"Nicht nachvollziehbar"

Zulage fällt weg: Bauern in Hersfeld-Rotenburg erhalten künftig weniger Fördergeld

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Maisernte im Mittelgebirge: Die Landwirte in der Region bewirtschaften oft steile, steinige und kleine Flächen. Die bislang fast überall im Kreis gezahlte Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete fällt für viele Flächen im Kreis künftig weg. Unser Archivbild entstand bei Friedlos.

20.000 Hektar und damit mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kreis sind in diesem Jahr aus der Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete (AGZ) herausgefallen.

Diese Zahlen nennt Thomas Krenzer vom Fachdienst Ländlicher Raum des Landkreises.

Mit der früher als Bergbauernprogramm bekannten AGZ wird die Nutzung von Flächen gefördert, die durch Höhenlage, Hangneigung, schlechte Erreichbarkeit, widriges Klima, viele Steine oder geringe Bodenqualität nur unter erschwerten Bedingungen bewirtschaftet werden können. Bisher galt nahezu das gesamte Kreisgebiet mit Ausnahme der Gemarkungen Heinebach, Niederellenbach, Wehrda, Wetzlos und Schletzenrod als benachteiligt im Sinne des Förderprogramms. Aufgrund neuer, bundeseinheitlicher Kriterien sind nun weitere 63 Gemarkungen aus der Förderkulisse gefallen. Grund ist, dass der Europäische Gerichtshof die differierenden Kriterien zur Gebietsauswahl moniert und gefordert hat, die Böden nach biophysikalischen Gesichtspunkten einheitlich zu bewerten.

Für die Landwirte im Kreis sei die Neuregelung nicht nachvollziehbar, beklagen Anke Roß und Friedhelm Diegel, Geschäftsführerin und Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. Im Mittelgebirge gebe es in nahezu jeder Gemarkung Wiesen und Felder, die sich nur mit hohem Aufwand bewirtschaften lassen. „Die Zulage sollte ein Anreiz sein, auch diese Flächen zu pflegen“, erklärt Friedhelm Diegel. Die Zahlungen seien kein Zusatzeinkommen, sondern ein Ausgleich für Wettbewerbsnachteile gegenüber Berufskollegen in Regionen mit günstigeren Bedingungen. Insbesondere bei kleinen und Nebenerwerbsbetrieben könne der Wegfall der Zulage letztendlich den Ausschlag für die Entscheidung geben, die Landwirtschaft aufzugeben, befürchtet der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes.

Die Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete

Bislang wurden die Fördergebiete für die Ausgleichszulage laut Landesbetrieb Landwirtschaft in Hessen durch die Landwirtschaftliche Vergleichszahl abgegrenzt, welche die ungefähre Ertragsfähigkeit eines landwirtschaftlichen Betriebes beschreibt. In deren Berechnung fließen Parameter wie Bodenfruchtbarkeit, -beschaffenheit und -qualität, klimatische Bedingungen, Bewässerung, Nutzung, Betriebsgröße und Entfernung vom Betriebssitz ein. Künftig dienen EU-einheitliche biophysikalische Kriterien zur Bewertung.

„Hessenweit haben die Zahlungen aus der Ausgleichszulage bei Haupterwerbsbetrieben einen Anteil von 0,71 Prozent an den betrieblichen Erträgen insgesamt und einen Anteil von 4,32 Prozent am betrieblichen Gewinn“, erklärt Klaus Wagner, Fachgebietsleiter für Fachinformation zu Ökonomie und Markt beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. 

In den Nebenerwerbsbetrieben steigt die Bedeutung der AGZ-Zahlungen auf 1,47 Prozent der betrieblichen Erträge und 10,55 Prozent am betrieblichen Gewinn. In Landkreisen mit einem hohen Anteil benachteiligter Gebiete, zu denen bisher auch Hersfeld-Rotenburg gehört habe, entfalle auf die AGZ-Zahlungen auch ein entsprechend höherer Anteil von 1,2 Prozent am Gesamtbetriebsertrag und 7,1 Prozent am betrieblichen Gewinn. 

Bislang sei die Höhe der Zahlungen aus der Ausgleichszulage beim Dauergrünland – also Wiesen und Weiden – für die einzelnen Betriebe abhängig von der landwirtschaftlichen Vergleichzahl gewesen, erklärt Thomas Krenzer vom Fachdienst Ländlicher Raum des Landkreises: „Je niedriger die landwirtschaftliche Vergleichszahl, desto höher der Fördersatz. Mindestens wurden für Dauergrünland 50 Euro je Hektar gezahlt, die maximale Höhe lag meist bei rund 115 Euro, abhängig von den verfügbaren Mitteln“. 

Für Ackerland sei unabhängig von der Vergleichszahl 25 Euro pro Hektar gezahlt worden. Für die Gemarkungen im Kreis, die nach den neuen Kriterien aus der Ausgleichszulage herausfallen, gilt laut Thomas Krenzer eine zweijährige Übergangsregelung: In diesem Jahr würden bis zu 49 Euro je Hektar ausgezahlt, im kommenden Jahr noch einmal 25 Euro je Hektar.

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