Kita-Krise in Baumbach

„Klima der Angst“: Elterninitiative erhebt massive Vorwürfe gegen Kita-Leiterin

In der Kindertagesstätte im Alheimer Ortsteil Baumbach sollen Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährdet sein – das sagen ein Teil der Eltern und eine langjährige Erzieherin und kritisieren die Leiterin der Einrichtung massiv.
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In der Kindertagesstätte in Baumbach sollen Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährdet sein – das sagen ein Teil der Eltern und eine langjährige Erzieherin.

Die Kritik wiegt schwer: Mindestens 15 Eltern werfen der Leiterin der Kindertagesstätte Baumbach vor, dass dort Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährdet seien.

Alheim - Sie fordern, dass die Frau nicht mehr in ihrer jetzigen Position arbeiten darf. Zum Beispiel würden sich häufig Kinder ohne Aufsicht außerhalb des Kita-Geländes aufhalten. Eine pädagogische Fachkraft, die lange in dem Alheimer Ortsteil Baumbach gearbeitet hat, berichtet, dass mitunter Kinder bewusst nach dem Einnässen keine frische Kleidung bekommen.

Die Kita-Leiterin bezieht auf Nachfrage keine Stellung. Alheims Bürgermeister Jochen Schmidt (parteilos) stellt sich „entschieden“ vor seine Mitarbeiterin und kritisiert, dass die Frau „derart in der Presse öffentlich angeklagt“ werde. Vom gewählten Elternbeirat der Kindertagesstätte würden die Vorwürfe „in diesem Ausmaß nicht bestätigt“. Dennoch habe er den Sachverhalt umgehend „mit den Beteiligten und den politisch involvierten Mandatsträgern erörtert“.

Vorwurf gegen Kita-Leiterin: Wurde das Kindeswohl gefährdet?

Die Vorwürfe würden sehr ernstgenommen, so Schmidt weiter. Er sagt aber auch, es sei „schon sehr verwunderlich“, dass bei einer sofortigen Kontaktaufnahme der Gemeinde zur Kindergartenaufsicht beim Landkreis dort keinerlei solch schwerwiegenden kindswohlgefährdenden Vorwürfe gegen die Leitung oder andere Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter vorlägen. Unserer Zeitung liegen allerdings schriftliche Belege dafür vor, dass sowohl die Alheimer Verwaltung als auch die Fachaufsicht von mindestens einem ähnlichen Fall wissen.

Fachaufsicht: Keine Beschwerde-Statistik

Bei gravierenden Vorwürfen zu Vorkommnissen in Kitas ist der Träger gesetzlich verpflichtet, dies der Fachaufsicht beim Landkreis zu melden. Darauf weist Bürgermeister Schmidt hin. Auch Eltern können sich dort melden. Aus dem Landratsamt heißt es auf Nachfrage, ob es gehäufte Meldungen aus Baumbach gebe: „Es wird keine Statistik über eingehende Beschwerden von Eltern über Kitas geführt.“

Kita-Krise in Baumbach - Mutter spricht von „Klima der Angst“

Die Gruppe von Eltern spricht gegenüber unserer Zeitung von einem „Klima der Angst“. Das sagt unter anderem eine 35-jährige Mutter, die auch Teil des Elternbeirats ist – aber ausdrücklich nicht für dieses Gremium spricht, sondern für die Mütter und Väter, die sich als Elterninitiative bezeichnen. Sie befürchten, dass ihre massive Kritik Konsequenzen im Kita-Alltag nach sich zieht.

Am Montag fand dennoch ein Krisengespräch mit Bürgermeister, Kita-Leiterin und Vertretern der Initiative im Rathaus statt. Auch vor dem Gebäude hatten sich Eltern und Großeltern versammelt, um den Vorwürfen Nachdruck zu verleihen – wir berichteten. Zustandegekommen war das Treffen erst nach Recherchen unserer Zeitung, bei denen auch die Gemeinde kontaktiert wurde. Zuvor, so die 35-Jährige, sei man weder im Alheimer Rathaus noch bei der Fachaufsicht des Landkreises durchgedrungen.

