8,4 Millionen Euro an Fulda investiert – Nachholbedarf an Werra

Kreis Hersfeld-Rotenburg ist Vorreiter beim Hochwasserschutz

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Hersfeld-Rotenburg. Der Kreis Hersfeld-Rotenburg ist Vorreiter beim Hochwasserschutz: 8,4 Millionen Euro wurden bislang in den sechs an der Fulda gelegenen Kommunen investiert.

Diese Zahl nannte Marc Eidam von der Oberen Wasserbehörde des Regierungspräsidiums Kassel anlässlich einer Fachexkursion zum Thema Gewässerschutz, zu der Landrat Dr. Michael Koch eingeladen hatte. Zu dieser Summe kämen noch die Planungskosten, die in der Regel zehn bis 15 Prozent der Netto-Baukosten betrügen.

Der größte Einzelbetrag entfällt mit rund 4,5 Millionen Euro auf die Stadt Bad Hersfeld. Nicht in dem Betrag enthalten sind die Kosten für das älteste Hochwasserschutzprojekt des Kreises in Rotenburg, welche das Amt für Bodenmanagement als beteiligte Flurbereinigungsbehörde mit rund 500.000 Euro angibt. 

Fokus beim Hochwasserschutz im Kreis liegt auf natürlichen Retentionsräumen

Kleiner Rückblick: Durch die einsetzende Schneeschmelze und starke Regenfälle war im Dezember 2017 die Fulda zwischen Niederaula und Bad Hersfeld an vielen Stellen über die Ufer getreten.

Anstatt auf technische Bauwerke wie Talsperren und Rückhaltebecken wurde bei den von 1997 bis 2003 ausgeführten Arbeiten vor allem auf natürliche Retentionsräume in Form von alten Flussarmen, Flutmulden und Überflutungsflächen gesetzt. 

Weitere Renaturierungsprojekte sind laut Eidam in Bebra und Alheim geplant. Verglichen mit den übrigen Regionen am Ober- und Unterlauf des Flusses sei der Landkreis damit Vorreiter, erklärten Arno Schütz vom Regierungspräsidium Kassel und Wasserbau-Experte Heinrich Wacker. 

Dabei bestehe auch anderenorts Handlungsbedarf, denn die europäische Wasserrahmenrichtlinie sehe vor, dass alle Oberflächengewässer spätestens bis zum Jahr 2027 einen guten ökologischen Zustand erreichen. Handlungsbedarf in Sachen Hochwasserschutz besteht im Landkreis laut Marc Eidam von der Oberen Wasserbehörde auch an der Werra. Hier gebe es zwar ein Konzept, die Umsetzung sei bislang aber unter anderem am Widerstand betroffener Flächeneigentümer gescheitert.

Wir haben uns vier der Projekte einmal genauer angeschaut: 

Beispiel 1: Rotenburg - Nadelöhr im Fluss beseitigt

Mehr Platz fürs Wasser: (von links) Gerd Myketin vom Sachgebiet Wasser- und Bodenschutz, Marc Eidam vom Regierungspräsidium Kassel, Rotenburgs Erste Stadträtin Ursula Ender, Planer Heinrich Wacker und Landrat Dr. Michael Koch an der renaturierten Fulda in Rotenburg. Rechts vom Stützfeiler ist die frühere Breite des Flusses erkennbar – eine Engstelle, die bei Hochwasser für Rückstau in die Rotenburger Altstadt sorgte.

Die Rotenburger Altstadt wurde früher regelmäßig vom Hochwasser heimgesucht. Alleine die Jahrhundertflut des Jahres 1995 verursachte Schäden in Höhe von rund sechs Millionen DM. „Damals wurde in der Bevölkerung der Ruf nach Hochwasserschutz laut“, erinnert sich die Erste Stadträtin Ursula Ender. 

Der Fokus des Hochwasserschutzes habe in früheren Jahren vor allem auf technischen Bauwerken wie Rückhaltebecken und Talsperren gelegen, verdeutlicht Planer Heinrich Wacker, der Angestellter bei der Fuldastadt ist. Um das Stadtbild zu erhalten, sollten keine Mauern gebaut werden, die Situation der Ober- und Unterlieger sollte durch die Schutzmaßnahmen nicht verschlechtert werden und Kosten und Nutzen sollten in einem möglichst günstigen Verhältnis stehen. Anstatt das Wasser oberhalb zurückzuhalten, entschieden sich die Verantwortlichen, eine Engstelle im Flusslauf unterhalb Altstadt zu beseitigen, durch die sich das Wasser zurückstaute. Dieses Nadelöhr sei entstanden als die Fulda um 1800 begradigt wurde, erklärt Wacker.

