Es geht jetzt mehr um die Betroffenen

Neue Rechte für Menschen mit Behinderung: So werden sie im Kreis umgesetzt

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Klaus LandgrebeFachdienst Soziales

Ein selbstbestimmtes Leben, soweit ihnen das möglich ist, sollen Menschen mit Behinderungen führen können. Das ist das Ziel des Bundesteilhabegesetzes, das nun erweitert wurde.

Für den Fachdienst Soziales im Landratsamt bedeutet das jede Menge Arbeit.

„Das Bundesteilhabegesetz revolutioniert das Behindertenrecht“, sagt Klaus Landgrebe, verantwortlich für Wiedereingliederung im Fachbereich Soziales in der Kreisverwaltung. Denn nun gelte ein personenzentrierter Ansatz, nicht mehr ein institutionenzentrierter.

Praktisch bedeutet das, dass mit jedem Menschen mit Behinderung abgestimmt werden muss, inwieweit er sich selbst um seine Angelegenheiten kümmern kann und möchte. Jeder Mensch hat grundsätzlich das Recht, sein Geld selbst zu verwalten und selbst zu bestimmen, wie er oder sie leben möchte. In jedem einzelnen Fall muss nun besprochen werden, inwieweit diese Rechte wahrgenommen werden können und an welcher Stelle Unterstützung nötig ist, erläutert Landgrebe. Dazu ist eine Fülle von Gesprächen mit den Betroffenen, deren Betreuern - oft sind das die Eltern - und der Institution, in der die Menschen arbeiten und/oder leben, notwendig. Anträge müssen gestellt und Verträge geschlossen werden, denn auch das Geld für den Lebensunterhalt wird nun nicht mehr automatisch an die Institution überwiesen, die sich um den behinderten Menschen kümmert, sondern steht dem Betroffenen persönlich zu, erklärt Fachdienstleiter Marco Butchereit. Zusätzlicher Aufwand sowohl für die Betreuer als auch für den Fachdienst Soziales, aber auch eine Chance für Menschen mit Behinderungen, mehr Verantwortung für ihr Leben übernehmen zu können. Die Resonanz, so Butchereit, sei jedenfalls bisher bei den angebotenen Informationsabenden und Einzelgesprächen positiv gewesen.

Für den Mehraufwand habe der Fachdienst bereits Verstärkung erhalten – Mitarbeiter, sie sich aus anderen Abteilungen dafür beworben haben – und hoffe auf weitere Kräfte, sagt Butchereit. Auch ein Sozialpädagoge sei jetzt im Team und sehr hilfreich.

Kein Rundumsorglos-Paket mehr

Für viele Angehörige, die als Betreuer unter anderem die finanziellen Angelegenheiten von Familienmitgliedern regeln, war das Bundesteilhabegesetz (BTHG) erst einmal erschreckend. „Bisher gab es ein Rundumsorglospaket“, sagt Marco Butchereit, Leiter des Fachdienstes Soziales bei der Kreisverwaltung. So wurde zum Beispiel bei Menschen, die in einem Heim – jetzt: besondere Wohnform – leben, das Geld für Unterkunft, Verpflegung, Kleidung etc. direkt vom Amt an die Einrichtung überwiesen, die dann dem Behinderten auch ein Taschengeld zuteilte. Jetzt müsse im Einzelfall geklärt werden, ob der Behinderte das Geld erhält, ob seine Betreuer seine Angelegenheiten regeln oder ob alles weiterlaufen soll wie bisher. Das muss dann aber schriftlich festgehalten und auch ein Mietvertrag zwischen dem behinderten Menschen und der Institution geschlossen werden, in der ein Betroffener betreut wird, erläutert Klaus Landgrebe, verantwortlich für die Eingliederungshilfe. Für die Angehörigen bedeutet das neue Gesetz, dass sie erst einmal selbst aktiv werden und Anträge stellen müssen. „Wir haben aber alle angeschrieben und genau erklärt, was zu tun ist“, sagt Landgrebe. Auch Informationsveranstaltungen hätten stattgefunden. Der Fachdienst Soziales hält zudem engen Kontakt zu den Institutionen, in denen viele Behinderte leben und arbeiten. „Wir haben großes Interesse daran, dass es den Menschen gut geht“, betont Butchereit. Ebenso wie Klaus Landgrebe ist er davon überzeugt, dass das Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderungen und deren Familien Vorteile bringt, schon alleine deshalb, weil jetzt die Behörde vor Ort Ansprechpartner ist. Vorher lag die Zuständigkeit beim Landeswohlfahrtsverband. Welche Kosten das BTHG verursacht, kann Butchereit nicht sagen. Es habe eigentlich geheißen, dass die Umsetzung kostenneutral sein solle, aber „mehr Teilhabe heißt mehr Leistung, mehr Beratung und mehr Betreuung“, stellt er fest. Und das sei nicht zum Nulltarif zu haben. Erst recht nicht, weil mit dem Gesetz auch finanzielle Verbesserungen für die behinderten Menschen und deren Familien verbunden seien. Das heißt, die Vermögensfreigrenze, ab der der behinderte Mensch oder dessen Angehörige zu Zahlungen herangezogen werden, wurde angehoben auf jetzt 57 330 Euro. Gleichzeitig können die behinderten Menschen mehr von dem Geld, das sie zum Beispiel in einer Werkstatt verdienen, für sich behalten. Marco Butchereit und Klaus Landgrebe gehen davon aus, dass jetzt mehr Menschen Zugang zu unterstützenden Leistungen, wie zum Beispiel dem Betreuten Wohnen, suchen werden als bisher, weil ihre finanziellen Belastungen geringer seien. Das koste zwar Geld, sei jedoch hilfreich für Betroffene, ist Butchereit überzeugt. „Je länger man es schafft, behinderte Menschen in ihrem gewohnten Umfeld wohnen zu lassen, desto besser ist das für alle Beteiligten“, ergänzt Landgrebe.

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