Interview zum Internationalen Frauentag

Frauenbeauftragte des Kreises Hersfeld-Rotenburg: Wir waren schon mal weiter

Sie muss wachsam sein: Ute Boersch ist Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg und somit zuständig für Gleichstellungsbelange innerhalb der Kreisverwaltung sowie für alle Bürgerinnen und Bürger. Foto: Schhäfer-Marg

Hersfeld-Rotenburg. Der 8. März wird traditionell als Internationaler Frauentag gefeiert. Zum Frauentag 2018 haben wir mit der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Ute Boersch, über Feminismus gesprochen.

Frau Boersch, meine Tochter ist 25 Jahre alt und meint, der Feminismus habe sich überlebt. Hat sie Recht?

Ute Boersch: Ich höre oft von jungen Frauen, sie seien gleichberechtigt. Mädchen sind häufig besser in der Schule als Jungen, junge Frauen sind gut ausgebildet, haben oft auch sehr gute Jobs. Da fällt es leicht, sich gleichberechtigt zu fühlen. Problematisch wird es, wenn das erste Kind kommt. Dann fallen Paare häufig in ihre traditionellen Rollen zurück.

Das heißt?

Boersch: Frauen bleiben zunächst zu Hause, um sich ganz dem Kind und der Familie zu widmen und kehren dann zu einem Teilzeitarbeitsplatz zurück. Teilzeit kann zu Altersarmut führen. Und – das zeigen die Zahlen – Altersarmut ist weiblich.

Immerhin soll auf SPD-Initiavtive in der neuen Legislaturperiode endlich das Recht auf Rückkehr zu einem Vollzeitarbeitsplatz Gesetz werden.

Boersch: Ein solches Gesetz wäre gut und richtig.. Bisher wird es den Frauen oft schwer gemacht, wieder adäquat im Betrieb eingesetzt zu werden. Das gilt übrigens auch für die wenigen Männer, die aus familiären Gründen vorübergehend in Teilzeit arbeiten wollen.

Von diesen Männern gibt es aber nur wenige. Die Fürsorgearbeit oder neudeutsch Care-Arbeit in den Familien wird in den allermeisten Fällen von Frauen übernommen – und das unentgeltlich.

Boersch: Das stimmt. Hier müssen wir andere Strukturen schaffen, damit sich die Care-Arbeit lohnt. Ähnliches gilt für die Arbeit von Frauen im Ehrenamt. Sie erarbeiten einen geldwerten Vorteil für die Gesellschaft und sind dabei nicht abgesichert. Bei Trennungen zum Beispiel stehen sie ohne Geld da.

Neben dem Frauentag wird im März auch der „Equal-Pay-Day“ begangen. Das heißt, in diesem Jahr arbeiten Frauen rein rechnerisch bis zum 18. März umsonst. Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied beträgt aktuell 21 Prozent.

Boersch: Das ist ein großes Problem. Es gibt ein Gender-Pay-Gap-Experiment, das belegt, dass Männern bei Vorstellungsgesprächen häufig höhere Gehaltsvorschläge unterbreitet werden als Frauen – trotz gleicher Qualifikation. Zwar gibt es jetzt das Entgelttransparenz-Gesetz, das Frauen dabei unterstützen soll, ihren Anspruch auf gleiches Entgelt bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit besser durchzusetzen. Aber das gilt vorerst nur für Betriebe mit mindestens 200 Mitarbeitern. Immerhin ist das ein erster Schritt. Einfacher ist es in Betrieben mit Tarifverträgen. Diese schützen nämlich vor Ungleichbehandlung.

Anderes Thema: Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler, Studierende statt Studenten, Lehrkräfte statt Lehrer – trägt Sprache zur Gleichstellung bei oder ist das Bemühen um Korrektheit einfach nur noch nervig und führt zu teilweise lächerlichen Exzessen?

Boersch: Die Sprache macht Bilder. Und wenn Frauen nicht in der Sprache vorkommen, hat man nur Männer vor Augen. Daraus resultieren Rollenbilder, die eigentlich überkommen sind. Deshalb ist es wichtig, auch weiterhin darauf zu achten, dass Frauen in der Sprache vorkommen. Das gilt übrigens auch für Zeitungen.

Das alles klingt nicht so, als sei der Feminismus überholt. Wo stehen wir Frauen heute?

Boersch: Wir haben schon viel erreicht, aber es bleibt noch genauso viel zu tun. Besonders an den Strukturen müssen wir noch arbeiten. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeit von Frauenhäusern immer noch nicht finanziell abgesichert ist. In einigen Bereichen waren wir schon einmal weiter, da gibt es sogar Rückschritte.

Nennen Sie ein Beispiel?

Boersch: Schauen wir zum Beispiel auf den Paragraphen 218. Abtreibungen können in bestimmten Situationen straffrei vorgenommen werden. Aber es gibt immer weniger Kliniken, die solche Eingriffe vornehmen. Weder im Kreis Hersfeld-Rotenburg noch im Vogelsbergkreis, im Schwalm-Eder-Kreis oder im Landkreis Fulda könnten Frauen, die ungewollt schwanger werden, Hilfe bekommen. Dabei gibt es dazu Gesetze, und wir haben lange dafür gekämpft. Es geht nicht, dass wir jetzt eine Rolle rückwärts machen.

Ute Boersch wurde 1963 in Kassel geboren und wuchs dort auf. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt Kassel, machte über den zweiten Bildungsweg Abitur und studierte Sozialwesen. Anschließend arbeitete sie in verschiedenen Bereich der Jugendhilfe. 1995 wechselte sie zum Jugendamt des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Seit 2012 ist sie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte des Kreises. Ute Boersch hat einen erwachsenen Sohn und lebt in Niederaula.

Feminismus

ist ein Begriff für Strömungen und soziale Bewegungen, die auf der kritischen Analyse von Geschlechterordnungen basieren, für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintreten. Der Feminismus macht deutlich, dass das Ideal der Gleichheit aller Menschen nicht mit den Alltagserfahrungen von Frauen übereinstimmt. Es gibt unterschiedliche Strömungen im Feminismus. Inzwischen gibt es auch Männer, die sich als Feministen bezeichnen. (Quelle Wikipedia, Duden)

Lohn: Neues Gesetz soll Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verhindern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.