Heimische Schüler sind im Soll

Schulleiter im Kreis: Unverständnis für Kritik des Deutschen Lehrerverbands

Hersfeld-Rotenburg. Werden die Schüler klüger oder die Schulen anspruchsloser? Dieser Thematik geht der Deutsche Lehrerverband nach.

Besonders Berlin ist ein Sorgenkind: Laut einem kürzlich erschienenen Interview in der Bild-Zeitung mit Verbandspräsident Josef Kraus habe sich allein in der Hauptstadt die Anzahl der Abiturzeugnisse mit einem Notendurchschnitt von 1,0 innerhalb von zehn Jahren vervierzehnfacht. 

Eine Entwertung des Abiturs hatte Heinz-Peter Meidinger, der Chef des Philologenverbandes, bereits im Juni mit Blick auf eine statistische Auswertung im „Spiegel“ beklagt. Von einem „Kuschel-Abitur“, etwa in Nordrhein-Westfalen, war im Bericht des Nachrichtenmagazins damals die Rede. 2006 waren es dort gut 15 Prozent mit einer Eins vor dem Komma, 2013 bereits jeder vierte Abiturient.

„Auffällig“ waren vor allem 37,8 Prozent der Abschlüsse mit einem Notendurschnitt zwischen 1,0 und 1,9 in Thüringen im Jahr 2013. Das Statistik-Portal Statista führt hier Rheinland-Pfalz (18,5 Prozent), Schleswig-Holstein (17,6) und Niedersachsen (15,6) am Ende auf. 

Konsequenz für Josef Kraus: „Anspruchsvollere Bundesländer wie Bayern sollen die Abiturzeugnisse anspruchsloserer Bundesländer nicht mehr anerkennen.“ Aus dem Abitur müsse wieder „ein Attest für Studienbefähigung und nicht für Studienberechtigung werden“, führt der Verbandspräsident des Deutschen Lehrerverbandes im Interview aus. 

Hessen liegt im Mittelfeld

Hessen liegt sowohl bei den Einser-Abis (25,2 Prozent) als auch bei der Durchfallquote beim Abitur (2,6 Prozent) unauffällig im Mittelfeld.

„Das Landesabitur in Hessen ist etabliert und anspruchsvoll. Unser Notenschnitt entspricht dem hessenweiten Abiturdurchschnitt und diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren keine Veränderung gezeigt“, erklärt Michael Arendt, der Leiter der Werratalschule in Heringen, auf Anfrage. Ebenso unangesprochen bei der Kritik fühlt sich Wolfgang Haas. „Die Schüler sind nicht klüger, aber auch nicht dümmer geworden. Sie sind aber zielstrebiger bei den Prüfungen als früher, weil der Druck größer geworden ist, gute Noten für einen Studienplatz zu bekommen“, betont der Leiter der Beruflichen Schulen in Bebra.

Der 65-Jährige kann die Aussagen von Kraus mit Zahlen widerlegen. Seit 2012 gibt es in Bebra Abiturjahrgänge. Die Durchschnittsnote lag stets zwischen 2,44 und 2,54 – und somit absolut im Landesdurchschnitt. Eine glatte 1,0 hatten exakt fünf Schüler in fünf Jahren.

Steigend war allein deren Anzahl, die sich aktuell bei 85 bis 90 Schüler pro Jahrgang eingependelt habe. Zumindest in einem Punkt gibt Wolfgang Haas dem Lehrerverband Recht: „Solange es nicht – wie in Hessen üblich – überall Zentralabitur gibt und in anderen Bundesländern etwa Jahresleistungen mehr Gewicht haben, sind die Noten in einzelnen Fächern schwer zu vergleichen.“

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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