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„In diesem Kreis lohnt es sich zu leben“

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Er hat (fast) den ganzen Landkreis im Blick: Hans-Otto Kurz aus Friedlos auf seinem Balkon mit Blick in das Fuldatal, der für fünf Landräte als Büroleiter arbeitete.
Er hat (fast) den ganzen Landkreis im Blick: Hans-Otto Kurz aus Friedlos auf seinem Balkon mit Blick in das Fuldatal, der für fünf Landräte als Büroleiter arbeitete. Als Chronist des Kreises hat Kurz viele historische Abhandlungen verfasst. © Kai A. Struthoff

Hans-Otto Kurz aus Friedlos hat bei der Kreisverwaltung die Geschicke des Kreises von Anfang an begleitet. Ein Interview über 50 Jahre Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg – Am heutigen 1. August feiert der Landkreis Hersfeld-Rotenburg sein 50-jähriges Bestehen mit einem Festakt in der Stiftsruine. Hans-Otto Kurz aus Friedlos hat als Mitarbeiter der Kreisverwaltung die Geschicke des Kreises von Anfang an verantwortlich begleitet. Über 50 Jahre Kreis Hersfeld-Rotenburg sprach Kai A. Struthoff mit Hans-Otto Kurz.

Herr Kurz, 50 Jahre Landkreis Hersfeld-Rotenburg: Ist das tatsächlich ein Grund zum Feiern?

Ich glaube schon. Es ist auf jeden Fall ein Jubiläum, das einen Rückblick auf die Kreisgebietsreform rechtfertigt, die zwar durch Gesetze eingeleitet und abgeschlossen wurde, bei der aber Freiwilligkeit und Anhörung im Vordergrund standen. Ein Beweis für Demokratie. Obwohl seinerzeit auch zahlreiche Menschen sehr skeptisch waren, ist seither doch Vieles besser geworden.

Die Geburt des Kreises Hersfeld-Rotenburg war aber nicht für alle ein Wunschkind?

Nein, das war sie überhaupt nicht. Verwaltungs- und Gebietsreformen waren über Jahrzehnte hinausgeschoben worden. Erst nach der Landtagswahl von 1970 und der Koalition von SPD und FDP wurden sie eingeleitet und umgesetzt.

Aber dann begann das große Feilschen?

Es wurde verhandelt, zwischen den einzelnen Gemeinden, aber vor allem zwischen den benachbarten Kreisen. So wie zwischen Hersfeld und Rotenburg. Man war sich schnell einig, dass man beide Altkreise vereinigen will.

Aber warum überhaupt?

Ziel war, bei Gemeinden und Kreisen infrastrukturelle Verbesserungen zu erreichen und entstandene Ungleichheiten abzubauen. Verwaltungen sollten mit qualifiziertem Personal effektiver arbeiten. Damals wurden ja viele Gemeinden noch ehrenamtlich geführt. Dabei gab es zahlreiche neue Probleme, wie etwa die Einführung einer kreisweiten Müllabfuhr, Wasser- und Abwasserfragen, es ging um Schulen und gemeindeübergreifende Kindergärten, um Datenverarbeitung oder um die Ausweisung von Gewerbegebieten. Bei all diesen Themen war schnell klar, dass das kleine Gemeinden allein nicht bewältigen können. Es galt, Ziele gemeinsam zu verfolgen und mit neuen Organisationsformen zu erreichen.

Trotzdem hat man bis heute den Eindruck, dass die Kreisgrenzen etwas willkürlich gezogen wurden, denkt man etwa an Oberaula, oder Eiterfeld?

Schwierige Themen, die in jedem Bereich unterschiedlich bewertet wurden. Im Raum Eiterfeld gab es Bestrebungen, nach Hersfeld statt nach Fulda zu gehen. Buchenau wollte nach Hersfeld und sogar eine eigene Gemeinde mit Bodes, Fischbach und Erdmannrode gründen. In Oberaula gab es den Wunsch, auch zum Kreis Hersfeld zu gehören, weil viele dort arbeiteten oder im Sportbereich mit Hersfeld verbunden waren. Das scheiterte aber. Oberaula stellte Forderungen, die für Kirchheim und Niederaula inakzeptabel waren. Im Ergebnis verzeichnete der Kreisteil Hersfeld 27 gemeindliche Zugänge aus seinen Nachbarkreisen – der Kreisteil Rotenburg zählte lediglich einen Zugang.

Und wie war es mit Nentershausen, Cornberg und Sontra, die ja auch eng zusammengehören?

Die Entscheidung von Sontra, sich mit elf Gemeinden zum Werra-Meißner-Kreis zu orientieren, war ein herber Verlust für den Altkreis Rotenburg, der dadurch sehr geschwächt war. Auch der Abgang von Rengshausen mit fünf Gemeinden tat weh. Das hat die Position von Rotenburg auch später ständig belastet. Zumal der Kreisteil Hersfeld keine Abgänge hinnehmen musste.

Bis heute hat man das Gefühl, dass noch nicht wirklich zusammengewachsen ist, was zusammengehört – oder wie erklären Sie sich die Animositäten und Eifersüchteleien zwischen den Kreisteilen?

