Nachbar übt Kritik an Behörden

Kritik nach Teilabriss eines Hauses in Heimboldshausen: „Jeder Privatmann müsste den Schutt räumen“

Blick von oben: Das Wohn- und Geschäftshaus in Heimboldshausen nach dem Teilabriss. Der Bauschutt wurde nicht komplett abtransportiert, sondern zwischen die Mauern des Erdgeschosses gefüllt.
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Blick von oben: Das Wohn- und Geschäftshaus in Heimboldshausen nach dem Teilabriss. Der Bauschutt wurde nicht komplett abtransportiert, sondern zwischen die Mauern des Erdgeschosses gefüllt.

Nach dem vom Landkreis veranlassten Teilabriss eines maroden Hauses in Heimboldshausen wollen sich die Nachbarn nicht mit dem zurückgelassenen Schutthaufen abfinden und üben Kritik an den Behörden.

Heimboldshausen – Der Abrissbagger ist längst abgerückt. Geblieben sind eine mit Schutt gefüllte Ruine und der Ärger der Nachbarn – über das, was im Auftrag des Landkreises an der Heringer Straße in Heimboldshausen geschehen ist.

Aus Sicherheitsgründen hatte das Landratsamt dort Ende Juli die beiden oberen Stockwerke eines maroden Wohn- und Geschäftshauses abräumen lassen. Auf Nachfrage unserer Zeitung begründete die Kreisverwaltung ihr Vorgehen damit, dass sie – auch mit Blick die Finanzen der Eigentümer – zum mildesten Mittel der Gefahrenabwehr greifen müsse und deshalb nur die Gebäudeteile abreißen dürfe, die tatsächlich auf die Straße zu fallen drohten.

Diese Argumentation lässt Nachbar Jens Gerber allerdings nicht gelten. Der Anwohner, dessen Grundstück direkt an das Abbruchhaus grenzt, sieht vielmehr den Kreis als Auftraggeber in der Pflicht, für einen fachgerechten Abbruch zu sorgen. Genau das sei aber nicht geschehen. Schon als asbesthaltige Schindeln und Dämmwolle abgenommen wurden, seien die Anwohner nicht ausreichend geschützt worden. „Staub und Glaswolle wurden an unsere Fassade und Fenster geweht. Lüften war unmöglich“, erinnert sich der Anwohner.

Ärgert sich über das Vorgehen des Kreises: Nachbar Jens Gerber, dessen Grundstück direkt an das Abbruchhaus (im Hintergrund) grenzt.

Vor allem aber ärgert Gerber, wie das Nachbargrundstück hinterlassen wurde: Bei den Arbeiten wurde der anfallende Schutt nicht komplett abtransportiert, sondern die Ziegelsteine ins Innere des Gebäudes geworfen – ohne dass das Inventar im Erdgeschoss vorher ausgeräumt worden sei, berichtet der Anlieger. Beim Blick aus Gerbers Dachgeschossfenster auf die Ruine sind zwischen den Deckenbalken der ersten Etage neben den Backsteinen auch gesplitterte, teils lackierte Dielenbretter, Reste von Teppichen, Kabeln, Plastik und Gipskartonplatten erkennbar. Im Kellergeschoss befinde sich seines Wissens noch ein Teil der Heizung, berichtet Gerber. Öltanks und Brenner seien vor dem Abriss ausgebaut worden – wohl nur auf massiven Druck der Nachbarn.

Jens Gerber, der selbst in der Baubranche tätig ist und früher auf einem Recyclingplatz gearbeitet hat, ist überzeugt: „Jedem Privatmann, der so einen Schutthaufen hinterlässt, würden die Behörden eine Frist zum Räumen setzten. Es dürfte sich nicht ein Gramm Müll darin befinden“. Der Kreis hingegen mache es sich einfach, ohne sich um die Auswirkungen zu kümmern. Leidtragende seien die Anwohner, deren Lebensqualität eingeschränkt, Grundstückswert gemindert und Gesundheit gefährdet werde. Nachhaltig gesichert sei das Gebäude durch den Teilabriss nicht, verdeutlicht Jens Gerber: Noch immer werde Staub auf sein Grundstück geweht und gespült, fielen Schuttbrocken herab. Wasser dringe nun ungehindert ein, mache das Mauerwerk instabil und sammle sich im Keller. Schon jetzt gehe von der Ruine nach Regentagen ein unangenehmer Geruch aus. Wie der Kreis, habe auch das Regierungspräsidium als übergeordnete Behörde bislang nur abgewiegelt, beklagt Jens Gerber, der sich mit der Situation auf dem Nachbargrundstück nicht abfinden will: „Ich werde nicht eher Ruhe geben, bis diese unhaltbare Situation beseitigt ist“, kündigt er an. Dazu müssten in seinen Augen auch die verbliebenen Gebäudeteile abgetragen, der Schutt ordnungsgemäß sortiert und mit den Resten der Ziegelmauern der Keller verfüllt werden.

