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Pfenning-Group gesprächsbereit mit Kritikern in Bebra

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Von: Clemens Herwig

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Der Multi-Cube Osthessen wächst bereits in den Himmel von Ludwigsau: Die Grundsteinlegung wurde am Donnerstag symbolisch nachgeholt.
Der Multi-Cube Osthessen wächst bereits in den Himmel von Ludwigsau: Der Vergleich mit den Arbeitern verdeutlicht die Dimensionen des Bauwerks. Die Grundsteinlegung wurde am Donnerstag symbolisch nachgeholt. Auf 220 000 Quadratmetern Fläche – so groß wie 31 Fußballfelder – entstehen elf Hallenmodule, in denen Lebensmittel und Pharmaprodukte im Temperaturbereich zwischen 14 und 18 Grad gelagert werden können. © Kim Hornickel

Logistiker Pfenning setzt auf den Kreis Hersfeld-Rotenburg: In Ludwigsau hat das Unternehmen jetzt die Grundsteinlegung gefeiert. In Bebra gibt es gegen ein Projekt in der Fulda-Aue Widerstand.

Ludwigsau – Die Pfenning-Logistik-Group hat sich bei der Grundsteinlegung für ein neues „Multi-Cube“-Logistikzentrum in Ludwigsau klar zu ihrer Verantwortung für die Umwelt bekannt. „Nachhaltigkeit ist für uns nicht nur ein Wort“, sagte der Geschäftsführer Rana Matthias Nag bei der Zeremonie vor zahlreichen geladenen Gästen, darunter Vertreter aller beteiligten Firmen und der Gemeinde Ludwigsau.

„Allerhöchste Umweltstandarts“

Er äußerte Verständnis für die Kritiker der Bauvorhaben, versicherte aber, dass das Unternehmen die allerhöchsten Umweltstandards einhalten werde. So würden unter anderem batterie-betriebene Fahrzeuge eingesetzt und Fotovoltaik-Anlagen, sowie Luft-Wärme Pumpen zum Kühlen und Heizen eingesetzt. Ein weiteres Kühlzentrum entsteht derzeit an der Wippershainer Höhe in Bad Hersfeld, dort wird kommende Woche der Grundstein gelegt. Alle Bauarbeiten schreiten schnell voran und liegen voll im Zeitplan.

Angesichts der aktuellen politischen Weltlage, der steigenden Preise und der Lieferengpässe, wachse der Bedarf für Logistikzentren und Lagerflächen in Deutschland enorm – weshalb Pfenning auch gleich drei Projekte, in Bad Hersfeld, Ludwigsau und vielleicht auch Bebra, plane.

Auch Sponsor der Festspiele

„Wir leben in spannenden Zeiten, trotzdem wollen wir nicht zögerlich sein, sondern Entscheidungen treffen“, sagte Geschäftsführer Nag. Das Unternehmen strebe eine enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde und örtlichen Institutionen an. So ist die Pfenning-Group neuerdings unter anderem auch Sponsor der Bad Hersfelder Festspiele.

Ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und dem neuen Standort in Ludwigsau legte auch Matthias Fleischer, zuständig für die Lieferketten bei Nestlee, ab. „Ludwigsau ist ein ganz wichtiger Baustein für uns“, sagte Fleischer. Zuvor war Nestlee 30 Jahre in Berlin ansässig, nun gehe man bewusst „in die Mitte Deutschlands“ und nicht nach Polen. Für die Gemeinde Ludwigsau würdigte Bürgermeister Wilfried Hagemann die gute Zusammenarbeit mit der Pfenning-Group und deren Bemühungen um die Nachhaltigkeit. „Bei uns sind die Bürger nicht auf die Barrikaden gegangen, in anderen Orten ist das anders“, sagte Hagemann mit Blick auf die Nachbarn in Bebra, wo gegen den Bau eines weiteren Logistikzentrums der Pfenning-Group der Widerstand wächst.

