Interview vor der Verabschiedung in den Ruhestand

Bad Hersfelder Klinikmanager Ködding kritisiert Gängelung der Kliniken

Der Geschäftsführer des Klinikums Martin Ködding auf dem Balkon des Krankenhauses, von wo aus man einen der schönsten Ausblicke auf Bad Hersfeld hat.
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Time to say goodbye: Der Geschäftsführer des Klinikums Martin Ködding auf dem Balkon des Krankenhauses, von wo aus man einen der schönsten Ausblicke auf Bad Hersfeld hat.

Klinikmanager Martin Ködding war ein wichtiger Gestalter der Gesundheitslandschaft im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Seit 1977 arbeitet Martin Ködding im Gesundheitswesen, seit 1986 ist er am Klinikum Bad Hersfeld tätig – viele Jahre davon als Geschäftsführer. Am kommenden Freitag wird Ködding in den Ruhestand verabschiedet. Mit dem Klinik-Manager zog Kai A. Struthoff eine berufliche Bilanz.

Herr Ködding, das Klinikum befindet sich in einer schwierigen Umstrukturierung und ist, verschärft durch die Corona-Krise, auch in einer finanziellen Schieflage. Sind Sie froh, jetzt gehen zu können?

Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde ich mich um meine Nachfolge bewerben. Die Herausforderungen im Gesundheitswesen sind weiterhin spannend. Wir können und müssen viel gestalten. Aber eben das werde ich auch am ehesten vermissen. Mir hat es immer gefallen, für gute Ideen Unterstützer und natürlich auch das nötige Geld auf allen zuständigen Ebenen zu organisieren.

Über die derzeitigen Corona-Schutzmaßnahmen wird viel diskutiert. Gerade die Kliniken haben wegen des Lockdowns viel Geld verloren, weil Behandlungen verschoben werden mussten. Waren die Corona-Maßnahmen überzogen?

Wir stehen, auch im weltweiten Vergleich, in der Pandemie gut da. Die Regierung hat schnell und richtig reagiert. Ob man zu dieser Einschätzung auch in zwei Jahren noch kommt, weiß ich nicht. Was die Kliniken betrifft, wurden Lösungen gefunden, die uns unmittelbar helfen. Denn die Politik hat in dieser Krisensituation sofort jene Regelungen zurückgenommen, die uns Gesundheitsminister Jens Spahn in der Vergangenheit als besondere Last auferlegt hatte.

Was meinen Sie konkret?

Man hat sofort die Pflegepersonaluntergrenzen ausgesetzt und die Krankenkassen müssen uns jetzt innerhalb von fünf Tagen die Rechnungen bezahlen. Auch der Prüfungswahn durch den Medizinischen Dienst bei Rechnungen wurde reduziert. Und es gibt jetzt sogar eine Vorhaltekostenpauschale für Leistungen, die Kliniken bereithalten, auch wenn sie nicht abgerufen werden. All das haben wir seit Jahren gefordert.

Glauben Sie, dass diese Änderungen über Corona hinaus Bestand haben?

Leider nein! Aber nicht alle Maßnahmen von Herrn Spahn waren ja falsch. Wir müssen unsere Leistungen konzentrieren und bündeln. Nicht alle 1900 Krankenhäuser werden bestehen bleiben können. Ich halte allerdings die derzeitigen Instrumente, um das zu erreichen, für falsch.

Auch über die Wertschätzung der medizinischen Berufe, gerade auch in der Pflege, wurde viel diskutiert. Wird sich dort etwas ändern?

Das glaube ich nicht, es wird vermutlich schnell vergessen, was hier geleistet wurde. Das merkt man jetzt schon, eben weil es inzwischen auch in der Krise eine gewisse Routine gibt.

Eine der wichtigsten Entscheidungen Ihrer Berufslaufbahn war wohl die Übernahme des HKZ. Rückwirkend betrachtet: Was das richtig?

Ja! Uneingeschränkt, auch aus heutiger Sicht. Sonst hätten sich die Bedingungen in unserer Region deutlich verändert. Wir hätten Konkurrenz und Verdrängungswettbewerb vor Ort bekommen. Es macht aber keinen Sinn in einem so kleinen Kreis, um Patienten und auch um Mitarbeiter zu konkurrieren. Nur deshalb sind wir heute in der Lage, überhaupt über die Bündelung von Kompetenzen nachzudenken. Mit einem Mitbewerber in Rotenburg wäre das nicht möglich.

Landrat Michael Koch hat unlängst eine Verstaatlichung der Kliniken gefordert. Sind Sie auch dieser Meinung?

