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Lost Places: Die Stollen aus dem Bergbau bei Nentershausen

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Von: René Dupont

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Kaum einer kann so spannende Geschichten über den Bergbau im Richelsdorfer Gebirge erzählen wie er: Heinz Probst vor dem Mundloch des Karlstollens bei Nentershausen mit einer Original-Grubenlampe.
Kaum einer kann so spannende Geschichten über den Bergbau im Richelsdorfer Gebirge erzählen wie er: Heinz Probst vor dem Mundloch des Karlstollens bei Nentershausen mit einer Original-Grubenlampe. © René Dupont

Als „Lost Places“, als vergessene Orte, bezeichnet man alte Ruinen, verlassene Industrieanlagen. In unserer Serie besuchen wir einige davon und erinnern an ihre Geschichte. Heute: Die Stollen im einstigen Bergbaugebiet bei Nentershausen.

Nentershausen – Der Gedanke ist heute kaum noch vorstellbar: 500 Jahre war ein großer Teil der heute so liebevoll und treffend mit „Waldhessen“ bezeichneten Landschaft geprägt vom Bergbau im Richelsdorfer Gebirge – ein Industriegebiet mit vergleichsweise riesigen Ausmaßen zwischen Ronshausen, Sontra, Richelsdorf und Iba.

Doch 1966 fiel der letzte Hammer. Das lange Kapitel Bergbau, das Last, aber mitunter auch bescheidenen Reichtum für die Menschen bedeutete, war zu Ende geschrieben.

Aus dem Boden herausgeklopft, gebohrt und gesprengt worden war zuerst nur Kupfer, später noch Kobald, Nickel und Schwerspat.

Längst hat die Natur sich dieses große Industriegebiet zurückerobert. Unzählige stumme Zeugen erinnern an die Vergangenheit: Die Mundlöcher der Stollen, mit Bäumen bewachsene Hügel, unter denen ehemalige Schächte begraben liegen, vereinzelt auch Gebäude.

Die meisten Überbleibsel der Vergangenheit liegen abseits der Wege, viele von Grün überwuchert und nur von Bergbau-Experten auszumachen. Die Stollen – ein gigantisches Netzwerk im Erdinneren – sind zu vergessenen Orten geworden. Von festem Gestein umgeben, sind sie nur an wenigen Stellen eingestürzt, Erdabsenkungen die Ausnahme.

Aus Sicherheitsgründen sind die Stollen aber längst zugemauert oder mit dicken Eisengittern versperrt. Die Mundlöcher der Stollen sind wie Gucklöcher in vergangene Welten.

Eines dieser unzähligen Mundlöcher im Richelsdorfer Gebirge liegt oberhalb des Spielplatzes von Nentershausen. „Als Kinder sind wir noch in den Stollen rum gekrabbelt“, erzählt Heinz Probst auf dem Weg zu diesem vergessenen Ort.

Gut zehn Meter kann man durch das Mundloch in den Karlstollen hineinschauen. Danach ist er eingestürzt.
Gut zehn Meter kann man durch das Mundloch in den Karlstollen hineinschauen. Danach ist er eingestürzt. © René Dupont

Sein Allrad-Wagen hat zu kämpfen auf dem regengetränkten schmalen Waldweg. Der 85-Jährige besitzt die lebenslange Lizenz, hier fahren zu dürfen. Er ist der Leiter des Heimat- und Bergbaumuseums Nentershausen und seit Jahrzehnten mit seinen Mitstreitern engagiert, den Bergbau nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Das Info-Schild, das windschief vor dem Stollen steht, ist verrostet und verwittert, nur noch wenige Buchstaben zu entziffern. „Mundloch des Karlstollen“ steht dort in großen Lettern. Landgraf Karl hat Ende des 17. Jahrhunderts den Bergbau wieder zu neuem Leben erweckt, ist dort zu lesen.

Ringsum liegen Haselnusssträucher geschlagen am Wegesrand. Die wenigen Schritte vom Weg hinab zum Mundloch muss man aufpassen, nicht ins Straucheln zu geraten. Ein Gitter versperrt den Zugang, der Eingangsbereich ist mit Natursteinen gesichert. „Kalktuff“, sagt der Experte. Die Zahl 1720 ist auf den Mauersteinen mit viel Fantasie noch zu entziffern.

Etwas mehr als zehn Meter kann man hineinschauen in die Vergangenheit – wenn man eine gute Taschenlampe im Gepäck hat.