Größe muss sich rechnen

Auf Nachfrage unserer Zeitung bekräftigte Torsten Radszuweit, Leiter Zentraleinkauf und Immobilien, die Gesprächsbereitschaft der Pfenning-Group mit den Kritikern in Bebra. „Wir haben auch nicht das Gefühl, dort gar nicht willkommen zu sein“, sagte er. Pfenning sei bereit, die Hallengröße anzupassen, allerdings „muss sich die Größe auch für uns rechnen“. Deshalb benötige man eine bestimmte Grundfläche, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

Radzuweit kündigte weitere Gespräche mit der Stadt Bebra an. Ausschlaggebend für die Entscheidung für Bebra sei der dortige Bahnanschluss gewesen. „Wir sehen eine Chance, die Historie der Eisenbahnerstadt mit der Zukunft zu verknüpfen“, sagte Radzuweit. (Kai A. Struthoff)

Umweltverbände wollen „Spuk“ beenden

Die Landkreis-Ableger der Umweltverbände BUND und Nabu, der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) sowie die Naturkundliche Gesellschaft Mittleres Fuldatal lehnen den Entwurf der Firma Pfenning für eine Neun-Hektar-Logistikhalle in der Fulda-Aue in Bebra geschlossen ab – und wollen notfalls alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um das Projekt zu verhindern.

Die Umweltverbände haben „grundsätzliche Bedenken gegen diesen riesigen Flächenverbrauch“ im Auen- und Überschwemmungsbereich der Fulda unweit des Industriegebiets West, heißt es in einer Pressemitteilung. „Alle Planungen widersprechen ausdrücklich dem vom Kreistag beschlossenen Integrierten Klimaschutzprogramm.“ Das Projekt reihe sich nahtlos in den „Logistikwahn im Landkreis Hersfeld-Rotenburg“ ein, versiegele wertvolle Flächen und sei aus rechtlichen Gründen und Gemeinwohlinteressen nicht genehmigungsfähig.

Bitte an Stadtparlament

Bebras Stadtparlament – das eine Grundsatzentscheidung fällen soll und auf Bitten des Investors damit bis voraussichtlich September wartet – wird gebeten, gegen eine wohlwollende Begleitung des Projekts durch die Stadt zu stimmen „und damit dem Spuk von vorneherein ein Ende zu setzen“.

Das Unternehmen aus Heddesheim (Baden-Württemberg) hatte Interesse an mehr als 20 Hektar und damit einer Fläche von über 28 Fußballfeldern an der Georg-Ohm-Straße bekundet. Die überwiegend landwirtschaftlichen Flächen des sogenannten „Kuhrasens“ liegen teilweise in einem Überschwemmungsgebiet sowie Landschaftsschutzgebiet. Nur ein Fünftel ist derzeit als Gewerbe- und Industriegebiet vorgesehen. Ein Bebauungsplan müsste erstellt und der Flächennutzungsplan geändert werden. Entstehen könnte dann ein sogenannter MultiCube mit Fotovoltaik-Anlagen. Genutzt werden soll auch ein Industriestammgleis, um eingehenden Warentransport auf die Schiene zu verlegen. Die Umweltverbände vermuten dahinter allerdings lediglich eine „kosmetische Aufwertung des Projekts“.

„Hochwasserschutz konterkariert“

Durch den Eingriff in den Überschwemmungsbereich der Fulda würden stattdessen die erfolgreichen Hochwasserschutzmaßnahmen der vergangenen Jahre konterkariert, kritisieren die Umweltschützer.

Mit der Halle werde das Fuldatal in diesem Bereich um 600 Meter eingeengt. Die Konsequenzen hätten die Kommunen im Oberlauf der Fulda zu tragen. „Mir scheint, dass die Planer aus den jüngsten Hochwasserkatastrophen und Überschwemmungen im Ahrtal nichts gelernt haben“, so der Ludwigsauer Jörg Althoff vom BUND-Kreisvorstand.

Insbesondere die Stadt Bebra habe in den vergangenen Jahrzehnten große Teile der natürlichen Überschwemmungsbereiche der Fulda-Aue durch Gewerbe- und Industriegebiete vernichtet. Die Planungen für eine nicht mehr zeitgemäße Umgehungsstraße B 83 Lispenhausen sowie eine dritte überflüssige Fuldabrücke der Stadt Rotenburg verschärften die Situation noch weiter.

