinde und natürlich auch noch keine eigene Kirche. Und so versammelten sie sich anfangs in den evangelischen Kirchen von Kirchheim, Frielingen, Willingshain und Reckerode jeweils sonntags vor den evangelischen Gottesdiensten. Mit den Flüchtlingen waren auch katholische Seelsorger in die Region mitgekommen, die den Gottesdienst abhielten.

Aber da das Zusammenleben der Katholiken mit den Protestanten der Gemeinde anfangs nicht ohne Spannung war, erwachte bald der Wunsch nach einem eigenen katholischen Gotteshaus. Die Katholiken ließen sich etwas einfallen, um Geld für eine Kirche aufzutreiben. Sie gründeten einen Kirchbauverein mit einem Monatsbeitrag in Höhe von möglichst 5 DM und initiierten Spendensammlungen.

Bereits im Jahr 1948 fuhren drei Jungen mit dem Fahrrad zum Katholikentag nach Bochum und boten in Form von Karten „Bausteine“ für die Kirchheimer Kirche zum Kauf an. 1950 machte sich dann die 1930 in Joslowitz/ Südmähren geborene Gertrud Müllner zum Kirchentag nach Passau auf und erzielte dort mit ihrem Bausteinangebot für die Kirchheimer Diasporagemeinde Einnahmen in Höhe von etwa 200 DM.

Gertrud Müllner verkaufte in ihrer Jugendzeit Bausteinkarten für den Bau der Kirche.

Aber all dies unterdessen gesammelte Geld reichte bei Weitem nicht für einen Kirchenbau aus und so schrieb man dann bundesweit an den Klerus und an Privatpersonen „Bettelbriefe“. „Pfarrer Lendeckel hatte über seine Kontakte Adressen aufgetrieben, die dann auf Briefumschläge geschrieben werden mussten“, erinnert sich Inge Hilbert, 1939 im Sudetenland geboren, und hat noch vor Augen, wie sie, damals noch im Schulalter, im Kreis ihrer Familie mitgeschrieben und somit dabei geholfen hatte. Die wohl etwa 30 000 „Bettelbriefe“ sollten eine gute Resonanz finden, sodass dann am 2. Adventssonntag 1955 die Grundsteinlegung erfolgen konnte.

Frauen und Rentner packten mit an

Mit viel Eigenleistung der Gemeindemitglieder wurde dann innerhalb eines Jahres der Bau erstellt. Die meisten jüngeren Männer hatten allerdings unterdessen Arbeit unter anderem in Frankfurt aufgenommen, sodass vorrangig Rentner und Frauen täglich mitanpackten. Mit Autos wurden morgens die Helfer auch aus den Ortsteilen herbeigeholt und dann ging es mit „Hacke und Schippe“ los – die gesamten Erdarbeiten erbrachten die Akteure in Eigenleistung. Den Bau erstellte vorrangig die örtliche Firma Naumann, aber es gab auch noch viel Einsatz seitens der Gemeindemitglieder. Am 6. August 1956 konnte das Gotteshaus mit seinen 200 Sitzplätzen von Weihbischof Bolte aus Fulda schließlich auf den Namen Maria Königin und St. Gunther geweiht werden – vier Glocken riefen zum Gottesdienst. „Nach all den Mühen war das eine erhebende Feier“, meint Gertrud Müllner. „Auch kirchlich eine neue Heimat zu finden, das bedeutete uns allen doch viel!“

Das Marienfenster wurde wie auch die anderen Buntfenster durch Stiftungen finanziert.

„Eine besondere Zierde der Kirche ist das große Altarfenster mit dem Bild Maria Königin, das wie auch die anderen Buntfenster aufgrund von Stiftungen eingesetzt werden konnte“ – darauf verweist beim Gang durch die Kirche Verwaltungsratmitglied Heidi Geißler, Tochter von Anton Hubl, der damals als Küster und Rendant sowie als Sprecher der Katholiken maßgeblicher Initiator des Kirchenbaus war.

Infolge von Abwanderung dezimierte sich die Zahl der Gemeindemitglieder allerdings in den folgenden Jahren immer mehr und war beim 25-jährigen Gründungsfest im Jahr 1981 bereits auf etwa die Hälfte geschrumpft. Da die Anzahl der Kirchenmitglieder noch weiter sank, hatte man sich vor etwa 20 Jahren dann mit den Katholiken von Niederaula und Breitenbach zu einer Gemeinde verbündet – seit einigen Jahren wird man vom Hersfelder Pfarrer Monsignore Bernhard Schiller seelsorgerisch betreut.

Von Brunhilde Miehe

Quelle: Hersfelder Zeitung

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