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Offener Brief: Schöne Grüße von den "Verlierern der Einheit"

„Was blüht – und was nicht“: In einer Serie zu 25 Jahren Wirtschafts- und Währungsunion der Süddeutschen Zeitung gelten Rotenburg und Bebra als „Verlierer der Einheit“. Foto: Janz

Im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung werden am Dienstag Rotenburg und Bebra als „Verlierer der Einheit" genannt. Ein offener Brief an die Autorin Katja Riedel.

Liebe Katja Riedel, 

das ist ja nett, dass Sie mal über ihre alte Heimat schreiben. Und das in der Süddeutschen Zeitung, diesem Flaggschiff des deutschen Qualitätsjournalismus. So ein großer Artikel im Wirtschaftsteil und dazu ein schönes Foto vom Rotenburger Fuldaufer. Da hab’ ich mich echt gefreut.

Und dann habe ich Ihren Artikel gelesen. „Verlierer der Einheit“ schreiben Sie über Rotenburg und Bebra in einer Serie, die sich mit der Wirtschafts- und Währungsunion vor 25 Jahren beschäftigt. Über die Wirtschaft geht es aber erstmal gar nicht, sondern über die kleine Vera, die vor der Wende rübergemacht hat. War vermutlich eine Ihrer Klassenkameradinnen in Rotenburg, wo Sie ja auch Abitur gemacht haben.

Die Vera hat zwar mit der wirtschaftlichen Situation hier nichts zu tun. Aber das ist natürlich nicht so trocken zu lesen wie wirtschaftliche Fakten und Zitate von Experten. Schlauer wird der Leser allerdings nicht von dem, was Sie da schreiben.

Das sind vor allem Allgemeinplätze. Viele Läden stehen leer, schreiben Sie. Stimmt, aber das tun sie nicht nur im früheren Zonenrandgebiet, sondern in vielen Kleinstädten. Die Bevölkerung schrumpft, schreiben Sie. Stimmt, aber auch das passiert fast überall auf dem Land und selbst im Ruhrpott. Die Versandhändler und Logistiker hätten billige Arbeitsplätze geschaffen, schreiben Sie, dafür fielen hochqualifizierte weg. Stimmt nur zum Teil, denn gute Arbeitsplätze gibt es trotzdem noch viele, die Arbeitslosenquote ist niedrig, und der größte Arbeitgeber noch immer K+S, nicht Amazon. Es kommen sogar mehr Menschen zum Arbeiten hierher als wegfahren. „Einpendlerlandkreis“ nennt das der scheidende Landrat.

Mit dem hätten Sie mal reden sollen oder mit jemandem, der was von Wirtschaft versteht. Dann hätten Sie in Ihrem Artikel vielleicht nicht so ein einseitiges Bild gezeichnet. Aber stattdessen scheinen Sie eher die Eindrücke vom Sonntagsspaziergang bei Ihrem letzten Besuch aufgeschrieben zu haben und was Ihnen sonst noch so aus der Erinnerung eingefallen ist.

Kommen Sie doch mal wieder vorbei und informieren sich richtig! Dann könnten Sie ja wieder über Ihre alte Heimat schreiben. Es gibt nämlich viel Gutes zu berichten. Das würde mich dann wieder freuen.

Herzlichst

Ihr Marcus Janz

Zur Person: Katja Riedel (36) stammt aus Rotenburg und hat an der Jakob-Grimm-Schule Abitur gemacht. Sie hat die Deutsche Journalistenschule in München besucht und an Universitäten in München, Gießen und Leipzig studiert. Ihre journalistische Karriere begann als freie Mitarbeiterin der HNA. Danach hat sie für verschiedene überregionale Zeitungen und Magazine geschrieben. Inzwischen ist sie Redakteurin der Süddeutschen Zeitung in München. 

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