MONTAGSINTERVIEW mit Christine Lambrecht (SPD)

Bundesjustizministerin: „Die Kultur gehört ins Grundgesetz“

Das Bild zeigt Ministerin Christine Lambrecht mit Staatsminister Michael Roth (beide SPD)
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Prominente Festspielgäste: Ministerin Christine Lambrecht mit Staatsminister Michael Roth.

Bundesjustiz- und Familienministerin Christine Lambrecht hat die Festrede zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele gehalten. Am Rande des Festakts war Gelegenheit zum Interview.

Frau Lambrecht als „Doppel-Ministerin“ haben Sie bestimmt alle Hände voll zu tun. Trotzdem haben Sie sich die Zeit genommen, zur Festspiel-Premiere nach Bad Hersfeld zu kommen. Warum?

Es ist so wichtig, dass Kultur wieder erfahrbar wird, dass Kultur auch wieder gelebt wird. Als ich die Einladung von Michael Roth bekam, war es für mich daher gar keine Frage diesen Termin – noch dazu in meinem Heimatland Hessen – wahrzunehmen. Trotzdem ist es mein erster Besuch bei den Festspielen in Bad Hersfeld. In meinem Wahlkreis an der Bergstraße gibt es viele kleinere Festspiele, aber bei uns wird noch nicht gespielt. Deshalb freue ich mich umso mehr, dass es hier jetzt endlich wieder losgeht.

In Ihrer Festrede haben Sie dafür plädiert, die Kultur auch in Corona-Zeiten zu bewahren. Nun haben sich aber viele Künstler in der Pandemie vom Staat ziemlich allein gelassen gefühlt. Kommen die milliardenschweren Hilfspakete zu spät?

Natürlich war es eine ganz schwere Situation für alle Künstler und Kulturschaffenden. Sie gehörten zu den Hauptleidtragenden der Pandemie. Vielen sind die Einnahmen komplett weggebrochen. Wir haben mit der Überbrückungshilfe schnell reagiert, um ihnen die Existenzgrundlage zu sichern. Wir haben auch die Regelungen der Künstlersozialversicherung angepasst, die natürlich auch nicht auf so eine Ausnahmesituation ausgelegt war. Und wir haben jetzt mit einem Sonderfonds Kultur das größte Kulturförderprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik aufgelegt. Wichtig war uns, die Strukturen zu erhalten, damit es jetzt auch wieder losgehen kann.

Kultur gilt oft nur als schöne Nebensache. Deshalb gibt es Stimmen, die fordern, dass die Kultur ins Grundgesetz aufgenommen wird. Was halten Sie davon?

Kultur ist keineswegs nur eine Nebensache. Die Kultur ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft, und wir haben in Deutschland eine einmalig bunte Kulturlandschaft. Sie lädt uns ein, uns mit neuen Themen und Sichtweisen auseinanderzusetzen, sie zu reflektieren und zu diskutieren. Wenn das nicht mehr möglich ist, spürt man erst, was fehlt. Ich glaube deshalb, dass es schon etwas an unserer Einstellung ändern würde, wenn die Kultur als Staatsziel festgelegt würde. Wenn die Kultur im Grundgesetz abgebildet würde, wäre das eine klare Aufwertung. Jeder, der in der Politik oder in der Verwaltung Entscheidungen trifft, müsste dann die Kultur immer im Blick haben. Das wäre ein klares Zeichen.

Im „Club der toten Dichter“ geht es um die Liebe zur Literatur, zur Poesie. Intendant Joern Hinkel verbindet mit dem Stück aber auch Kritik an dem von ihm als altmodisch und starr empfundenen Bildungssystem. Ist diese Kritik berechtigt?

Schule ist weit mehr als das Vermitteln von Lerninhalten. In der Schule lernen Kinder auch, sich mit anderen Sichtweisen und Lebenssituationen auseinanderzusetzen. Und Schule leistet einen ganz wichtigen Beitrag dazu, dass jedes Kind gute Chancen im Leben bekommt und Kinder nicht abgehängt werden. Aus meiner Sicht gibt es sehr viele Schulen, in denen dies ganz hervorragend gelingt. Auch die Schulen stecken momentan in einer ganz schwierigen Situation, denn Kinder, Eltern und Lehrer haben in der Pandemie viel mitgemacht. Als Familien- und Jugendministerin liegt mein Hauptaugenmerk darauf, dass Kinder wieder regelmäßig zur Schule gehen können, um auch wieder soziale Kontakte zu haben. Deshalb haben wir auch das zwei Milliarden Euro schwere „Corona-Aufholpaket“ auf den Weg gebracht. Mit diesem Geld sollen Kinder jenseits vom reinen Lernen auch andere Möglichkeiten erhalten – zum Beispiel, um sich mit Kultur zu beschäftigen.

Kino, Theater und Bücher kosten Geld. Gerade für sozial-schwächere Familien ist es oft schwer, ihren Kindern Freude an der Kultur zu vermitteln, weil sie ihnen die kulturelle Teilhabe nicht ermöglichen können. Was muss sich da – unabhängig von Corona – ändern?

Es gibt aus dem Corona-Paket einen Freizeitbonus für Kinder, deren Familien wenig Geld haben. Dieses Geld ist dafür gedacht, dass Kinder an Angeboten wie Freizeiten oder an Theaterworkshops teilnehmen können. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine Kindergrundsicherung brauchen - damit Kinder aus armen Familien mehr erhalten, als nur satt zu werden. Auch sie haben ein Anrecht darauf, gute Chancen im Leben zu haben und sich zu eigenständigen, selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln zu können. Dies ist für mich ein Gebot der Gerechtigkeit, für das ich mich als Sozialdemokratin weiter mit Nachdruck einsetzen werde. (Kai A. Struthoff)

Zur Person

Christine Lambrecht (56) ist in Viernheim aufgewachsen und hat in Mannheim und Mainz Jura studiert. Sie ist Rechtsanwältin. Seit 1982 ist Lambrecht in der SPD, seit 1998 sitzt sie für die Partei im Deutschen Bundestag. Seit dem 27. Juni 2019 ist sie Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz und seit dem 20. Mai 2021 auch Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zuvor war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion sowie Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesfinanzminister. Bei der Bundestagswahl 2021 will sie nicht wieder antreten. Lambrecht ist Mutter eines Kindes und geschieden.

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