„Wir brauchen auch Pausen“

Krankenpflegerinnen enttäuscht von Notfallbetreuung in Cornberg

+
Sie wird gebraucht: In der Kindertagesstätte Löwenzahn in Cornberg haben zwei Familien Anspruch auf Notbetreuung. Sie hadern mit der Gemeinde.

Julia Nennstiel und Isabel Langen aus Cornberg sind Krankenpflegerinnen, ihre Männer Krankenpfleger. Sie fühlen sich in Sachen Notfallbetreuung nicht ausreichend unterstützt. 

Die Familien leben in Cornberg und haben Kinder, die die Kindertagesstätte Löwenzahn besuchen. 

Nach einer Verordnung des Landes gehören in der Corona-Krise Pflegefachkräfte zu den Elternpaaren, deren Kinder auch weiterhin in Kitas betreut werden dürfen. In Cornberg sind die Langens und Nennstiels die beiden einzigen Familien mit diesem Sonderrecht, bestätigt Bürgermeister Achim Großkurth.

Was die beiden Frauen empört, ist, dass die Gemeinde von ihnen und ihren Ehemännern die Dienstpläne vorgelegt haben wollte, um die tatsächliche Überschneidungszeit der berufstätigen Eltern einzusehen und danach entsprechende Betreuung zu gewährleisten. „Bei uns geht das aber nicht auf die Minute. Wir wissen nicht, wann vielleicht noch ein Notfall kommt und müssen auch mal etwas länger bleiben“, sagt Julia Nennstiel. Sie möchte nicht vom Klinikum Bad Hersfeld nach Cornberg rasen müssen, um die pünktliche Übergabe der sechsjährigen Tochter zu schaffen. Isabel Langen, die wie ihr Mann in der Pflege im Rotenburger HKZ arbeitet und zwei Kinder in der Kita betreuen lässt, sagt auch, dass sie zwischen Dienst und Kinder abholen schlicht auch mal eine Stunde Pause braucht, um den Kopf frei zu bekommen.

Sie möchte an ihren Arbeitstagen also nicht unmittelbar nach Dienstende ihre beiden kleinen Kinder abholen – zumal das dritte Kind der Familie, ein Schulkind, auch noch zu Hause sei und auch mal Hilfe bei den Hausaufgaben brauche. Auch ein Einkauf ohne Kinder müsse möglich sein, zumal man diese auch keinen Menschenmengen aussetzen solle.

Die beiden berufstätigen Mütter möchten weiter die Möglichkeit haben, ihre Kinder von 7 bis 16 Uhr betreuen zu lassen. Wenn sie frei haben, wollen sie den Nachwuchs selbst betreuen.

In dieser Woche hat Familie Langen die Betreuung der Kinder noch anders organisieren können, doch das sei nicht die Regel. Julia Nennstiel und ihre Tochter sind in der ersten Notbetreuungswoche ohnehin krankgeschrieben. Die beiden berufstätigen Mütter, die in angespannten Zeiten arbeiten müssen, fühlen sich alleingelassen.

Bürgermeister Achim Großkurth sagt dagegen, die Gemeinde müsse einfach planen können: Muss ich zwei Erzieherinnen vorhalten für die drei Kinder? Wann und wie lange? Dafür sei der Dienstplan hilfreich. Familien sollten aber auch überlegen, ob die Betreuung einzelner Kinder nicht anders zu lösen wäre und zum Beispiel Großeltern oder andere Familienmitglieder miteinbezogen werden könnten.

Isabel Langen und Julia Nennstiel verstehen, dass Absprachen nötig sind. Wochenweise sei das aktuell einfach nicht möglich, sondern nur von Tag zu Tag, weil sich Dienstpläne etwa durch Krankheit sehr schnell ändern könnten, erklärt Langen. Pausen brauchen beide, wenn sie aus den Kliniken kommen: „Wir arbeiten auch in emotional belastenden Jobs“, sagt Nennstiel. Sie nennt es „unsozial“, wenn etwa nur während der Überschneidungsszeiten zwischen den beiden Schichten der pflegenden Eltern eine Betreuung möglich wäre. (sis)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.