Einen solchen Komplettabriss hatten auch weitere Nachbarn gefordert, die davon ausgehen, dass die Kosten ohnehin beim Steuerzahler hängen bleiben werden. Denn bei den Eigentümern – dem Vernehmen nach Eheleute, bei denen ein Partner Sozialfall und der andere Partner nicht auffindbar ist – sei wohl ohnehin nichts zu holen.

Das sagt der Landkreis:

„Da die öffentliche Sicherheit und Ordnung durch den Teilabriss wiederhergestellt wurde, sind vonseiten des Landkreises als Gefahrenabwehrbehörde zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Abbruchmaßnahmen angedacht“, teilt Landkreis-Pressesprecherin Jasmin Krenz auf Nachfrage unserer Zeitung mit.

Als zuständige Gefahrenabwehrbehörde habe der Landkreis Hersfeld-Rotenburg nach § 61 der Hessischen Bauordnung den Teilabbruch des seit Jahren unbewohnten Gebäudes angeordnet. Abgebrochen worden sei nur das oberste Stockwerk, weil von diesem eine akute Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgegangen sei. Der hauptsächlich mineralische Teil des Abrissmaterials solle im Erdgeschoss verbleiben. „Hölzer wie Einrichtungsgegenstände wurden entsorgt, ebenso die zentrale Ölheizung einschließlich der Öltanks. Der Abbruch und die Entsorgung wurden von einer Fachfirma sachgerecht durchgeführt“, sagt die Landkreis-Sprecherin.

Bei dem im Erdgeschoss gelagerten „Bauschutt“ einschließlich des verbliebenen Altholzes handele es sich aus abfallrechtlicher Sicht um nicht gefährliche Abfälle, von denen keine Gefahr für die Nachbarschaft und Umwelt ausgehe.

„Wir sind uns bewusst, dass ein kompletter Abbruch des Gebäudes inklusive der Räumung des Grundstückes die städtebaulich wünschenswertere Lösung darstellen würde – allerdings ist dies nicht die Aufgabe einer Gefahrenabwehrbehörde“, so die Sprecherin der Kreisverwaltung abschließend.

Das sagt die Aufsichtsbehörde:

Das Regierungspräsidium Kassel (RP) als Obere Bauaufsicht und Arbeitsschutzbehörde sieht nach dem Teilabriss in Heimboldshausen keinen Grund zur Beanstandung, wie RP-Sprecher Hendrik Kalvelage auf Nachfrage unserer Zeitung mitteilt. Nach Hinweisen von Anwohnern hätten RP-Mitarbeiter die Situation vor Ort Anfang August persönlich in Augenschein genommen.

Die Arbeiten mit Asbest seien dem RP fristgerecht angezeigt worden. „Die ausführende Firma verfügt nachweislich über die erforderliche Sachkunde. Nach hier vorliegenden Informationen wurden die Arbeiten korrekt ausgeführt. Von einer erhöhten Gesundheitsgefährdung der Mitarbeitenden und der Anwohnenden ist daher nicht auszugehen“, so der RP-Sprecher.

Weil auf dem Gelände an der Heringer Straße unter 100 Tonnen nicht gefährliche Abfälle kürzer als ein Jahr lagerten, handele es sich aus abfallrechtlicher Sicht nicht um eine genehmigungsbedürftige Anlage im Sinne des Bundes-Immissionsschutzgesetzes. Damit liege die Zuständigkeit nicht beim Regierungspräsidium, sondern bei der Gemeinde, erklärt Hendrik Kalvelage. „Das Regierungspräsidium Kassel wird in seiner Zuständigkeit als Obere Abfallbehörde im Weiteren jedoch prüfen, ob die angefallenen Abfälle einer ordnungsgemäßen und schadlosen Entsorgung zugeführt werden“, kündigt der RP-Sprecher an. Dazu stehe allerdings noch die vollständige Vorlage der entsprechenden Unterlagen aus. Grundsätzlich liege Verantwortung für die Räumung der Abfälle beim Grundstückseigentümer.

Das sagt der Bürgermeister:

Den Ärger der Nachbarn über die Situation auf dem Grundstück an der Heringer Straße könne er voll und ganz nachvollziehen, betont Philippsthals Bürgermeister Timo Heusner. Zwar sei er grundsätzlich froh, dass der Landkreis durch sein Eingreifen für Sicherheit gesorgt habe. Ob dem allerdings mit dem Teilabriss genüge getan wurde, sei Auslegungssache. In den Augen des Rathauschefs wäre ein Komplettabriss durch den Kreis angebracht und gerechtfertigt gewesen, da von Gebäude und Abfall nun weiterhin beziehungsweise neue Gefahren ausgingen – etwa fürs Grundwasser.

Die Marktgemeinde prüfe nun die Rechtslage und in wessen Zuständigkeit die Schuttablagerung tatsächlich falle. Ziel sei es, eine Lösung zu finden, die die Situation vor Ort verbessert. Dafür werde man mit Rechtsmitteln gegen die Verursacher vorgehen und gegebenenfalls eigene Ideen entwickeln, kündigt der Bürgermeister an. (Jan-Christoph Eisenberg)

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