Erol Bektas aus Bebra ist Gewerkschafter mit Leib und Seele und Betriebsrat

Der Kümmerer für alle

Einer, der sich um die Sorgen und Nöte der anderen kümmert: Erol Bektas ist stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Continental in Bebra. Foto:  Selzer

Bebra. Erol Bektas ist stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrates von Continental Bebra und ein guter Redner. Bis er 13 Jahre alt war, lebte er in der Türkei und sprach kein Wort Deutsch. Sein Vater arbeitete damals bei der Höchst AG und holte seine Frau und die fünf Kinder nach Deutschland.

„Das war ein ziemlicher Kulturschock, von heute auf morgen weg von den ganzen Freunden und in ein fremdes Land zu kommen“, erzählt Bektas. Am Anfang wäre der Jugendliche am liebsten zu Fuß nach Hause gelaufen.

Familiäres Verhältnis

Keine andere türkische Familie wohnte damals in Reilos, doch über den Fußballverein bekam er schnell Anschluss zu Gleichaltrigen. „Auch von den Nachbarn wurde ich als Gast aufgenommen und ganz selbstverständlich bei meinen Kumpels zu Hause eingeladen und akzeptiert.“ Gerne erinnert er sich an die alte Dame, die im gleichen Haus wohnte. „Das war ein familiäres Verhältnis, fast wie zur eigenen Oma, sie gab uns die Wohnungsschlüssel, falls mal was ist.“

Seine Mutter starb schon früh, und als der Älteste fand er sich mit 20 in einer Elternrolle für seine jüngeren Geschwister wieder. Eigentlich hatte er alleine wohnen wollen, doch zusammen mit seiner Frau nahm er die Verantwortung gerne an und kümmerte sich um Schwester und Brüder. „Diese Zeit hat mich mein ganzes Leben geprägt, vermutlich bin ich auch deswegen Gewerkschafter geworden - eben der Kümmerer für alle.“

Militärputsch erschütterte

1980 war ein schweres Jahr für die Türkei. Es gab einen Militärputsch, in der Folge wurden Demokraten und Kurden verfolgt und gefoltert. Bis heute habe sich das Land nicht von dieser Zeit erholt, der frühere Geist einer freien und demokratischen Gesellschaft sei noch nicht wiederhergestellt, bedauert Bektas. In den 70er- Jahren habe es eine starke linke Bewegung gegeben, auch an den Universitäten, deren Führer jedoch ermordet wurden. „Heute haben wir dort eine ängstliche Gesellschaft, und das wird durch die jetzt voranschreitende Islamisierung noch verschärft“, meint Erol Bektas.

Viele türkische Asylsuchende kamen in Folge des 80er-Putsches nach Deutschland. Gemeinsam mit anderen gründete Erol den Freundeskreis für Asylanten und versuchte den Landsleuten zu helfen. Durch das Bad Hersfelder Buchcafé kam er in Kontakt zur Friedensbewegung und zur IG Metall. Ab 1984, damals arbeitete er bereits bei der VDO in Bebra, war er Vertrauensmann, wenige Jahre später wurde er in den Betriebsrat gewählt. Sein ganzes Leben lang hat er sich weitergebildet, er liest viel, auch die türkischen Zeitungen, und fliegt jedes Jahr einmal in die Türkei zurück. Aus beiden Kulturen und Gesellschaften möchte er sich das Beste herausholen. Obwohl er selbst nicht religiös ist, würde Erol Bektas für das Recht und die Freiheit, ein Kopftuch zu tragen, demonstrieren - auch wenn er selbst es für ein Unterdrückungsinstrument hält. „Sehr schwierig finde ich es, wenn selbst Mädchen von elf Jahren es schon tragen.“ Umgekehrt erwartet er auch von Muslimen, dass sie für Freiheit und Demokratie eintreten. Freiheit sei immer auch die Freiheit der Andersdenkenden, daher dürfe man nie nur für die eigenen Rechte kämpfen.

Für Versöhnung

Erol Bektas ist Kurde, er setzt sich für eine Versöhnung zwischen Kurden und Türken ein. Von einem eigenen kurdischen Staat hält er nichts. „Meine Landsleute sind in der ganzen Türkei verteilt, nur das tolerante Miteinander löst die Probleme. Das ist wie in einer Ehe, die beiden Partner Türken und Kurden müssen sich gleichberechtigt behandeln.“

Integration scheitert oft

„Oft ist es die Politik, die Integration verhindert, während in der Gesellschaft ganz selbstverständlich miteinander umgegangen wird. Vor allem in den kleinen Dörfern mit ihrem intakten Vereinsleben wurden Fremde besser akzeptiert, weil man sich schneller kennenlernen konnte.“

Doch gerade bei der Wohnungssuche gab es früher auch Probleme. Mehrmals wurde Erol zu einem Besichtigungstermin in eine noch freie Wohnung bestellt und musste dann die abwiegelnde Reaktion der Vermieter erleben, die am Telefon den „Ausländer“ nicht an der Sprache erkannt hatten.

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