Straßenverkehr

Autofahrer bilden auf Autobahnen im Landkreis häufiger richtige Rettungsgasse

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Polizeioberkommissar Schmidt und Polizeioberkommissarin Schultz mit ihrem Streifenwagen in der Rettungsgasse.

Beim Bilden von Rettungsgassen gibt es immer seltener Probleme, sagen Polizei und Feuerwehr im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Die Vorschriften zur Bildung einer Rettungsgasse auf Autobahnen, bei der Fahrzeugführer im Fall eines Staus oder Unfalls Platz für Polizei und Rettungsfahrzeuge schaffen, werden zunehmend beachtet. Diesen Eindruck haben sowohl die hiesige Polizei als auch Vertreter der Kreisverwaltung.

„Aufklärungskampagnen, Heckaufkleber, Brückenbanner – aber sicher auch die drohenden Strafen – haben nach unserer Einschätzung zu einer deutlichen Verbesserung auf den Autobahnen des Landkreises geführt“, resümieren Thorsten Bloß als Fachdienstleiter Brandschutz, Rettungsdienst und Katastrophenschutz wie auch der neue Kreisbrandinspektor Marco Kauffunger, seit Monatsbeginn im Amt.

Es gibt kaum belastbare Zahlen

„Die Tendenz ist positiv“, stimmt auch Dominik Möller, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Osthessen (Fulda) zu. Möller schränkt aber ein: „Zu messen ist das schwierig, weil es fast keine belastbaren Zahlen gibt.“

In der Tat gab es zwar am Ostermontag auf den Autobahnen des Landkreises 20 Anzeigen wegen Verstößen gegen die Vorschriften zur Rettungsgasse. Weitere Statistiken werden aber nicht geführt.

„Verstöße kommen immer wieder mal vor“, gibt Polizeisprecher Möller zu bedenken, und auch Bloß weiß von Fällen, in denen Autofahrer Einsatzkräften in die Rettungsgasse folgen oder diese verstellen

Bei Verstößen droht ein einmonatiges Fahrverbot

In solchen Fällen müssen die Rettungskräfte dann notfalls zu Fuß zur Einsatzstelle vordringen – oder aber es fahren andere Einsatzkräfte nach Absprache mit der Autobahnpolizei von der anderen Seite entgegen der Fahrtrichtung auf die Autobahn. Beiseite geschoben werden Autos, die die Gasse versperren, nicht: „Feuerwehrfahrzeuge als Räumfahrzeuge im Stau einzusetzen, ist keine Option“, stellt Bloß klar.

Verstöße kosten zwischen 200 und 320 Euro – bei Behinderung, Gefährdung oder Sachbeschädigung kommt ein einmonatiges Fahrverbot dazu. 

Auf Tour mit der Autobahnpolizei Bad Hersfeld

Bremsleuchten, die ersten Warnblinklichter flackern auf. Stau auf der Autobahn. Was von vielen heranrollenden Autofahrern hinten erst mal als nervige Verzögerung registriert wird, kann ganz vorne, wenn ein Unfall der Staugrund ist, über Menschenleben entscheiden. Denn jetzt wird es wichtig: Rettungsgasse bilden. Weil das trotz Hinweisbannern an gefühlt jeder zweiten Autobahnbrücke und endloser Vorträge im Verkehrsfunk im Radio immer noch viel zu oft nicht beachtet wird, setzt die Polizei neue Videotechnik ein. 

Sieht abenteuerlich aus, ist aber erlaubt: Bei der Kontrolle dieses Gespanns stellte sich heraus: Die Ladungssicherheit wurde tatsächlich eingehalten.

„Videostreifen BAB“ heißt das Pilotprojekt, bei dem die Streifenwagen der Polizeiautobahnstationen Bad Hersfeld und Petersberg zurzeit auf Osthessens Autobahnen im Wechsel verschiedene Systeme testen, die insbesondere Verstöße wegen des Nichtbeachtens der Rettungsgassen-Pflicht dokumentieren sollen. Das System im Streifenwagen von Polizeioberkommissarin Schultz und Polizeioberkommissar Schmidt, die an diesem Freitagnachmittag auf Kontrollfahrt gehen, verfügt über zwei hoch auflösende Kameras. 

