Letzter Müller der Mühle:

Im Backsteinhaus in Bebra wird Mehl noch wie in alter Zeit gemahlen

Bebra. Es ist, als würde man beim Betreten der Mühle Rehwald, eines Backsteinhauses an der Nürnberger Straße in Bebra, in eine andere Zeit reisen.

Der Arbeitsplatz von Oliver Nagel könnte genauso gut ein faszinierendes Museum sein und versprüht den Charme einer industriellen Epoche, die längst vergangen ist.

Arbeitsplatz ist das falsche Wort, denn Oliver Nagel lebt in dieser Welt und ist in ihr aufgewachsen - auf den verschiedenen Ebenen des Gebäudes mit ausgetretenen Holzfußböden, wo jahrzehntealte Maschinen arbeiten, wo sich Räder drehen, surrende Riemen kreuz und quer verlaufen und Säcke aus Papier mit dem fertigen Mehl lagern.

„Ich bin der letzte Mohikaner.“

Der 47-Jährige, der jünger wirkt, bewegt sich geschmeidig inmitten der ausgeklügelten Technik, justiert mit flotten Handgriffen die arbeitenden Maschinen. Um die Qualität zu prüfen, öffnet er eine Klappe, lässt sich Roggenkörner in die Hand rieseln und wirft einen ganz kurzen Blick darauf, dann verschwinden sie wieder im Mahlwerk.

Für ihn bestand nie ein Zweifel, dass er den Betrieb seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters fortführen würde. Das sagt er mit einem Lächeln.

Die Eltern sahen das zeitweise anders angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung. Aber für Nagel waren die Kindheitserlebnisse in dieser Welt zu schön: Er erinnert sich, wie sich die Schlepper nach der Ernte mit vollen Anhängern die Nürnberger Straße hinabstauten, wie er beim Abladen des Getreides half und mit dem Vater aufs Feld fuhr, um Getreide zu holen.

Heute ist vieles anders. Ein einzelner Landwirt liefert auf einen Schlag zehn Tonnen Roggen, mehr als 150 Tonnen verarbeitet die Mühle Rehwald jährlich.Den Großteil davon lagert Nagel direkt nach der Ernte ein. Im Frühjahr kauft er dann nochmals Roggen an.

Der letzte seiner Art: Müller Oliver Nagel aus Bebra

Die strukturellen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte beschreibt er als dramatisch. Gab es in den 1960er Jahren allein in Bebras Kernstadt noch sieben Bäckereibetriebe und dazu Bäckereien auf vielen Dörfern, ist deren Zahl rapide zurückgegangen. Heute beliefert Nagel in Bebra nur noch die Bäckerei Klee sowie sechs weitere Betriebe in Rotenburg und Lispenhausen. Ein Problem sind für Nagel auch die hohen Betriebskosten, etwa für den Strom.

Wegen all dieser Veränderungen, der Schließung vieler kleiner Bäckereien, weiß Nagel mit Gewissheit, dass seine Kinder den Betrieb nicht fortführen werden. Nagel: „Ich bin der letzte Mohikaner.“

Mehr über den Müller Oliver Nagel, über das alte Backsteinhaus und wie Korn zu Mehl gemahlen wird, lesen Sie in der gedruckten Freitagausgabe und im E-Paper unserer Zeitung.

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