Bürgermeister zur Kita-Krise: Kritik wird ernst genommen und Gespräche werden dokumentiert

Die Vorwürfe von Teilen der Elternschaft gegen die Baumbacher Kita-Leiterin sind vielfältig. Es geht dabei nicht nur um Handlungen oder Aussagen der Leiterin selbst, sondern auch von ihren Angestellten. Der Tenor der Elterninitiative ist dabei stets der gleiche: Im Kindergarten seien Sicherheit und Gesundheit der Kinder gefährdet – und dafür sei die Leiterin der Einrichtung nicht nur formal verantwortlich, sondern auch ganz praktisch, weil sie selbst diese Atmosphäre schaffe, meinen die Eltern.

Nach unserem Bericht in der Dienstagsausgabe über ein Krisengespräch im Alheimer Rathaus hat sich eine Erzieherin gemeldet, die viele Jahre in Baumbach gearbeitet hat. Sie untermauert die Vorwürfe und nennt zusätzliche Details.

Mit allen Vorwürfen hat unsere Zeitung Bürgermeister Jochen Schmidt und die Kita-Leiterin konfrontiert. Sie wollen sich zu Details nicht äußern. Schmidt sagt aber, dass die Kritik „sehr ernst genommen“ werde. Er habe „alle erhobenen Vorwürfe intern mit den Beteiligten und den politisch involvierten Mandatsträgern erörtert“. Das Ergebnis liege als Dokumentation in der Verwaltung vor. So werde auch bei künftigen Vorwürfen verfahren.

Vorwürfe gegen Kita-Leiterin: Kind soll Kita mit fremder Mutter verlassen haben

Mehrfach ist es laut den Eltern vorgekommen, dass Kinder außerhalb des Kita-Geländes allein gespielt haben sollen. Die Erzieherin bestätigt das und sagt, das sei sogar mit Krippenkindern passiert. Sie seien draußen „vergessen“ worden. Auch sei oft versäumt worden, den Türschnapper wieder zu verriegeln – sodass die Jungen und Mädchen ohne Aufsicht seien. Außerdem, kritisieren die Eltern weiter, würden keine Ausweise kontrolliert, wenn die Kinder von Personen abgeholt werden, die dem Personal nicht persönlich bekannt sind. Auch das bestätigt die Erzieherin und fügt hinzu, dass es schon dazu gekommen sei, dass ein Kind die Kita unbemerkt nicht mit der eigenen, sondern einer anderen Mutter verlassen habe. Dieser Frau sei das erst auf dem Heimweg aufgefallen.

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Das Thema Gesundheit ist für die Eltern das drängendste – sowohl körperlich als auch psychisch. Eine pädagogische Fachkraft soll, dass es außerhalb der Kita zu hören war, gebrüllt haben: „Wenn ihr jetzt nicht die Fresse haltet, dann raucht’s.“ Das berichtet eine 35-jährige Mutter, die Teil der Elterninitiative ist. Sie habe diesen Wutausbruch selbst gehört. Ähnliche Situationen mit ähnlicher Wortwahl kämen immer wieder vor.

Kita-Krise in Baumbach: Werden Kinder von Mahlzeiten ausgeschlossen?

Bei der körperlichen Gesundheit geht es teils um vermeintlich kleine Details wie etwa den Vorwurf, dass die Seife an den Waschbecken entfernt worden sei, nachdem die Kinder damit Quatsch gemacht hätten. Es geht aber auch darum, dass Kinder immer wieder in unangemessener Kleidung umherliefen. So würden häufig die Kleider nicht gewechselt, wenn sich ein Kind eingenässt habe. Wenn ein Kind die regenfeste Kleidung vergessen habe, werde darauf keine Rücksicht genommen. Auch würde sich der Nachwuchs, wenn er bei Kälte keine Mütze aufsetzen wolle, eben ohne Mütze draußen aufhalten. Das bestätigt die Erzieherin. „Die sind alt genug, die müssen das lernen“, laute die Erklärung der Chefin häufig.

Ein weiterer Vorwurf der Eltern, den die Erzieherin ebenfalls bestätigt: Kinder würden als pädagogische Maßnahme von Mahlzeiten ausgeschlossen oder es werde bewusst in Kauf genommen, dass sie nicht teilnehmen.