Alle Klinken sind momentan in einer ganz schwierigen finanziellen Situation – nicht nur wir in Hersfeld. Es geht aber um unsere Daseinsvorsorge – die im medizinischen Bereich genauso wichtig ist wie etwa bei der Polizei, Feuerwehr oder beim Trinkwasser. Ich finde, solche Einrichtungen darf man nicht in private Hände geben, weil man dann auch schnell den Einfluss darauf verlieren könnte. Kliniken müssen rund um die Uhr ihre Leistung anbieten, ohne dass sie sich marktwirtschaftlich refinanzieren können. Wenn also der Staat das Gesundheitswesen überreguliert, sollte der Staat dafür auch die Verantwortung tragen – also für die Kosten aufkommen. Oder eben die Kliniken selbst betreiben.

Sie sind gelernter Industriekaufmann und hätten alle möglichen Firmen leiten können. Warum sind Sie ins Gesundheitswesen gegangen?

(Denkt lange nach) Ich kann kein Blut sehen, und ich wollte deshalb auch nie Arzt werden. Aber ich wollte mit dem, was ein Kaufmann tun kann, einen kleinen Beitrag leisten, damit diejenigen, die Blut sehen können, ihre Arbeit gut machen können. Jedes Jahr versorgen wir hier 100 000 Menschen – das ist eine richtig tolle Aufgabe, daran kann ich mit meinen Fähigkeiten mitwirken, und das ist eine schöne Herausforderung, sie macht mich sehr zufrieden, und ich würde es jederzeit wieder machen.

Woran erinnern Sie sich besonders gern?

An die Momente, in denen größere Projekte zum Abschluss kamen: Baumaßnahmen, zum Beispiel das Parkhaus am Seilerweg, der Aufbau von Abteilungen wie der Geriatrie, der Neurologie, die Psychiatrie. In diesen Momenten erntet man den Ertrag von langer Feldarbeit.

Was werden Sie nicht vermissen?

Die ständigen rechtlichen Änderungen und das Suchen nach Antworten auf die staatliche Überregulierung und die Gängelung, ja, das Quälen von Einrichtungen der Daseinsvorsorge. Auch die Fremdbestimmung durch die vielen beruflichen Termine werde ich nicht vermissen.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Herrn Weigel?

Herr Weigel ist sehr erfahren und er trifft den richtigen Ton im Umgang mit den Mitarbeitern. Unser Slogan am Klinikum lautet „Mit Menschen, für Menschen“. Ich wünsche ihm, dass er viel Freude und Erfolg hat und dass die vertrauensvolle Zusammenarbeit auf allen Ebenen fortgesetzt werden kann.

Wir kennen uns jetzt seit zwölf Jahren und ich habe Sie nie anders als im dunklen Anzug gesehen. Daher kann ich Sie mir auch nicht im Ruhestand vorstellen …

(lacht) Ich gehe das ganz entspannt an und habe mir tatsächlich kein großes Anschlussprogramm vorgenommen. Ich will mich mehr bewegen, das ist zu kurz gekommen. Ich freue mich auf Kulturveranstaltungen, auf Opernbesuche, aufs Reisen, aufs Lesen. Meine Frau und ich werden aber auch im Ruhestand in Bad Hersfeld bleiben. Und alles andere lasse ich ganz entspannt auf mich zukommen.

Was möchten Sie uns zum Abschluss einer langen, erfolgreichen Karriere noch mit auf den Weg geben?

Ich möchte die Bürger bitten, dass sie auch künftig das Angebot wertschätzen, das wir hier im Gesundheitswesen vor Ort haben. An die Politik appelliere ich, dass sie bei den Entscheidungen, die jetzt anstehen, immer auch an die Menschen denken. Ich persönlich habe gelernt, dass man beim Verweilen keine Zeit verliert, denn Innehalten ist ein Zeitgewinn.

Zur Person

Martin Ködding (63) ist in Frankenau im Kreis Waldeck-Frankenberg geboren. Er ist ausgebildeter Industriekaufmann und hat seine Laufbahn im Gesundheitswesen 1976 in der Reha-Klinik Fürstenhof in Bad Wildungen begonnen. Nach einem berufsbegleitenden Studium der Betriebswirtschaft wechselte er 1986 nach Bad Hersfeld, zunächst als Assistent des Verwaltungsdirektors, wurde dann Verwaltungsdirektor und später Geschäftsführer. Der Familienvater lebt mit seiner Ehefrau Helga in Bad Hersfeld. 

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