Eine ist im Fahrzeugheck, eine vorne hinter der Windschutzscheibe verbaut. Sie können getrennt voneinander per Knopfdruck in der Mittelkonsole aktiviert werden und auch einen Tonmitschnitt von dem, was im Fahrzeuginneren gesprochen wird, kann Schmidt, der das System vom Beifahrersitz aus bedient, zusätzlich aktivieren. 

Videomaterial wird auf der Wache ausgewertet

Die Daten werden auf einer Speicherkarte aufgezeichnet, die sich in einem Rechner im Fahrzeugheck ihres 5er BMW befindet. „Aufgezeichnet wird nicht permanent, sondern nur, wenn konkrete Verstöße das Mitfilmen erforderlich machen“, erklärt Schmidt. 

Ausgewertet wird das Videomaterial später auf der Wache. „Wenn wir zu einem Unfall unterwegs sind, haben wir ja einen anderen Auftrag – vor Ort wird da niemand angehalten“, sagt der 31-jährige Polizeioberkommissar. Ein kurzer Druck aufs Gaspedal und schon sprintet der Streifenwagen aus der Polizeiauffahrt am Eichhof heraus auf die A 4 gen Westen. Weiter geht’s auf der A 5 gen Süden. 

Dann kommt per Funk ein Einsatz. Am Hattenbacher Dreieck hat ein aufmerksamer Autofahrer einen auffällig beladenen Auto-Transport ausgemacht und über Notruf gemeldet. Gewendet wird am Rasthof Rimberg. Kurze Zeit später stockt auch schon der Verkehr auf der A 5 gen Norden – bis er schließlich fast zum Erliegen kommt. 

Mit Blaulicht und Martinshorn durch den Stau

Mit Blaulicht und Martinshorn bahnt sich der Streifenwagen einen Weg durch den beginnenden Stau. Und das „durch eine einwandfrei funktionierende Rettungsgasse“, wie Schmidt feststellt. Das Videosystem bleibt ausgeschaltet. Wenige Minuten später ist das gesuchte Fahrzeuggespann gefunden. Die Beschreibung und das Kennzeichen stimmen. Polizeioberkommissarin Schulz setzt ihr Fahrzeug vor den Transporter. 

Auf dem Dach wird „Polizei – Bitte folgen“ zwischen den Blaulichtern angezeigt. Der Fahrer des Lieferwagens mit Anhänger aus Northeim leistet sofort Folge. In Kirchheim geht es gemeinsam von der Autobahn. Auf einem Autohof wird das Gespann nun sorgfältig kontrolliert. Der angehaltene Fahrer hat Glück. 

Obwohl die Verladung des verunfallten Kastenwagens auf dem doch recht kleinen Anhänger auf den ersten Blick in der Tat etwas abenteuerlich anmutet, hat er alle Vorschriften, was Zuladung und Zugfahrzeug angeht, eingehalten. Bei den Spanngurten muss er noch mal nachbessern, darf seine Fahrt aber ansonsten nach kurzer Unterbrechung wieder fortsetzen. An diesem Nachmittag geht alles 

Blockierte Rettungsgassen können Leben kosten

Wo es sich staut, wird an die Rettungsgasse auch gedacht. Doch die beiden Polizisten erleben auch anderes: Lastwagen nebeneinander, die die Rettungsgasse blockieren zum Beispiel. „Da passt unser Polizei-PKW vielleicht gerade noch so durch, aber Rettungswagen und erst Recht größere Feuerwehr-Fahrzeuge haben keine Chance, durchzukommen“, berichtet Schultz. Wer bei Verstößen erwischt wird, für den wird es teuer. 200 Euro Strafe und zwei Punkte kostet das Nichtbeachten der Rettungsgasse. 

Wer Einsatzkräfte behindert oder andere gefährdet, muss mit bis zu 320 Euro rechnen und ihn erwartet zudem ein Monat Fahrverbot. „Im Großen und Ganzen klappt es mit der Rettungsgasse aber meist recht gut“, sagt Polizeioberkommissar Schmidt. Die Video-Überprüfung und Bestrafung bei Verstößen sei aber ein Muss. Denn jede Verzögerung in einer blockierten Rettungsgasse ist mehr als nur ein Ärgernis: Für Unfallopfer kann sie tödlich enden.

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