Elterninitiative mit Vorwurf gegen Kita: Vertrauensvolle Gespräche sind nicht mehr möglich

Die Elterninitiative kritisiert massiv, dass vertrauensvolle Gespräche mit den Bezugserziehern ihrer Kinder nicht mehr möglich seien. Das treffe wohl nicht auf alle Eltern zu, aber auf viele. Die Kita-Leiterin sei bei diesen Gesprächen dabei und bestimme, was den Eltern erzählt werde. Die Chefin ist insgesamt für mehr als 70 Kinder verantwortlich. Die Erzieherin sagt dazu: „Die Eltern erfahren, soweit ich das mitbekommen habe, nicht mehr, wie es ihren Kindern im Kindergarten wirklich geht.“

Die Leiterin habe außerdem dafür gesorgt, dass beim Abholen und Bringen ein Gespräch zwischen Eltern und Erziehern kaum möglich sei. Der Nachwuchs werde in einen Durchgangsraum geschickt, wo er dann abgeholt werde. Die Eltern erzählen, sie hätten aus dem Erzieher-Kreis gehört, dass das so gehandhabt werde, damit nicht mehr so viel Austausch zwischen Eltern und Erziehern stattfinde. Die Leiterin teilt laut der Erzieherin immer wieder Kinder neuen Gruppen zu, ohne die Eltern zu informieren.

Kita in Baumbach - rund zehn Fachkräfte haben innerhalb von zwei Jahren gekündigt

In den vergangenen zwei Jahren haben rund zehn pädagogische Fachkräfte gekündigt. Die Bezugspersonen der Kinder wechseln also ständig. Die Erzieherin erklärt, wie es aus ihrer Sicht zu dieser Fluktuation kommt: „Wir haben pädagogische Dinge hinterfragt und wurden daraufhin unter Druck gesetzt. Es ist mehrfach vorgekommen, dass die Chefin uns in Gesprächen zum Weinen gebracht hat – danach mussten wir gleich wieder zu den Kindern, die unser verheultes Gesicht natürlich sofort bemerken.“

Wenn jemand kündige, würden die Gründe dafür weder Kollegen noch Eltern oder Kindern mitgeteilt. Verabschiedungen würden unterbunden – die Kinder erführen also nicht, was mit ihren Bezugspersonen passiert sei. Wenn dann neue Kollegen kämen, würden diese teilweise sofort mit den Kindern allein im Raum gelassen, ohne die Kinder oder den Tagesablauf zu kennen. Die Erzieherin sagt: „Manche Kinder sind sehr offen, denen scheint der häufige Erzieher-Wechsel nichts auszumachen. Aber es gibt auch viele, die dann total verschüchtert sind und sich zurückziehen.“

Vorwurf gegen Kita: Bei Kritik werde der Ton besonders ruppig

Die Eltern, die nun mit unserer Zeitung gesprochen haben, hat das viel Überwindung gekostet, berichten sie. Sie sprechen von einem „Klima der Angst“ und fürchten, dass ihre Kinder Konsequenzen zu spüren bekommen. Die Erzieherin sagt: „Kinder von Eltern, die sich beschwert haben, werden danach meist offensichtlich anders behandelt. Entweder mit so übertriebener Freundlichkeit, dass es auch die Kinder merken. Oder sie kriegen richtig Dampf.“ Dann werde der Ton besonders ruppig und die Kinder würden zum Beispiel beim Anziehen alleingelassen. Auch seien es gerade diese Kinder, deren Kleidung nach dem Einnässen nicht gewechselt werde.

Die Erzieherin berichtet zudem, dass für das Personal auch mit einer Kündigung der Druck nicht aufhöre. „Wenn du irgendwo von Problemen erzählst – ein Anruf und du bekommst nie wieder einen Erzieher-Job“, sei eine der Aussagen der Kita-Leiterin. Das sei der Grund, warum sich bisher niemand getraut habe, „zu reden“.

Es seien selten Einzelvorfälle, die zu Kündigungen führten. In der Summe sei es für viele Erzieher irgendwann unerträglich gewesen, die Auswirkungen dieses Klimas auf ihre Schutzbefohlenen mit anzusehen, ohne etwas tun zu können. „Was dort passiert, ist eine Diktatur“, sagt die ehemalige Erzieherin über die Kita Baumbach. (Christopher Ziermann)

Heftige Vorwürfe stehen gegen einen Ex-Schulleiter einer Grundschule in Hersfeld-Rotenburg im Raum - hat er Kinder missbraucht?

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