Die Stollen im Richelsdorfer Gebirge waren gerade mal 1,40 Meter hoch und 60 Zentimeter breit. Auch dieses Foto findet man im Heimat- und Bergbaumuseum in Nentershausen, das viele Schätze bewahrt, die auch deutschlandweit Beachtung finden.
Die Stollen im Richelsdorfer Gebirge waren gerade mal 1,40 Meter hoch und 60 Zentimeter breit. Auch dieses Foto findet man im Heimat- und Bergbaumuseum in Nentershausen, das viele Schätze bewahrt, die auch deutschlandweit Beachtung finden. © Bergbaumuseum/NH

Der Karlstollen bohrt sich über fünf Kilometer durch den Berg bis unter das Dorf Süß – mitunter bis zu 120 Meter tief. „Er war mit 21 Lichtlöchern versehen. Das sind Schächte, die für die Be- und Entlüftung sorgen“, berichtet Probst. Der Bergingenieur war selbst Bergmann, zuletzt als Fahrsteiger bei K+S in Heringen.

„Zwei Hauptprobleme im Bergbau sind das Wasser und das Licht“, erzählt Probst. Der Karlstollen sollte so einen Spezialauftrag erfüllen. Er diente zwar den Bergleuten auch als Weg zum Abbaufeld, wurde selbst aber nur zur Ableitung des Wassers des Reviers angelegt und war die längste Wasserlinie im Richelsdorfer Gebirge.

Knochenarbeit: Das Foto zeigt Bergleute vor dem Mundloch des Kurfürsten-Stollens bei Iba Ende der 1950er-Jahre. Heute führt der Naturerlebnisweg dort vorbei. Der Stollen ist im beleuchtbaren Anfangsbereich wieder begehbar gemacht, der Zutritt allerdings verboten.
Knochenarbeit: Das Foto zeigt Bergleute vor dem Mundloch des Kurfürsten-Stollens bei Iba Ende der 1950er-Jahre. Heute führt der Naturerlebnisweg dort vorbei. Der Stollen ist im beleuchtbaren Anfangsbereich wieder begehbar gemacht, der Zutritt allerdings verboten. © Bergbaumuseum/NH

„Morgens um 5 Uhr riefen die Glocken die Bergleute zur Arbeit“, erinnert der 85-jährige an den Alltag der Bergleute auch in Nentershausen. Nach einer kurzen Andacht im Bethaus standen zwölf Stunden Knochenarbeit in den Stollen an. „Die Abbauhöhe betrug 40 Zentimeter. Die Bergleute konnten nur im Liegen arbeiten.“

Dramatische Geschichten hat auch der Karlstollen erlebt. Anfang der 1950er-Jahre starb ein Schuljunge am Mundloch. „Aus dem Stollen lief damals ein starker Bach“, erzählt Probst. Der Junge wurde von dem Wasser mitgerissen in das Rohr, durch das das Wasser abgeleitet wurde und ertrank.

In Richelsdorf ist die Vergangenheit vor ein paar Jahren wieder wie ein böses Gespenst aufgetaucht. Das Dorf ächzt noch immer unter den Altlasten des Betriebs der Richelsdorfer Hütte.

Erinnerung muss aufrecht erhalten werden

Die Mitarbeiter des Bergbaumuseums, das von einem Verein betrieben wird, kämpfen mit unglaublichem Engagement dafür, die Erinnerung wachzuhalten.

Mittlerweile entstehen Rundwanderwege und Radwege, die auch zu den ehemaligen Bergbaustätten führen. „Das ist aber immer noch viel zu wenig, um die Erinnerung an die besondere Montanlandschaft hier bei uns wach zu halten“, findet Heinz Probst. Im Harz zum Beispiel werde viel mehr dafür getan. Wünschen würde er sich zum Beispiel, einen Besucherstollen einzurichten.

Auch wenn noch viel Kupfer in der Erde liegt, hält Probst es für unwahrscheinlich, dass der Bergbau in der Region wieder auferstehen wird.

Was diese Orte noch lebendig hält, sind die unglaublichen Geschichten, die die ehemaligen Bergleute erzählen. Auch aus Heinz Probst sprudeln die spannenden Anekdoten wie eine Quelle – von einer Probebohrung bis zu 1000 Metern Tiefe bis hin zu den Häftlingen, die angeblich ihre Beute nahe Nentershausen im Wald versteckt hatten.

Wenn die alten Bergleute aussterben, wird es endgültig ruhig um diese jetzt schon verlassenen und vergessenen Orte. dup

(René Dupont)

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