Hersfeld-Rotenburg

„Kitas sind nicht geschlossen“: Notbetreuung gibt es seit einem Jahr und fordert Erzieherinnen

Der beste Ort zum Spielen: An der frischen Luft fühlen sich die Kinder und Erzieherinnen der Kindertagesstätte Vogelnest in Obersuhl wohl. Im Hintergrund ist die Baustelle des Kita-Neubaus.
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Der beste Ort zum Spielen: An der frischen Luft fühlen sich die Kinder und Erzieherinnen der Kindertagesstätte Vogelnest in Obersuhl wohl. Im Hintergrund ist die Baustelle des Kita-Neubaus.

Wenn Ursula Apel liest oder hört, die Kitas im Landkreis seien geschlossen, schwillt ihr der Kamm. Auch andere Erzieherinnen weisen auf den Dauerstress hin.

Hersfeld-Rotenburg - Ursula Apel, die Leiterin der evangelischen Kita Vogelnest in Obersuhl, sieht Korrekturbedarf im Sprachgebrauch. „Wir arbeiten auch im Pandemie-Jahr voll durch“, sagt sie. Denn Notbetreuung für Kinder musste gewährleistet bleiben. Auch als die Kita nur für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen offen war, seien zeitweise 50 Prozent der Kinder vor Ort gewesen. Später, als nur appelliert wurde, die Kinder zu Hause zu betreuen, kamen immer mehr, bis schließlich etwa 80 Prozent der Kinder wieder zurück waren. Ein bisschen mehr Wertschätzung der Arbeit, auch in der Sprache, sei da angebracht.

Ständig steigende Nachfrage hat man auch in Bad Hersfeld beobachtet. 14 Betreuungseinrichtungen hat die Stadt. „Am Ende waren wir wieder vollgelaufen“, sagt Sprecher Maik Ebert. „Wir wissen um die Not der Eltern“, betont Ursula Apel. Die seien mit Homeoffice, Homeschooling und dann noch Kindern im Kita-Alter absolut am Limit. Urlaub, Überstunden und von der Politik zugewiesene zusätzliche Betreuungstage seien auch endlich. Kein Wunder also, dass die Kinder wieder in die Einrichtungen kämen.

Ursula Apel

Dort freut man sich grundsätzlich auf sie, aber Kita-Leiterin Apel benennt auch die Probleme: Der Personalspiegel sei nicht darauf ausgerichtet, dass die Gruppen unter sich bleiben müssten. Wo zuvor im Frühdienst um 7 Uhr nur zwei Kolleginnen antreten mussten, die die wenigen früh eintreffenden Kinder gemeinsam betreuten, sind es jetzt sieben. Benötigt wird auch ein Türdienst, weil Eltern die Kinder an der Pforte übergeben müssen. „Auch die Randzeiten sind voll besetzt. Die Kolleginnen trauen sich kaum, Urlaub einzureichen, um sich nicht gegenseitig zusätzlich zu belasten“, berichtet Apel. Von einem enorm hohen Personalaufwand spricht auch Christiane Seil, die kommissarische Koordinatorin der städtischen Kitas in Rotenburg. Die Stadt war als erste Kommune zur Notbetreuung zurückkehrt. Aktuell werden 72 von 271 Kindern in städtischen Kitas betreut.

Sowohl in Obersuhl als auch in Rotenburg arbeiten die Erzieherinnen mit Mund-Nasen-Masken. „Die Kinder haben damit überhaupt kein Problem“, wissen Seil und Apel, die den Schutz und das Lüften für unabdingbar halten, denn „mit kleinen Kindern kann man keinen Abstand einhalten. Man muss trösten, wickeln, vorlesen“, sagt Apel. Sie wünscht sich, dass Lehren aus der Pandemie gezogen werden: „Wir brauchen kleinere Gruppen, mehr Personal und mehr Räume.“ Kitas hätten einen Bildungsauftrag. Der sei mit Fachkräftemangel nur schwer umzusetzen. Und auch beeinträchtigt, wenn sich 25 Kinder in einem Raum aufhalten müssten. Unter den Pandemie-Bedingungen lasse sich das pädagogische Konzept der teiloffenen Arbeit in verschiedenen Lern- und Funktionsräumen nicht umsetzen. Dieses Konzept ist eigentlich auch in Rotenburg Grundlage der Arbeit.

Geimpft sind noch nicht alle Erzieherinnen. Die in Bad Hersfeld haben einen Sammeltermin für Mai bekommen, sagt Maik Ebert. In Obersuhl wird, auch wegen möglicher Nebenwirkungen, nach und nach geimpft, damit immer genügend Personal an Bord ist. Auch in Rotenburg verfährt man so. In Zusammenarbeit mit dem MVZ des Kreiskrankenhauses wird das gesamte Rotenburger Personal einmal wöchentlich getestet. Der Einsatz der Erzieherinnen solle durch die Formulierung, die Kitas seien geschlossen, keineswegs geschmälert werden, reagiert Kreissprecher Pelle Faust auf den Unmut der Betroffenen. Er weise stets auf die Notbetreuung hin, die aber auch nur für Notfälle da sein sollten. (Silke Schäfer-Marg)

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