Zum Schutz der Haselmäuse

Holzrücken mit 1 PS: Pferde machen Platz für Stromtrasse Wahle-Mecklar

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Arbeit auf Zuruf: Holzrückerin Kerstin Wipke und ihr Pferd Nanuk bei den Rodungsarbeiten für die Stromtrasse von Wahle nach Mecklar.

Mecklar/Reilos. Stromnetzbetreiber Tennet rodet im Kreis Hersfeld-Rotenburg für die Trasse von Wahle nach Mecklar - mit der tierischen Muskelkraft von  Rückepferden.

Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. Während Motorsägen kreischen und Bäume krachend zu Boden stürzen, knabbert das Rheinisch-Deutsche Kaltblut Nanuk genüsslich an einem Zweig.

Auch eisiger Wind, minus 6,5 Grad Außentemperatur und Schneegestöber lassen den 760-Kilo-Koloss buchstäblich kalt. Kein Wunder – bedeutet Nanuk in der Sprache der Eskimos doch Eisbär. „Schwierig wird es eher im Sommer, erklärt Holzrückerin Kerstin Wipke. Dann werde Nanuk schon mal nervös, weil Bremsen und andere Insekten ihn piesacken. 

Zur Sicherheit: Die Ketten, mit denen Kaltblut Nanuk die Baumstämme zieht, hängt Kerstin Wipke nur in offene Haken ein. So kann die Holzrückerin ihr Pferd befreien, falls der Stamm ins Rutschen kommt.

Im Auftrag des Stromnetzbetreibers Tennet sind die 42-Jährige aus Habichtswald-Ehlen bei Kassel und ihr Kollege Daniel Rudloff aus Empfershausen in der thüringischen Rhön mit ihren Pferden oberhalb des Mecklarer Umspannwerks im Einsatz. Dort haben die Rodungsarbeiten für den Bau der 380-kV-Trasse von Wahle nach Mecklar begonnen.

Haselmaus überwintert

178 Masten sollen auf dem hessischen Abschnitt der Stromtrasse gebaut werden. „Nicht für jeden müssen Bäume gefällt werden“, erläutert Reemt Bernert, Referent für Bürgerbeteiligung bei Tennet. Wo gerodet wird, erledigen diese Arbeit meist schwere Maschinen. An insgesamt fünf Masten-Standorten seien allerdings Rückepferde im Einsatz – überall dort, wo das Gelände unwegsam ist oder der Boden geschont werden muss. 

Kraftpaket: Daniel Rudloff schlängelt sich mit Kaltblüter Merlin durchs Geäst. 

So wie zwischen Reilos und Mecklar. „Der Pferdeeinsatz ist eine Auflage der Oberen Naturschutzbehörde“, erklärt der für Forst und Ökologie zuständige Tennet-Teilprojektleiter Henner Ellerbruch. Denn in Erdhöhlen im Waldboden halte die geschützte Haselmaus Winterschlaf. Das alleine schließe den Harvester-Einsatz noch nicht aus, betont Ellerbruch. Aber an dieser Stelle gebe es keine Rückegassen – Schneisen, auf denen die schweren Maschinen den Boden bei der letzten Holzernte so verdichtet haben, dass die Haselmaus keinen Unterschlupf mehr findet.

Seit sieben Jahren ein Team

Deshalb sind Kerstin Wipke und Nanuk gefragt. Seit fast sieben Jahren sind die 42-Jährige und der zehnjährige Kaltblüter ein Team. Das Holzrücken mit Pferden sei zunächst nur Hobby gewesen, erzählt Wipke, die zuvor als Försterin gearbeitet hat. Baumstämme, die so schwer sind wie er selbst, könne Nanuk in der Ebene bewegen – bergab sogar noch mehr Gewicht.

Fast ausschließlich mit ihrer Stimme dirigiert die Holzrückerin das schwere Tier samt angehängter Last zwischen den Bäumen hindurch bis zum Waldweg, wo ein Rückeschlepper den Stamm übernimmt. Nach etwa vier Stunden wechselt Kerstin Wipke die Pferde – nicht etwa, weil Nanuks Kräfte schwinden, sondern seine Konzentration. „Dann wird es gefährlich“, sagt seine Besitzerin. 

Der Pferde-Einsatz sei im Vergleich zu Maschinen etwas teurer, erklärt Henner Ellerbruch. Allerdings gebe es auch nicht mehr genügend Menschen, die diese Arbeit beherrschen, um alle Standplätze auf diese Weise zu roden. Beim Aufbau der Masten seien Maschinen dann wieder erlaubt – nachdem die Haselmäuse im Mai ihr Winterquartier verlassen haben.

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