Dafür wurde 1996 ein Flurbereinigungsverfahren eingeleitet, in den Folgejahren ein großes Flutmuldensystem angelegt und der Flusslauf aufgeweitet. Dazu mussten unter anderem der Fulda-Radweg sowie ein Sportplatz verlegt und eine Fußgängerbrücke verlängert werden. Die Baukosten in Höhe von drei Millionen Euro aus Mitteln der Ausgleichsabgabe und der Flurbereinigung sowie von der Stadt Rotenburg getragen, der dafür Ökopunkte angerechnet wurden. Bei der Finanzierung setzten die Planer durchaus auch auf kreative Lösungen: Der beim Aushub einer Mulde anfallende Kies wurde als Baustoff verkauft, um so die Kosten zu senken.

Der Erfolg dieser Maßnahmen sei durchaus messbar, verdeutlicht Heinrich Wacker: Im Vergleich zum Jahr 1946 sei der Pegelstand der Fulda bei einem vergleichbaren Hochwasser im Jahr 2011 in Rotenburg 89 Zentimeter niedriger gewesen. In weiter flussabwärts gelegenen Städten, in denen noch keine Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt wurden, sei bei demselben Hochwasser die Höchstmarke im Vergleich zu 1946 um fünf Zentimeter angestiegen. Zwar seien die Hochflutrinnen eine deutliche Entlastung, bei extremen Hochwasserereignissen böten sie aber nur bis zu einem gewissen Grad Schutz, räumt Wacker ein. Immerhin: Bei einem sogenannten 20-jährlichen Ereignis (damit wird die statistische Wahrscheinlichkeit bezeichnet) sind die Häuser in Rotenburg nicht mehr betroffen.

Beispiel 2: Asmushausen - Grüne Lunge im Kern

Vorher und nachher: In Asmushausen ist durch den Abriss mehrerer Gebäude eine „grüne Lunge“ entstanden. Heinrich Wacker (rechts) präsentiert ein Foto, das vor der Sanierung in gleicher Blickrichtung aufgenommen wurde.

Eingezwängt in einen langen Durchlass und ein Betonkastenprofil – so floss der Holzbach noch vor rund vier Jahren unter der Asmusstraße und zwischen den Häusern von Asmushausen hindurch. 

Im Zuge der Dorferneuerung wurde Platz geschaffen – nicht nur für das Wasser, sondern auch für die Bewohner des Bebraer Stadtteils: Sechs Gebäude, darunter ein kompletter Hof, seien abgreissen worden, berichtet Anne Kappler vom Amt für Bodenmanagement in Homberg. Dass die Flurbereinigungsbehörde innerorts für einen Neuzuschnitt der Grundstücke sorgt, sei eher selten der Fall. Entstanden ist im Ortskern eine „grüne Lunge“ an der das Gewässer erlebbar sein soll: Anstatt die marode Einfassung zu erneuern, hat der Holzbach auf 170 Metern Länge ein, neues offenes Bachbett erhalten. Dessen Ufern befinden sich nun Kinderspielplatz, Generationenplatz, Sandsteinstufen, Steg, Schwalbenhaus und Insektenhotel.

Platz wurde auch für zwei Bauplätze geschaffen. Kopfzerbrechen bereiten den Asmushäusern allerdings noch zwei ungenutzte und sanierungsbedürftige, aber denkmalgeschützte Fachwerkhäuser.

Beispiel 3: Gilfershausen - Weg von der Straße

Raus aus dem Betontrog: Auf Höhe des Kriegerdenkmals (hinten links) könnte die Solz in Gilfershausen künftig die Straßenseite wechseln und hinter den Gebäuden am linken Straßenrand entlangfließen.

Im Bebraer Stadtteil Gilfershausen verläuft der Solzbach derzeit noch in einem Betontrog entlang der Braunhäuser Straße.