Auch ein Vogelschutzgebiet als wichtiger Rastplatz der Tiere sprícht aus Sicht der Umweltschützer gegen das Projekt.

Heimat und Rastplatz für 52 gefährdete Vogelarten

Die Bedeutung der Fulda-Aue und des Kuhrasens für den Vogelschutz unterstreicht auch Arno Werner vom bundesweit anerkannten Verband Naturschutzinitiative. In den vergangenen zehn Jahren hat der Vogelkundler drei Wetterextreme im März und April registriert, die Tausende von Zugvögeln zu einer „Notlandung“ in dem Gebiet bei Bebra gezwungen hätten, um auf bessere Bedingungen für den Weiterflug zu warten. An einigen dieser Tage seien auf dem Kuhrasen Ansammlungen von 1000 Feldlerchen, 800 Kiebitzen und Bluthänflingen, 750 Saatkrähen, 370 Kranichen sowie 230 Lachmöwen und 100 Wiesenpiepern sowie 40 Individuen des extrem seltenen Goldregenpfeifers gezählt worden.

Unser Foto zeigt Naturschützer Arno Werner mit einem Spektiv am Kuhrasen mit Blick in Richtung Bebraer Auferstehungskirche.
„Kuhrasen“ ist wichtig für die Artenvielfalt: Unser Foto zeigt Naturschützer Arno Werner mit einem Spektiv am Kuhrasen mit Blick in Richtung Bebraer Auferstehungskirche. Im Vordergrund eine Ausgleichsfläche für den Bau der jüngsten Continental-Halle – jetzt Vitesco – die aus Sicht der Umweltschützer bereits „grenzwertig“ war. © Clemens Herwig

Große Bedeutung für den Vogelschutz

Nicht nur der Kuhrasen, sondern auch dessen Umfeld haben eine hohe Bedeutung für das EU-Vogelschutzgebiet Fuldatal, so Werner. Die bisherige Liste beinhalte bereits 52 Vogelarten, die auf verschiedenen Gefährdungslisten stehen. Für zehn Arten habe Hessen sogar eine besondere Verantwortung, weil diese global bedroht sind oder 50 Prozent des Weltbestandes in Europa konzentriert ist. Das treffe etwa auf den Rotmilan zu, der in der Fulda-Aue ein bevorzugtes Nahrungsrevier habe. Der Grünspecht brüte sogar dort.

„Gutachter kann keiner bezahlen“

Seit 20 Jahren stehe die Fulda-Aue im Mittelpunkt von ornithologischen Kartierungen, um Informationen zu den dort lebenden Brut- und Rastvögeln zu erhalten. Intensiv könne das nur durch vor Ort lebende ehrenamtliche Naturschützer erfolgen: „Beauftragte Gutachter sind dazu nicht in der Lage, das könnte keiner bezahlen“, sagt Arno Werner.

Das Gebiet für das sogenannte Monitoring erstreckt sich von den Kiesgruben in Bebras Süden bis nach Lispenhausen im Norden. Das Vorkommen von Vogelarten wird durch den Gesang der Tiere und Beobachtungen festgestellt.

Fotos von Vögeln werden am Computer ausgewertet

Die Erfassung der Brutvögel erfolgt in der Regel von Anfang März bis Ende Juli nach einem allgemeingültigen Methodenstandard des Dachverbands Deutscher Avifaunisten (DDA). Rastvögel werden das ganze Jahr über beobachtet. Für möglichst genaue Angaben werden die Vögel nicht nur vor Ort gezählt, sondern auch Fotografien der Tiere am Computer mithilfe eines Gitterrasters ausgewertet.

„Ständiger Landfraß“

Laut Arno Werner sind in der Fulda-Aue und besonders in der Flur Kuhrasen in den zurückliegenden Jahren bereits die meisten Feldvögel wie Braunkehlchen, Wiesenpieper und Kiebitz durch intensive Landwirtschaft und „ständigen Landfraß“ verschwunden. Die verbleibenden wie die Wiesenschafsstelze und die Feldlerche gelte es zu retten. „Da steht der Zeiger schon auf 12“, sagt Naturschützer Werner. (Clemens Herwig)

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