Als die Schulen im Dorf waren

Nicht nur Nostalgie: Ludwigsauer hat ein Buch über Dorfschulen geschrieben

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Die Schule im Dorf: Unser Foto zeigt Erwin Willing vor dem Haus seiner Geburt und seiner Jugend, der ehemaligen Meckbacher Dorfschule. Heute dient sie als Dorfgemeinschaftshaus des Ortes.

Meckbach. Erwin Willing aus Ludwigsau hat ein Buch über Geschichte und Geschichten der Dorfschulen geschrieben

In den ehemaligen Dorfschulen Ludwigsau werden schon lange keine Schüler mehr unterrichtet. Die Gebäude dienen heute als Dorfgemeinschaftshäuser. Erhalten geblieben sind die Schulchroniken von Meckbach, Mecklar, Friedlos, Rohrbach, Tann, Biedebach und Beenhausen.

Der gebürtige Meckbacher Erwin Willing hat den alten Chroniken neues Leben eingehaucht. Herausgekommen ist ein Spiegel der Zeitgeschichte, ein unterhaltsam-historisches Werk über die Sorgen und Nöte der Menschen vor allem im 20. Jahrhundert, ein Kaleidoskop aus der Zeit, als die Schulen noch im Dorf waren.

Nicht nur Nostalgie

Autor Willing hütet sich davor, die alten Zeiten nur positiv einzustufen. Nostalgische Verbrämung ist nicht sein Ding. Er unterhält und informiert zugleich. Er erzählt und ordnet ein. Immer wieder werden Parallelen zu aktuellen Diskussionen deutlich.

Insbesondere die Finanzierung und die Ausstattung der Dorfschulen war stets ein heiß umkämpftes Thema zwischen Gemeinden und vorgesetzten Stellen des Kaiserreiches. Da wurden munter alte Kneipensäle, ja sogar private Wohnzimmer angemietet, nur um den kostspieligen Neubau von Schulen zu verhindern. Hin und her gingen die Schreiben mit dem einzigen Zweck, der jeweils anderen Seite den „schwarzen Peter“ zuzuspielen. Die Leidtragenden waren die Schülerinnen und Schüler.

Eingepfercht, der Massentierhaltung gleich, saßen sie in entweder im Sommer überhitzten oder im Winter bitterkalten Kammern. Krankheiten oder gar Epidemien hatten leichtes Spiel. Nicht wenigen Eltern waren die Schulen ein Dorn im Auge, hielten sie doch den Nachwuchs von der Arbeit auf der eigenen Scholle ab. Eine ordentliche Kartoffelernte war wichtiger als das kleine Einmaleins, ein voller Magen befriedigender als die hohe Kunst des Lesens und Schreibens.

Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 1903-1907 mit den Lehrern Rang und Schulz vor der Meckbacher Dorfschule.

Unterricht gab es zunächst von den „Schulhaltern“, zum Teil Handwerkern wie Webern, die während des Unterrichtens noch ihrem Beruf nachgingen und denen die Schulhalterei ein kleines Zusatzeinkommen bescherte. Erst später wurde die Lehrerausbildung staatlich geregelt.

Willing erzählt im Spiegel der Zeitgeschichte, wie die Lehrkräfte bei ihren häufig vorkommenden Vertretungen zu Fuß oder per Fahrrad mühsame Wege zu den Dörfern in der heutigen Gemeinde Ludwigsau über häufig nur äußerst mäßig ausgebaute Straßen und Wege auf sich nehmen mussten, um die Schulen der Nachbarorte zu erreichen.

Besonders gut sei das Ansehen der „Schulmeister“ anfangs nicht gewesen. Erst später hätten die Herren Lehrer dann zu den Honoratioren der Dörfer wie Förster und Pfarrer gehört, berichtet Erwin Willing, in Meckbach geborener Sohn des Lehrers Jakob Willing. Zum guten Ruf des pädagogischen Fachpersonals trugen auch deren Nebentätigkeiten bei. Da die Ausbildung auch die Beherrschung eines Instruments vorsah, spielten die Dorflehrer häufig die Kirchenorgel und dirigierten den örtlichen Chor.

Erneut widersteht Erwin Willing jeglicher Geschichtsklitterung. So berichtet er von der völkischen Begeisterung des Beenhäuser Dorflehrers zu Beginn des Dritten Reiches ebenso wie von den Meckbachern, bei denen einige besonders „Eifrige“ Hitler 1932 schon vor dessen Machtergreifung zum Ehrenbürger ernannten. 

Gebührenden Raum nehmen in Willings 275-Seiten-Werk auch die bisweilen eher belustigenden Seiten des zumeist ernsten Weltgeschehens vor Ort ein. So berichtet er aus den Chroniken von Bemühungen der Dorfschüler, mittels Seidenraupen zur Steigerung der Tuchproduktion für Fallschirme während des Zweiten Weltkrieges beizutragen. Mit einem Augenzwinkern vermutet Willing, dass die zur Nahrung der Raupen gepflanzten 100 Maulbeerbüsche in Tann nur deshalb nicht so recht gedeihen wollten, weil sie auf dem Adolf-Hitler-Platz gepflanzt wurden. 

Aktuelle Parallelen zur Neuzeit zeigt der Autor auch im Kapitel über die Aufnahme der Heimatvertriebenen nach Kriegsende auf. Nicht allen Dörflern waren die etwas anderen Menschen aus den Ostgebieten willkommen, zumal sie häufig auch als Nahrungs- und Wohnraumkonkurrenten angesehen wurden. Dem endgültigen Ende der Dorfschulen trauert Autor Willing nicht nach. Am Ende seien sie doch etwas aus der Zeit gefallen gewesen, schreibt er. Vor allem aber hätten Dorfkinder seitdem grundsätzlich das gleiche Recht, sich schulisch und beruflich selbst zu verwirklichen wie Schüler aus den Stadtschulen. Willings Werk ist schon deshalb lesenswert, weil es jenseits von Nostalgie und Schönschreiberei ein buntes Spiegelbild des Alltags vor Ort präsentiert. Der historische Kontext gibt dem dörflichen Alltag den Rahmen und hilft uns heute, das Gestern zu verstehen. (ft)

Das Buch

Das Buch mit dem Titel „Als die Schule noch im Dorf war“ kann sowohl im örtlichen als auch im Online-Buchhandel bezogen werden. Es ist auch direkt beim Autor erhältlich. Interessenten wenden sich bitte direkt an Erwin Willing, Muskatellerstraße 8, 86179 Augsburg, E-Mail: gewilling@web.de.

Zur Person

Geboren 1936, aufgewachsen in Meckbach. Nach dem Abitur Eintritt in die Luftwaffe. Ausbildung zum Militärpiloten in den Vereinigten Staaten. Starfighter-Pilot. 1983 auf eigenen Wunsch als Oberst vorzeitig ausgeschieden. Studium der Psychologie, Sozial- und Erziehungswissenschaften. Bis 2006 Referent in Seminaren für Betriebsräte. Erwin Willing ist seit 1962 verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt in Augsburg. Nach seinen eher biografischen Werken „Von einem, der auszog, das Fliegen zu lernen“ sowie „Vergöttert und verteufelt“ sorgte Willing zuletzt 2016 mit seiner Hommage an den Ort seiner Kindheit „Dinner un Blücks sinner“ für Aufsehen.

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