Anstatt die Betonrinne beim innerörtlichen Ausbau der Kreisstraße 53 aufwendig zu sanieren, schlägt Heinrich Wacker von der Bürogemeinschaft für Landschaftsplanung und Gewässerrenaturierung eine Alternativlösung vor: Demnach würde der Bachlauf künftig auf Höhe des Kriegerdenkmals die Straßenseite wechseln und durch einen ehemaligen Mühlgraben auf der Rückseite der Gebäude auf der linken Straßenseite fließen.

Dadurch würde das Gewässer nicht nur mehr Raum und ein naturnahes Bachbett erhalten, auch im Straßenraum entstünde mehr Platz und die Überfahrten über den Bachlauf zu den Grundstücken am rechten Fahrbahnrand fielen weg.

Beispiel 4: Solms - Vier Blöcke für den Naturschutz

Als die ersten Bagger anrollten um Flutmulden auszuheben und den Flusslauf der Fulda aufzuweiten, sei das bei den Landwirten in der Marktgemeinde nicht unbedingt auf Gegenliebe gestoßen, erinnert sich Niederaulas Bürgermeister Thomas Rohrbach.

Die Fulda gräbt sich ins Gelände: Bei Solms ist im Zuge der Renaturierung ein sogenanntes Prallufer entstanden, das beispielsweise dem Eisvogel als Brutstätte dient.

Über den Verlust wertvoller Ackerflächen sei damals geschimpft worden – wenngleich sich die Gemüter inzwischen beruhigt hätten. Angefangen habe alles Ende der 1980er Jahre mit den Plänen zur Erweiterung der Kreismülldeponie, erinnert sich Arno Schütz vom Regierungspräsidium Kassel. „4,4 Millionen Euro für Ersatzmaßnahmen sollten in der Region bleiben“, verdeutlicht er. 1994 fiel die Wahl des Landkreises auf die Fuldaaue zwischen Niederaula und Bad Hersfeld.

Dabei Konflikten zwischen Mensch und Naturschutz entgegenzuwirken, sei Aufgabe der Flurbereinigung, erklärt Anne Kappler vom Amt für Bodenmanagement in Homberg. Durch den Bau der Schnellbahnstrecke und um die Arbeitsbedingungen der Landwirte zu verbessern, sei die Flurbereinigungsbehörde ohnehin in den Gemarkungen tätig gewesen.

Für das Fuldaauenprojekt habe die Naturlandstiftung Flächen erworben – direkt am Fluss, aber auch weiter weg. Im Zuge der Bodenneuordnung werden diese gegen Parzellen an der Fulda getauscht – mit dem Ziel, diese zu insgesamt vier Blöcken für den Naturschutz zusammenzufassen.

Rund 1000 Hektar entlang der Fulda seien in der Marktgemeinde Niederaula Überflutungsfläche, erklärt Heinrich Wacker: „Die Fuldaaue ist wie ein riesiger Schwamm, der das Wasser speichert und in Trockenperioden wieder abgibt. Ein Vorteil gegenüber jeder technischen Lösung.“

Etwa eine Million Kubikmeter Wasser werde so geschluckt, rechnet der Gewässerexperte vor. Dadurch regeneriere sich auch das Grundwasserreservoir unter den Wiesen in der Talaue vergleichsweise schnell – insbesondere nach trockenen Jahren stelle das einen weiterer Pluspunkt dar.

Hintergrund: Land unterstützt Projekte finanziell

Das Land Hessen fördert Vorhaben zur Verbesserung und Erhaltung eines guten ökologischen Zustands von Gewässern sowie Maßnahmen des Hochwasserschutzes. Darunter fallen die Schaffung naturnaher Gewässerstrukturen und Renaturierungsmaßnahmen ebenso wie die Erweiterung und Neubau von Deichen, Hochwasserschutzmauern, Rückhaltebecken oder die Erarbeitung von Plänen und Karten zur Verbesserung des Hochwassermanagements. 

Die dauerhafte Unterhaltung der geförderten Maßnahme muss gesichert sein. Die Höhe der Förderung richtet sich nach der Art des Vorhabens und der finanziellen Leistungsfähigskeit des jeweiligen Fördergeldempfängers. Sie beträgt zwischen 20 und 85 Prozent, bis zum Jahr 2020 bis zu 95Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben.

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