Hersfeld hatte bei den Verhandlungen mit Rotenburg von Anfang an eine stärkere Position: Von der Anzahl der Gemeinden und auch von der Einwohnerzahl her. Auch die Kreisstadt Hersfeld mit damals fast 25 000 Einwohnern war wesentlich größer als die Kreisstadt Rotenburg mit knapp 10 000 Menschen. Zwischenzeitig war zwar Bebra mal als Kreisstadt in der Mitte im Gespräch, aber letztlich haben sich die Hersfelder auch hier durchgesetzt. Im Übrigen war für Hersfeld von Vorteil, dass der Erste Kreisbeigeordnete Edwin Zerbe, der sich als früherer Landrat des Kreises Hersfeld zwischenzeitlich vielfach auf Landes- und Bundesebene engagiert und Hersfeld zum Beispiel bei einem Treffen aller Zonenrandkreise bundesweit in den Fokus gerückt hatte, auch bei Fragen und bei der Abwicklung der Gebietsreform maßgebend war und als Hersfelder Meinungsführer galt.

Also hat Rotenburg einen Grund dafür, sich benachteiligt zu fühlen?

Die Rotenburger glaubten, sie müssten nicht nur im Auseinandersetzungsvertrag stärker berücksichtigt und für den Verlust der Kreisstadt mehr entschädigt werden, zumal ihr früherer Landrat Otto-Ulrich Bährens in der Übergangszeit Landrat in Hersfeld war und später Landrat des Großkreises wurde. Rotenburg hatte sich daher von ihm mehr Unterstützung erhofft. Außerdem: Der Vorschlag, dass der künftige Kreis nur Hersfeld heißen sollte, löste in Rotenburg natürlich einen Sturm der Entrüstung aus. Schließlich hat man sich auf Hersfeld als Kreisstadt und den Namen Hersfeld-Rotenburg geeinigt.

Trotzdem wurden vor einigen Jahren wieder getrennte Kennzeichen eingeführt?

Überall dort, wo durch die Gebietsreform Kreise ihre bisherigen Kennzeichen einbüßten, war dieser Verlust ein heikles Thema, der viele Bürger längere Zeit beschäftigte. Nach Wiedereinführung war das Rotenburger-Kennzeichen dann schnell sehr beliebt. Ich persönlich halte aber nicht so viel davon.

Heute, 50 Jahre später, wird wieder über Gemeinde-Fusionen diskutiert. Wäre es nicht sinnvoll, einen gemeinsamen Kreis – zum Beispiel mit Werra-Meißner – zu gründen, zumal der Bundestagswahlkreis und der Schulamtsbezirk identisch sind?

Wenn Veränderungen notwendig und angestrebt werden, muss Freiwilligkeit und Beteiligung von Betroffenen gegeben sein. Zwang führt zur Ablehnung. Trotzdem glaube ich, dass Verwaltungsreformen notwendig sind und kommen werden. Unabhängig von gebietlichen Veränderungen. Denn: Eine engere Zusammenarbeit der Kreise und Gemeinden ist dringend notwendig, um anstehende große und zentrale Aufgaben bewältigen zu können.

Was sagen Sie Menschen von außerhalb, wenn Sie ihnen unseren Kreis beschreiben?

Ich sage: Hier lohnt es sich zu leben, weil wir alles haben: Eine verkehrsgünstige Lage, einen hervorragenden Arbeitsmarkt, viel Kultur, eine gute Infrastruktur, wir haben eine sehr schöne Landschaft mit zahlreichen und wertvollen Schutzgebieten. Hoffentlich wird die neue ICE-Trasse so gebaut, dass Bad Hersfeld und somit auch unsere Region weiterhin relativ gut an das Eisenbahnnetz angebunden ist.

Angenommen Sie wären ein Zauberer und könnten gute Geburtstagswünsche auch tatsächlich erfüllen: Welche wären das?

Gute, stabile, demokratische Verhältnisse. Fachkundige Bürger, die sich im Ehrenamt und in den öffentlichen Gremien entsprechend engagieren, um das Gemeinwohl weiter nach vorn zu bringen. Dann werden wir die vielen Herausforderungen, die noch auf uns zukommen, gemeinsam bewältigen. (Kai A. Struthoff)

Zur Person

Hans-Otto Kurz (81) ist in Schenklengsfeld aufgewachsen und wohnt seit 1967 in Friedlos. Er hat eine Ausbildung beim damaligen Landkreis Hersfeld absolviert und danach die Verwaltungsschule in Fulda besucht. Er ist Diplomverwaltungswirt. Danach hat er fünf Landräten des Kreises Hersfeld-Rotenburg als Büroleitender Beamter zur Seite gestanden. Ausgesundheitlichen Gründen ist Hans-Otto Kurz seit 1998 im Ruhestand. Seither engagiert er sich als Chronist der Kreisgeschichte und hat viele Bücher und Abhandlungen verfasst. Kurz ist verheiratet, mit seiner Frau Erika hat er zwei Kinder, Enkel und Urenkel. 

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